Gestern präsentierte uns das Staatsfernsehen ZDF den Film „Warschau ’44“. Bereits im vorangehenden „heute journal“ wiederholte „Qualitätsjournalist“ Claus Kleber die Mär von Stalins Verrat am Warschauer Aufstand. Der polnische Kinofilm von Jan Komasa erwähnt sie nur am Rande, doch die anschließende Dokumentation zum Thema wälzt sie um so mehr aus. Auch wenn lediglich rund eine Million Zuschauer den Film sahen, und nur 0,71 Millionen die Dokumentation, ist diese Demagogie Anlaß genug, an dieser Stelle einen rz-Artikel von 2005 erneut zu veröffentlichen.
Der Verrat des Aufstands von Warschau
Der Aufstand:
Anfang August 1944 kam es in Warschau zum Aufstand, der am 1. Oktober zu Ende war. Nach acht Wochen blutigster Kämpfe gegen die übermächtigen Nazi-Truppen, denen 300.000 Menschen zum Opfer fielen, mußten die Aufständischen kapitulieren.
Die Legende:
Die Regierung der polnischen Obristen in ihrem sicheren Londoner Exil benutzten dieses Katastrophe für ihre antikommunistische Propaganda gegen die Sowjetunion.
General BorKomorowski, Kommandant der „Armija Krajowa“, und das Mitglied der Exilregierung Mikolajczyk erklärten, daß die UdSSR Schuld an der Niederlage der Aufständischen sei.
Stalin habe den Warschauer Aufstand verraten.
Stalin opferte die nationalen Kräfte des polnischen Volkes den Nazis, um nach dem Sieg über das faschistische Deutschland eine prokommunistische Regierung in Polen errichten zu können.
Deshalb stoppte die Rote Armee vor den Toren Warschaus ihren Vormarsch und wartete ab, bis der Aufstand niedergeschlagen war.
Auch dieser schmutzige und antikommunistisch motivierte Vorwurf, der zusammen mit den Lügen über die sogenannte „polnische Teilung durch Hitler und Stalin“ und dem angeblichen „sowjetischen Massaker von Katyn“ (sh. auch: Dossier Stalin) die drei Hauptargumente für die von der Reaktion behauptete polenfeindliche Politik der UdSSR darstellt, wurde zu jener Zeit von niemandem geglaubt. Erst später, zu einer Zeit, als es politisch nützlich erschien, wurde dieser Vorwurf wieder ausgegraben und – wider besseren Wissens – als absolute Wahrheit in die Welt gesetzt.
Um die Wahrheit wirklich zu erkennen, müssen wir wieder die Vorgeschichte, den genauen Verlauf und die Bedeutung dieses Aufstands im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Roten Armee betrachten.
Die Tatsachen:
Am 4. August 1944 sendet der britische Premier W. Churchill eine Botschaft an Stalin, die er als dringend, geheim und persönlich deklariert. Er schreibt: „Auf dringendes Ersuchen der polnischen Untergrundarmee werfen wir, falls das Wetter günstig ist, ungefähr 60 Tonnen Kriegsmaterial und Munition über dem südwestlichen Stadtteil Warschaus ab, in dem, wie mitgeteilt wird, ein polnischer Aufstand gegen die Deutschen im Gange ist. Die Polen erklären ferner, daß sie um russische Hilfe bitten, die sehr nahe scheint. Sie werden von anderthalb deutschen Divisionen angegriffen. Das könnte für ihre eigenen Operationen von Nutzen sein.“1
Stalin antwortet am folgenden Tag:
„Ihre Botschaft hinsichtlich Warschaus habe ich erhalten.
Ich halte die Ihnen von den Polen übermittelte Information für stark übertrieben und für nicht sehr vertrauenswürdig. Zu einer solchen Schlußfolgerung kann man schon deshalb kommen, weil sich die polnischen Emigranten gewissermaßen die Einnahme von Wilna durch irgendwelche Einheiten der Armija Krajowa zugeschrieben haben und das sogar im Rundfunk bekannt gaben. Das entspricht aber natürlich in keiner Weise den Tatsachen. Die Armija Krajowa der Polen besteht aus einigen Abteilungen, die sich fälschlicherweise als Divisionen bezeichnen. Sie haben weder Artillerie, Flugzeuge noch Panzer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie solche Abteilungen Warschau einnehmen wollen, das die Deutschen mit vier Panzerdivisionen, darunter die Division ,Hermann Göring‘, verteidigen.“2
Am 12. August schreibt Churchill abermals an Stalin:
„Ich habe eine erschütternde Botschaft von den Polen in Warschau empfangen, die nach zehn Tagen noch immer gegen beträchtliche deutsche Streitkräfte, die die Stadt in drei Teile aufgespalten haben, kämpfen.
Sie bitten flehentlich um Maschinengewehre und Munition. Können Sie ihnen nicht noch etwas mehr Hilfe leisten, da die Entfernung von Italien so sehr groß ist?“3
Stalins Antwort vom 16. August:
„Nach der Unterredung mit Herrn Mikolajczyk habe ich dem Oberkommando der Roten Armee befohlen, im Raum von Warschau intensiv Waffen abzuwerfen. Es ist auch ein Verbindungsmann mit dem Fallschirm abgesetzt worden, der – wie das Oberkommando meldet – seinen Auftrag nicht erfüllen konnte, weil er von den Deutschen getötet wurde.
Im weitern habe ich mich näher mit der Warschauer Angelegenheit vertraut gemacht und bin zu der Überzeugung gelangt, daß die Aktion in Warschau ein unüberlegtes, furchtbares Abenteuer darstellt, das die Bevölkerung große Opfer kostet. Das hätte vermieden werden können, wenn das sowjetische Oberkommando vor Beginn der Warschauer Aktion informiert worden wäre und die Polen mit ihm Verbindung unterhalten hätten.“4
Sechs Tage später, in Beantwortung eines weiteren Hilferufs, den Churchill und Roosevelt gemeinsam an Stalin sandten, schreibt dieser:
„Ihre und Präsident Roosevelts Botschaft über Warschau habe ich erhalten. Ich möchte dazu meine Meinung äußern.
Früher oder später wird die Wahrheit über die Verbrecherbande, die das Warschauer Abenteuer anzettelte, um die Macht an sich zu reißen, allen bekannt werden. Diese Elemente haben das Vertrauen der Warschauer ausgenutzt und viele praktisch wehrlose Menschen den deutschen Kanonen, Panzern und Flugzeugen ausgeliefert. Es ist eine Lage entstanden, bei der jeder neue Tag nicht den Polen für die Befreiung Warschaus, sondern den Hitlerfaschisten nutzt, die in unmenschlicher Weise die Einwohner Warschaus ausrotten.
Vom militärischen Gesichtspunkt aus ist die entstandenen Situation, die die besondere Aufmerksamkeit der Deutschen auf Warschau lenkt, sowohl für die Rote Armee wie für die Polen außerordentlich unvorteilhaft. Dennoch tun die sowjetischen Truppen, die in der letzten Zeit auf neue beachtliche Versuche der Deutschen gestoßen sind, Gegenangriffe durchzuführen, ihr möglichstes, um diese Gegenangriffe der Hitlerfaschisten zurückzuschlagen und bei Warschau zu einer neuen großangelegten Offensive überzugehen. Es kann keinen Zweifel geben, daß die Rote Armee keine Anstrengungen scheuen wird, um die Deutschen bei Warschau zu zerschlagen und Warschau für die Polen zu befreien. Das wird die beste und wirksamste Hilfe für die polnischen Antifaschisten sein.“5
Stalin nennt die Organisatoren dieses Aufstands eine Verbrecherbande. Warum? Um diese Frage zu beantworten, muß man die Vorgeschichte des Aufstands betrachten.
Im Januar 1944 war in Warschau der Volkskongreß von Polen (Krajowa Rada Narodowa) zusammengetreten. Das war die Vereinigung aller Gruppen, Parteien und Personen, die den Kampf gegen die Faschisten führten, und in der die Kommunistische Arbeiterpartei Polens führend beteiligt war. Zum Volkskongreß gehörten auch die Sozialistische Partei Polens, zahlreiche oppositionelle Organisationen der polnischen Bauernpartei, parteilose Persönlichkeiten und Gruppen von Intellektuellen und Künstlern, sowie auch militärische Untergrundorganisationen, darunter auch verschiedenen Einheiten der Armija Krajowa, die unter dem Befehl der Londoner Exilregierung standen. Einer der dort gefaßten Beschlüsse war der, alle Kräfte zu Schaffung einer einheitlichen Volksarmee (Armija Ludowa) einzusetzen.
Der Volkskongreß arbeitete auch mit dem 1943 in der UdSSR von Exilpolen gegründeten „Bund der polnischen Patrioten“ zusammen, sowie mit der in den Reihen der Roten Armee kämpfenden „Polnischen Armee in der UdSSR“.
Aus dem Volkskongreß entstand dann das „Polnische Komitee der nationalen Befreiung“, das am Tag der Befreiung Lublins durch die Rote Armee sein Manifest von Lublin verkündete und auch Lubliner Komitee genannt wird.
Die politische Einstellung der polnischen Obristenregierung in London kommt dadurch zum Ausdruck, daß sie den Hauptgegner bereits vor dem Kriege in den Kommunisten ausgemacht hatte, den polnischen wie denen der Sowjetunion. Sie zogen den Einmarsch Hitlers einem Bündnis mit der UdSSR vor.
Diese Leute sahen jetzt die Gefahr, daß sich in Polen ohne sie eine echte Volksbewegung gegen die Nazi-Okkupanten entwickelte, an der auch noch die verhaßten Kommunisten beteiligt waren. Selbst A. Werth, von dem bekannt ist, daß er keine Sympathien für den Kommunismus empfindet, kommt angesichts der Sachlage zu folgendem Schluß:
„Es ist keine Frage, daß der Warschauer Aufstand den letzten verzweifelten Versuch darstellte, Polens Hauptstadt von den sich zurückziehenden Deutschen zu befreien und gleichzeitig zu verhindern, daß das Lubliner Komitee in Warschau Fuß faßte und sich dort – nach dem Einzug der siegreichen Sowjetarmee – endgültig etablierte.“6
Aus diesem Grund gaben die Londoner Obristen faktisch sofort nach dem Manifest des Lubliner Komitees den Befehl zum Warschauer Aufstand. Sie wußten was sie taten.
Das Oberkommando der Rote Armee wurde bewußt nicht informiert, eine Koordination war somit unmöglich. Die Kommandierenden der Roten Armee, darunter Stalin, erfuhren erst durch die Nachricht der britischen Regierung von diesem Aufstand.
Zum Zeitpunkt des Beginns des Warschauer Aufstands begann die Rote Armee gerade mit der Durchführung der neuen Befehle vom 28. Juli. Diese Befehle beinhalteten folgendes:
Die 3. Weißrussische Front sollte bis zum 2. August 1944 Kowno erobern und nach Ostpreußen vorstoßen, die 2. Weißrussische Front über Lomscha nach Westpreußen vorrücken und die 1. Weißrussische Front unter dem Kommando Rokossowskijs sollte Brest erobern und versuchen, bis zum 8. August das Ostufer der Weichsel zu erobern, vor allem Praga, das an diesem Ufer gegenüber von Warschau lag. Südlich von Warschau sollte sie mehrere Brückenköpfe am Westufer der Weichsel errichten.
Die Obristen in London beriefen sich später scheinheilig auf den in der „Prawda“ veröffentlichten Artikel „Auf nach Warschau“ der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. Aufgrund dieses Artikels hätten sie den Befehl zum Aufstand gegeben. Statt den angeblichen Partner zu informieren, die Aktion zu koordinieren, pochten diese Herren im Nachhinein auf einen Zeitungsartikel. Auch wenn er in der „Prawda stand, so drücke ich mich noch höflich aus, wenn ich dieses Verhalten lächerlich nenne.
Auch ist nicht zu übersehen, daß dieser Feldzug der Roten Armee schwerer wurde als angenommen, da der deutsche Widerstand wesentlich stärker war als erwartet.
In der ersten Augusthälfte 1944 hatten im Raum östlich Warschaus die Deutschen die Luftherrschaft zurückerobert. Sie flogen vom 1. bis zum 13. August genau 3.316 Lufteinsätze, die Rote Armee nur 3.170. Das deutsche Oberkommando verstärkte seine Truppen bei Praga um eine Infanterie- und vier Panzerdivisionen. Bei der Panzerschlacht vor Praga verlor die Rote Armee 500 Panzer.
In seinen „Erinnerungen eines Soldaten“ schreibt der faschistische deutsche Panzergeneral Guderian, daß die Rote Armee im August und September 1944 nicht in der Lage gewesen sei, Warschau zu nehmen, denn die Wehrmacht hatte dort alle Kräfte konzentriert. Die faschistische Führung in Berlin wußte sehr wohl, daß Warschau den Weg nach Berlin öffnete. Deshalb hatte Hitler, so Guderian, den Befehl gegeben, „Warschau um jeden Preis zu halten“.7
Trotz der äußerst schwierigen Situation, trotz der Tatsache, daß dieser Aufstand ein Abenteuer war, versuchte die Rote Armee alles, um den Aufständischen zu Hilfe zu kommen. Das angebliche „Stillhalten“ der Roten Armee bis Mitte September – ein Stillhalten, das erstaunlicherweise mit der Einnahme Pragas endete – kostete der Roten Armee 160.000 tote und schwerverwundete Sowjetsoldaten.
Als die Lage der Aufständischen nahezu unhaltbar geworden war, gelang es dem sowjetische Oberkommando am Ostufer der Weichsel einen Schutzring mittels Artilleriefeuer zu errichten, der den Aufständischen die Flucht erleichtern sollte. Diesen Fluchtweg nutzten aber nur einige Zehntausend.
Nach der verlustreichen Einnahme von Praga im September und dem von der Wehrmacht zurückgeschlagenen Versuch, Brückenköpfe auf dem Westufer der Weichsel zu errichten, die eine direkte Kontaktaufnahme zu den Aufständischen ermöglicht hätten, verstärkten die Sowjetarmee und die in ihren Reihen kämpfende polnische Armee, unter dem Kommando des Generals Berling, ihre Anstrengungen. Vom 14. September bis zur Kapitulation der Aufständischen am 1. Oktober 1944 flog die Rote Armee mehr als 2.000 Lufteinsätze, wobei über dem Gebiet der Aufständischen pausenlos Waffen, Lebensmittel und sonstige Nachschubgüter abgeworfen wurden.
Selbst Churchill muß in seinen hetzerischen Memoiren zugeben, daß ab 10. September sowjetische Granaten den Osten Warschaus, wo die Deutschen massiert waren, konzentriert trafen, daß seit dem 14. September zahllose Sowjetflugzeuge Hilfsgüter und Waffen brachten.8
Daß die Haltung und Meinung der Sowjetführung richtig war, bestätigten auch zwei Offiziere der Armija Krajowa, die Warschau am 29. Juli 1944 verlassen hatten, um nach Moskau zu fahren, wo sie Mikolajczyk, das Mitglied der Londoner Exilregierung, der sich gerade in Moskau aufhielt, treffen wollten.
Das Ziel dieser Reise war es, von dem Vertreter der Exilregierung im Namen zahlreicher Offiziere von Abteilungen der Armija Krajowa die Rücknahme des Befehls zum Aufstand zu erreichen.
Bei einer Pressekonferenz des Lubliner Komitees am 26. August 1944 berichteten diese beiden Offiziere:
„Bereits am 25. Juli hatten sie von General BorKomorowski den Befehl erhalten, sich für den Aufstand bereit zu halten. Nach Auffassung dieser beiden Offiziere hatte kein Zweifel daran bestehen können, daß die Aufständischen Warschau unmöglich halten konnten, es sei denn, sie schlugen erst im letzten Augenblick zu, das heißt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Russen praktisch bereits in der Stadt waren. Unglücklicherweise hatten die beiden Oberste fast 14 Tage gebraucht, um Lublin zu erreichen, und als sie endlich eintrafen, war es zu spät.
Einer von ihnen, Oberst Rawicz, berichtete, das Hauptquartier habe den Befehl zum Aufstand bereits gegeben, als die Russen noch 35 Kilometer vor Warschau standen. Er und viele andere Offiziere hätten die Erteilung des Aufstandsbefehls für Wahnsinn gehalten, solange die Russen die Weichselbrücken nicht erreicht hätten. ,Wir rechneten nicht mit einem Einmarsch der Russen vor dem 15. August. Aber der Mann auf der Straße – und sie wissen, wie mutig und romantisch die Warschauer sind – war überzeugt, die Russen würden schon am 2. August in der Stadt sein, und begeistert machte er mit…‘
Rawicz schien sehr bewegt, als er von der Vernichtung Warschaus sprach. Tränen standen in seinen Augen, als er seine Frau und Tochter erwähnte, die in dem brennenden Inferno zurückgeblieben waren. Seiner Schätzung nach hatten bereits 200000 Menschen in Warschau den Tod gefunden.“9
Die Zahl der Opfer, wie man heute weiß, war noch weit höher.
Sie alle, die so mutig gekämpft hatten, die ihr Leben im Kampf gegen die bestialische Besatzung von Wehrmacht, SS und Gestapo geopfert haben, fielen, weil die Regierung der Obristen auf ihrem Rücken den Kampf um die Macht in Polen nach dem Sieg über die deutschen Faschisten führte.
Daß die polnischen Obristen in London diejenigen waren, die mit dem Leben der Warschauer spielten, ergibt sich auch aus einem Brief Stalins an Churchill und Roosevelt, den er am 8. August 1944 verfaßte.
Darin wird deutlich, daß die polnische Exilregierung, durch ihren Vertreter Mikolajczyk, bei dem Treffen mit den Vertretern des Lubliner Komitees in Moskau eine Zusammenarbeit verhindert hat, trotz der weitreichenden Vorschläge der Repräsentanten des Komitees, die der Exilregierung in einer gemeinsamen polnischen Regierung sogar die Führung, das Amt des Ministerpräsidenten angeboten hatten.
„Ich möchte Sie über die Begegnung mit Mikolajczyk, Grabski und Romer informieren. Die Unterredung mit Mikolajczyk hat mich davon überzeugt, daß er über die Lage in Polen ungenügend unterrichtet ist. Dabei hatte ich den Eindruck, daß Mikolajczyk nicht dagegen ist, daß Wege zur Vereinigung der Polen gefunden werden.
Da ich es für unmöglich halte, den Polen irgendeine Lösung aufzuzwingen, habe ich Mikolajczyk vorgeschlagen, daß er und seine Kollegen sich mit den Vertretern des Polnischen Komitees der Nationalen Befreiung treffen sollten, um mit ihnen gemeinsam ihre Probleme zu erörtern, vor allem die Frage der baldigen Vereinigung aller demokratischen Kräfte Polens auf dem befreiten polnischen Territorium. Diese Begegnungen haben stattgefunden. Ich bin darüber durch beide Seiten informiert worden. Die Delegation des Nationalkomitees hatte vorgeschlagen, der Tätigkeit der polnischen Regierung die Verfassung von 1921 zugrunde zu legen, und billigte im Falle des Einverständnisses der Gruppe Mikolajczyk vier Ministersitze zu, darunter das Amt des Ministerpräsidenten für Mikolajczyk. Mikolajczyk konnte sich jedoch nicht entschließen, dem zuzustimmen. Leider haben diese Begegnungen noch nicht zu den gewünschten Resultaten geführt. Trotzdem waren sie aber von positiver Bedeutung, denn sie gaben sowohl Mikolajczyk wie auch Morawski und dem soeben aus Warschau eingetroffenen Bierut die Möglichkeit, sich gegenseitig ausführlich über ihre Auffassungen zu informieren, insbesondere darüber, daß sowohl das Polnische Nationalkomitee wie auch Mikolajczyk den Wunsch zum Ausdruck bringen, zusammenzuarbeiten und in dieser Richtung nach praktischen Möglichkeiten zu suchen. Man kann dies als erste Etappe in den Beziehungen zwischen dem polnischen Komitee und Mikolajczyk und seinen Kollegen bezeichnen. Wollen wir hoffen, daß es in Zukunft besser vorangeht.“10
Diese Hoffnung Stalins, die er auf die Tatsache begründete, daß sich diese Vertreter immerhin getroffen hatten, war leider vergeblich.
Die Exilregierung verweigerte die Zusammenarbeit. Den Aufstand, den sie schon vor diesem Treffen befohlen hatte, und seine blutige Niederschlagung durch die Nazis, sollten später als Argument gegen die UdSSR dienen.
Es ist eine ungeheure Lüge, wenn angesichts der gewaltigen Opfer der Roten Armee, ihrer vielfältigen Versuche, Hilfe zu leisten, behauptet wird, sie habe abgewartet, um „den politischen Konkurrenten ermorden zu lassen“. Es ist eine ungeheure Lüge, wenn angesichts der zahlreichen Versuche der Sowjetführung, eine einheitliche polnische Nationalregierung zu unterstützen, behauptet wird, sie habe nur Kommunisten an der Regierung sehen wollen, deshalb habe sie die Warschauer Helden geopfert.
Gerade andersherum liegen die Tatsachen: Es war die Exilregierung in London, diese Interessenvertretung der polnischen Feudalen und der englischen und französischen Monopolkapitalisten, die nur Antikommunisten in einer polnischen Regierung sehen wollte und deshalb dieses blutige Abenteuer befahl, den Warschauer Aufstand.
Klaus Wallmann sen.
Fußnoten:
1) Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman, S. 308, Berlin 1961
2) a.a.O., S.309
3) a.a.O., S.312
4) a.a.O., S.314
5) a.a.O., S.316
6) Alexander Werth, Rußland im Kriege 1941-1945, S. 589, München 1965
7) Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, S. 588/589, Heidelberg 1951
8) W. Churchill, Memoiren, Bd. 6, 1. Buch, S. 177f.
9) A. Werth, a.a.O., S. 587
10) Briefwechsel, S. 310