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ARCHIV 2003 – 2017

Zum 125. Geburtstag von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky„Was darf die Satire?“, fragte Tucholsky 1919. „Alles.“ In den vergangenen Tagen und vor dem Hintergrund des faschistisch-islamistischen Anschlags auf das französische Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ wurde dieser Satz unzählige Male zitiert. Und kein bürgerliches deutsches Blatt, das auf sich hält, wird heute darauf verzichten, das Leben dieses Mannes und dessen Arbeit entsprechend zu würdigen – „auf jenes gut verträgliche Maß eines lebensklugen und unterhaltsamen Publizisten und Schriftstellers zurückgeschnitten und auf den Grad von Herausforderung minimiert wird, der den Anbetern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eben noch erträglich ist“ (Kurt Pätzold in der „junge Welt“ vom 13.12.2010).

Zu erwarten ist daher auch, daß man sich über diesen derzeit sehr passenden Satz hinaus, mit der dennoch sehr differenzierten Auseinandersetzung Tucholskys über die Grenzen der Satire nicht beschäftigen wird. Tatsächlich unterschied er aber vor allem in religiösen Dingen klar zwischen den Inhalten und den gesellschaftlichen Ansprüchen der Religionen. Niemals wollte und hat er den christlichen Glauben oder andere Glaubensrichtungen verächtlich gemacht. „Ist nicht überall sauber unterschieden zwischen der Kirche als Hort des Glaubens, über den ich mich niemals lustig gemacht habe – und der Kirche als politische Institution im Staat?“

Trotz seines rhetorischen „Alles“ sah Tucholsky die Grenzen der Satire. „Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.“

1933 waren es Studenten, die auch Tucholskys Bücher verbrannten. „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“ Diese biedermännischen Brandstifter waren von dem gleichen Fanatismus, der gleichen Intoleranz und dem gleichen Haß erfüllt wie diejenigen, die nun die Journalisten von „Charlie Hebdo“ mordeten.

Klaus Wallmann sen.

Übrigens: Da die bürgerlichen Politiker und die bürgerlichen Medien den Anschlag nutzen, um sich mal wieder zu Gralshütern der Meinungs- und Pressefreiheit aufzuschwingen, möchte ich den Millionen Konsumierern dieser Medien noch ein Zitat von Kurt Tucholsky mitgeben: „Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.“

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