Die Website der „Tagesschau“ hat mir heute die Arbeit sehr erleichtert, indem sie eine „Presseschau“ zum Streik der Lokführer zusammentrug und veröffentlichte. Die einleitenden Sätze dieses Produkts des Staatsfernsehens machten bereits deutlich, welchen Sichtweise die bürgerlichen Medien einnehmen, um ihre veröffentlichte „Meinung“ zur öffentlichen Meinung zu machen. „Die Zeit des Verständnisses ist vorbei“, der Streik sei nur ein „rücksichtloser Machtkampf von GDL-Chef Weselsky“, der „alles aufs Spiel“ setze.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) – hinter der bekanntlich nur „kluge Köpfe“ stecken – kolportiert den „Tarifkonflikt“ zwischen Bahn und GDL gleichgeschaltet als „eigentlich“(!) einen „Organisationskonflikt“ zwischen GDL und arbeit“geber“freundlicher EVG. Das lenkt schön ab. Natürlich ist es die GDL, die nun wieder „eskaliert“ und mit „besonderer Rücksichtslosigkeit“ glänzt. Die Lokführer warnt man vor dem „Risiko“ sich nun „völlig verkalkuliert“ zu haben.
Die „Frankfurter Rundschau“ greift den „Organisationskonflikt“ auf und setzt auf Belehrung der GDL. Die Taktik von „ein paar tausend Lokführern“ und einem „machthungrigen Gewerkschaftschef“ greife zu kurz und würde „letztlich zur Zersplitterung der Gewerkschaftslandschaft“ führen. Und natürlich: „Mit bösen Folgen für die Arbeitnehmer“.
Die „Eisenacher Presse“ ist angeblich völlig „sprachlos“, läßt sich dann aber doch sehr sprachgewaltig über die „Erpressung“ der Bahn durch die GDL aus, die Zugeständnisse „abpressen“ wolle. Nach der Kriminalisierung der Lokführer folgt auch in diesem Blatt die Warnung vor den „bösen Folgen für die Arbeitnehmer“.
Auch das „Darmstädter Echo“ spricht von einem Erpressungsversuch der GDL, die doch in den vergangenen Jahren für die Lokführer eine Menge erreicht habe. Nach dem ums Maul geschmierten Honig folgt der Spaltungsversuch. Das, so das Blatt, setze „die Spitze“ nun aufs Spiel. Gemeint ist Weselsky. Sollte dieser „nicht selbst zur Vernunft kommen“, so hofft man auf die Gewerkschaftsmitglieder, die sich doch sicher nicht „verheizen lassen“ wollen.
Die „Süddeutsche Zeitung“ schmust ähnlich mit dem „Rechthaber“. „Selbstverständlich hat die GDL das Recht“ und die Bahn spricht „ihr das auch gar nicht ab“. Aber „ein bisschen guter Wille“, „Kooperation“ – sprich: Klassenzusammenarbeitspolitik – und ein „verantwortungsvoller“ Umgang mit dem Recht, das müsse schon sein. Das scheint die „Süddeutsche“ auf Seiten der GDL aber nicht zu beobachten, und deshalb brauchen sich die Lokführer auch nicht zu wundern, „wenn der Gesetzgeber auf die Idee kommt, diese Rechte eines Tages zu beschneiden“. Dieses Blatt ist offensichtlich meilenweit von der Verfassung und den Grundrechten entfernt. Seine Schreiberlinge bemerken nicht einmal, daß es sich bei diesem „Gesetzgeber“ zugleich um den Mehrheitseigner dieses Staatsunternehmens handelt, der in diesem Fall also ein Grundrecht zu seinen Gunsten einschränken will.
Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ weint nicht nur Krokodilstränen für die vom Streik betroffenen Reisenden und Unternehmen. Sie sieht vor allem die „bewährten Sozialpartnerschaft“ – sprich: Klassenzusammenarbeitspolitik – mit den bisher „verlässlichen und verantwortungsvollen Gewerkschaften“ in Gefahr. Schuld daran ist natürlich die GDL, die aus „reiner Geltungssucht“ den Streit „auf die Spitze“ treibe.
Was diese Zeitungen als „Qualitätsjournalismus“ vertreiben, ist beileibe kein Unsinn. Es ist schlicht die Ideologie der herrschenden Klasse, der auch die Medien gehören. Das Problem ist, daß die hier genannten Blätter eine Auflage von rund einer Million täglich haben, und so ihre Demagogie in vielen Köpfen platzieren können. „Die Zeit des Verständnisses ist vorbei“, schreibt die „Tagesschau“ und zeigt damit das Ziel dieser Propaganda auf. Die Bevölkerung – zumeist Lohnabhängige wie die Lokführer auch – sollen kein Verständnis mehr für Interessen der streikenden Bahnkollegen haben, obwohl es sich dabei auch um ihre eigenen Interessen handelt. Denn der Rückhalt in der Bevölkerung, die Solidarität mit Streikenden – in welcher Branche auch immer – ist ein wesentlicher Aspekt bei der Auseinandersetzung der Arbeiter mit dem Kapital, den manche auch Klassenkampf nennen. Zu dem auch die ununterbrochene demagogische Hetze gegen die GDL gehört.
Klaus Wallmann sen.