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ARCHIV 2003 – 2017

Zum 17. Juni 1953

Klaus Wowereit (SPD) und Franz-Josef Jung (CDU) legten aus Anlaß des Jahrestages der Ereignisse um den 17. Juni 1953 in Berlin einen Kranz nieder. Ein Gleiches tat die sogenannte „Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge – Opfer des Stalinismus (VOS)“, die damit versuchte, den Hitler-Faschismus mit dem Sozialismus in der Sowjetunion gleichzusetzen.

Erneut versuchen die bürgerlichen Politiker ihre antikommunistische Sicht der Geschehnisse zu verbreiten. Auch in den diesjährigen Gedenkreden fehlten jedoch die US-Panzer, die am 17. Juni in Bayern, Hessen und Berlin an der Staatsgrenze der DDR auffuhren. Die Tatsache, daß bereits einen Tag vorher, am 16. Juni, der Leiter des US-Geheimdienstes, Allan W. Dulles, in Berlin eingetroffen war, fehlt ebenso. Kein Wort über die Versuche der USA und ihrer westdeutschen Freunde, Einfluß auf die Ereignisse zu bekommen und die von ihnen gehaßte SED-Führung zu stürzen.

Die Proteste gegen die DDR-Regierung gingen von den Arbeitern aus und hatten sich bereits seit Mai entwickelt. Gerichtet waren sie gegen die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und Versorgung der Bevölkerung, die nach bürokratischen Fehlern in der Wirtschaftsplanung der SED eingetreten war. Am 16. Juni 1953 demonstrierten 10.000 Baurbeiter in Berlin. Sie erreichten die Rücknahme der über den Kopf der Arbeiter hinweg festgelegten Erhöhung der Arbeitsnormen. Am 17. Juni wurde in der DDR in über 270 Orten von 300.000 bis 400.000 Arbeitern gestreikt – das waren rund 7 Prozent aller Werktätigen.

Noch bis in den Vormittag des 17. Juni bestimmten Arbeiter und ihre Streik-Räte das Bild. Meist ohne Gewaltanwendung besetzten sie Stadtverwaltungen, Partei- und Gewerkschaftshäuser. Eine Rückgabe von Fabriken an Kapitalisten wurde nirgends gefordert. Der Streik richtete sich nicht gegen den Sozialismus, sondern gegen Fehlentwicklungen im Sozialismus.

Gegen Mittag mischten sich westliche Provokateure – kein ernsthafter Historiker bestreitet diese Tatsache mehr – in die Aktionen der streikenden Werktätigen. Erst ab diesem Zeitpunkt kam es zu Plünderungen, Brandstiftungen und sogar Lynchmorden an SED-Mitgliedern. Die SED-Spitze war offensichtlich nicht in der Lage, den Doppelcharakter der Ereignisse – berechtigter Protest der Arbeiter und konterrevolutionäre Einmischung – zu erkennen und richtig darauf zu reagieren.

Auch in den folgenden Wochen und Monaten wurden einzelne durchaus vorhandene selbstkritische Stimmen in der SED unterdrückt, bis schließlich Ulbricht auf dem 4. Parteitag der SED im April 1954 den 17. Juni einseitig als „faschistischen Putsch“ darstellte. Eine Kritik an den bürokratische Parteimachthaber fand nicht statt, ebenso wenig die notwendige Förderung der Wachsamkeit und Kontrolle der Massen auch über die eigene Partei- und Staatsführung. Letztendlich wurde der sozialistische Aufbau in der DDR denn auch nicht durch eine Konterrevolution zerstört, sondern von der Führung der SED.

Klaus Wallmann sen.

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