Am 30.Juni 1913 billigte die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag die Deckungsvorlage für die neuen Militärausgaben. Das Kapital und das Militär frohlockten. Die bürgerlichen Medien taten alles, um dem deutschen Volk die Aufrüstung schmackhaft zu machen. „Unser europäisches Kleid ist uns zu eng geworden, mögen die Männer, die unsere Geschicke leiten, Sorge tragen, daß Deutschland den Platz an der Sonne erhält, den es beanspruchen darf und muß“ hieß es z.B. in den „Berliner Neueste Nachrichten“ vom 1.Juli 1913.
Rosa Luxemburg erkannte im Verhalten der Reichstagsfraktion, daß in den Reihen der Partei Unklarheit über die „Tendenzen der heutigen imperialistischen Geschichtsphase“ herrsche. Sie kam zu dem Schluß, daß „nur aus dem außerparlamenarischen Druck und der Machtentfaltung der Volksmassen… im heutigen Deutschland jeder Fußbreit politischen Fortschritts und bürgerlicher Freiheit entstehen“ kann.
Die vom Frankfurter Staatsanwalt Hofmann als „Staatsfeindin Nr.1“ bezeichnete Rosa Luxemburg führte ihren Kampf gegen Militarismus und Krieg trotz Anklagen und Verurteilungen fort. Am 28.Juli 1914 erreichten die Antikriegsdemonstrationen ihren ersten Höhepunkt.
Am 1. August befahl Wilhelm II. die Mobilmachung und erklärte Rußland den Krieg. Ohne Kriegserklärung marschierten deutsche Truppen ins neutrale Luxemburg ein.
Am 2. August verständigte sich die sozialdemokratische Fraktion auf eine positive Haltung zu den Kriegskrediten.
Am 3. August erklärte Deutschland Frankreich den Krieg. Am Abend diesen Tages erkärte Rosa Luxemburg: „Wir haben das Schlimmste zu befürchten. Die Reichstagsfraktion wird uns morgen verraten. Sie wird sich nur der Stimme enthalten!“
Am 4. August marschierten deutsche Truppen ohne Kriegserklärung in das neutrale Belgien ein. England erklärte daraufhin den Krieg gegen Deutschland.
Am Nachmittag stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion in „patriotischer Pflichterfüllung“ für die Kriegskredite.
Für Rosa Luxemburg war der Kriegsausbruch ein schreckliches Ereignis, doch als noch schrecklicher empfand sie die Haltung der Sozialdemokratie. 1917 schreibt sie: „Seit dem 4. August 1914 hat in der deutschen Sozialdemokratie ein Prozeß der Zersetzung und des Zerfalls eingesetzt, der keinen Tag und keine Stunde ruht und der sich mit der ganzen Strenge und Folgerichtigkeit eines Naturprozesses vollzieht.“
Die damaligen deutschen Sozialdemokraten gleichen den heutigen. Die Beweise dafür, daß sie nicht die Interessen der arbeitenden Massen vertreten, liefern sie uns täglich auf’s Neue. So ist angeblich kein Geld für das Gesundheitswesen da, doch U-Boote zum Stückpreis von 500 Millionen Euro kann man bauen. Es ist auch kein Geld für Kindergärten und Schulen da, aber das deutsche Militär bekommt ein eigenes Satellitensystem zum Preis von 500 Millionen Euro. Zur Finanzierung kann man ja den ALG-II-Opfern für einen Monat ihr Almosen streichen.
„Die ehemalige deutsche Sozialdemokratie, wie sie ‚einst im Mai‘ war, existiert nicht mehr, es gibt nur eine, wie sie im August geworden. Jene ehemalige deutsche Sozialdemokratie mit ihrer ‚altbewährten Taktik‘ ruht unter den zermalmenden Rädern des imperialistischen Triumphwagens.“
Legen wir also zum 90.Todestag der deutschen Sozialdemokratie eine Nelke auf ihr Grab und machen uns dabei in aller Deutlichkeit klar, daß es eine Arbeiterpartei SPD nicht gibt. Ziehen wir daraus unsere Schlußfolgerungen für die kommenden Wahlen.
Klaus Wallmann sen.