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ARCHIV 2003 – 2017

Zum 10. Jahrestag einer Kriegserklärung an die Menschheit

Wir nähern uns einem historischen Tag. Ende September 1995 traf sich im luxuriösen Fairmont Hotel in San Francisco die vereinigte Globalisierungselite, um den arbeitenden Menschen ihre Kriegserklärung vor die Füße zu werfen.

Zusammengetrommelt hatte sie Michail Gorbatschow, die finanziellen Mittel stellten ihm großzügige reiche Mäzene aus den USA zur Verfügung. In seiner Tischrede am 27.9.1995 erklärte „Gorbi“ den versammelten Globalisierungsprofis, daß die Welt „unterwegs zu einer neuen Zivilisation“ sei und sie, die „Spezialisten“ der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung, dazu aufgerufen seien, „der Menschheit den Weg zu weisen“.

George Herbert Walker Bush, 41. Präsident der USA (1989-1993), tummelte sich da mit Margaret Thatcher, der ehemaligen Premierministerin Englands, neben Medienmogul Robert Edward Turner, John Gage, dem Topmanager bei Sun Microsystems, und David Packard, einem der Gründer von Hewlett-Packard. Auch Zbigniew Brzezinski, einst Sicherheitsberater Präsident Carters, konnte man antreffen, und aus Deutschland flog der ehemalige sächsische Ministerpräsident Biedenkopf ein. Sie alle wollten „Wegweiser“ sein und beschäftigten sich deshalb mit dem „Hauptproblem“ des 21. Jahrhunderts, dem sie einen Namen und eine Verhältniszahl gaben: Tittytainment und 20 zu 80.

Die „Spiegel“-Redakteure Hans Peter Martin und Harald Schumann erklärten in ihrem Buch „Die Globalisierungsfalle – Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand“ deren Bedeutung.

„20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im kommenden (in diesem – K.W.) Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. ‚Mehr Arbeitskraft wird nicht mehr gebraucht‘,… ein Fünftel aller Arbeitsuchenden werde genügen, um alle Waren zu produzieren und die hochwertigen Dienstleistungen zu erbringen, die sich die Weltgesellschaft leisten könne.
[…]
Die 20 Prozent werden damit aktiv am Leben, am Verdienen und Konsumieren teilnehmen – egal, in welchem Land. Das eine oder andere Prozent mag noch hinzukommen, etwa durch wohlhabende Erben. … 80 Prozent der Arbeitswilligen ohne Job? ‚Sicher‘, sagt der US-Autor Jeremy Rifkin, Verfasser des Buches ‚Das Ende der Arbeit‘, ‚die unteren 80 Prozent werden gewaltige Probleme bekommen.‘ Sun Manager Gage legt noch einmal nach und beruft sich auf seinen Firmenchef Scott McNealy: Die Frage sei künftig ‚to have lunch or be lunch‘, zu essen haben oder gefressen werden.“

So beschreiben diese „Experten“ kaltschäuzig die nachhaltigen „Erfolge“ ihrer Politik zum „Wohle“ der Menschheit.

„In der Folge beschäftigen sich die Experten nur noch mit jenen 80 Prozent, die bald keine Arbeit mehr kriegen werden. Dazu, so die feste Überzeugung der Runde, werden weltweit Dutzende Millionen Menschen zählen, die sich bislang dem wohligen Alltag in San Franciscos Bay Area näher fühlen durften als dem Überlebenskampf ohne sicheren Job. Im Fairmont wird eine neue Gesellschaftsordnung skizziert: Reiche Länder ohne nennenswerten Mittelstand – und niemand widerspricht. Vielmehr macht der Ausdruck ‚tittytainment‘ Karriere, den der alte Haudegen Zbigniew Brzezinski ins Spiel bringt. … ‚tittytainment‘, so Brzezinski, sei eine Kombination von ‚Entertainment‘ und ‚tits‘, dem amerikanischen Slangwort für Busen. Brzezinski denkt dabei weniger an Sex als an die Milch, die aus der Brust einer stillenden Mutter strömt.“

Die Gründe für das „Entertainment“, das Brzezinski den 80 Prozent immerhin noch zugesteht, sind leicht zu verstehen.

„Mit einer Mischung aus betäubender Unterhaltung und ausreichender Ernährung könne die frustrierte Bevölkerung der Welt schon bei Laune gehalten werden. Nüchtern diskutieren die Manager die möglichen Dosierungen, überlegen, wie denn das wohlhabende Fünftel den überflüssigen Rest beschäftigen könne. Soziales Engagement der Unternehmer sei beim globalen Wettbewerbsdruck unzumutbar, um die Arbeitslosen müssten sich andere kümmern. Sinnstiftung und Integration erwarten sich die Diskutanten vom weiten Feld der freiwilligen Gemeinschaftsdienste, bei der Nachbarschaftshilfe, im Sportbetrieb oder in Vereinen aller Art. ‚Diese Tätigkeiten könnte man doch durch eine bescheidene Bezahlung aufwerten und so die Selbstachtung von Millionen Bürgern fördern‘, meinte Professor Roy.“

Nun wissen wir, warum es in der öffentlichen Diskussion der bürgerlichen Medien plötzlich so eine Schwemme von Begriffen wie „freiwillige Gemeinschaftsdienste“ und „Nachbarschaftshilfe“ gab. Auch die vorsorgliche Bereitstellung von sogenannten 1-Euro-Jobs findet eine weitere Erklärung, denn auch im Folgenden sind sich die „Experten“ der Globalisierung völlig einig.

„In den Industrieländern (werden) schon bald wieder Menschen zum Nulltarif die Straßen sauber halten oder als Haushaltshilfen kärglichen Unterschlupf finden, erwarten die Konzernlenker. Schließlich sei das Industriezeitalter mit seinem Massenwohlstand nicht mehr als ein Wimpernzucken in der Geschichte der Ökonomie, analysierte der Zukunftsforscher John Naisbitt.“

So denken sich diese Herren die zukünftige „neue Zivilisation“, wobei sie mit zynischer Arroganz davon ausgehen, daß die Masse der Menschen armselig und dumm genug ist, sich mit „freiwilligen Gemeinschaftsdiensten, bei der Nachbarschaftshilfe, im Sportbetrieb oder in Vereinen aller Art… mit einer bescheidenen Bezahlung“ zufrieden zu geben und somit freiwillig ihre eigenen Verelendung in Kauf nehmen werden.
Während Millionen lohnabhängige Menschen wegen der schwindenden Arbeitsplätze um ihre Existenz fürchten und am Leben verzweifeln, amüsieren sich die selbsternannten „Wegweiser in eine neue Zivilisation“ auf deren Kosten.

Einen aufschlußreichen Dialog gab es damals zwischen John Gage, Top-Manager von Sun Microsoft und David Packard:
„Mit hellwachem Verstand stellt er … die zentrale Frage: ‚Wie viele Angestellte brauchst du wirklich, John?‘. ‚Sechs, vielleicht acht‘, antwortet Gage trocken. ‚Ohne sie wären wir aufgeschmissen. Dabei ist es völlig gleichgültig, wo auf der Erde sie wohnen.‘ Jetzt hakt der Diskussionsleiter … nach: ‚Und wie viele Leute arbeiten derzeit für Sun Systems?‘ Gage: ‚16.000. Sie sind bis auf eine kleine Minderheit Rationalisierungsreserve.‘ Kein Raunen geht durch den Raum, den Anwesenden ist der Ausblick auf bislang ungewohnte Arbeitslosenheere eine Selbstverständlichkeit.“

Mit einem dreisten und menschenverachtenden Fingerschnippen und der Bemerkung: „Sie sind bis auf eine kleine Minderheit Rationalisierungsreserve“, äußerte sich hier ein Konzernchef zur zukünftigen Existenz von 16.000 Menschen, seinen „Sozialpartnern“. Er, wie die anderen Angehörigen seiner Klasse, ist ja nicht betroffen, er wird auch in Zukunft ruhig schlafen können.

Was die exklusive Fairmont-Runde vor zehn Jahren für 80 Prozent der Menschheit prognostizierte – „die neue Zivilisation“ -, das sind Lebensverhältnisse wie zu Zeiten des Frühkapitalismus.
Gorbatschow wurde damals gefragt, ob „sich die ganze Welt in ein großes Brasilien verwandeln“ wird, „in Länder voller Ungleichheit und mit Ghettos für die reichen Eliten.“ Seine Antwort: „Mit dieser Frage packen Sie den Stier bei den Hörnern. Es stimmt, sogar Russland wird zu Brasilien.“ Eine Vorhersage, die sich für Millionen einfache Menschen Rußlands inzwischen erfüllt hat.

Doch Brasilien kommt auch auf die westlichen Industrieländer zu. Und für die zwanzig Prozent der „glücklichen“ Lohnabhängigen wird dabei weder die Arbeit leichter, der Arbeitstag kürzer, noch der Lohn höher. Sogar wenn man nur die bürgerlichen Medien verfolgt, wird deutlich, daß das Kapital und seine politischen Dienstleister das völlige Gegenteil verlangen: Lohnverzicht und längere Arbeitszeiten. Die neuesten „Empfehlungen“ des CDU-Wirtschaftsrats sind so „schmerzhaft“, daß sich sogar Frau Merkel „Zurückhaltung“ auferlegte. Doch noch ist sie ja auch nicht gewählt.

Es bestätigt sich, was Marx und Engels bereits 1848, vor über 150 Jahren lehrten, und es bestätigt sich damit auch die Aktualität ihrer wissenschaftlichen Lehre:

„Der moderne Arbeiter,… statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum. Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem (Lohn)-Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner (Lohn)-Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d. h., ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.“

Die rz-Leser kann nun selbst beurteilen, was von der Kriegserklärung des Kapitals an die Werktätigen der Welt von 1995 in der seitdem umgesetzten Politik auch der deutschen Regierung wiederzuerkennen ist.
Ich denke, daß die Lohnabhängigen, aber auch die (noch) wohlhabenden Mittelständler, allen Grund haben, die Angriffe dieser „Zivilisatoren“ entschlossen abzuwehren, um deren Visionen nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Der Kampf um eine menschenwürdige und gerechte Zivilisation ist unvermeidbar. Im Kapitalismus ist sie nicht zu erreichen.

Klaus Wallmann sen.

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