Am 4. März diesen Jahres war der Historiker Michael Stürmer zu Gast in Frau Christiansens Talkrunde. Er brachte dort seine Verwunderung darüber zum Ausdruck, wie gereizt unsere östlichen Nachbarn auf den Umgang der Deutschen mit „Flucht und Vertreibung“ reagieren.
„Es sind insgesamt 16 Millionen Menschen geflüchtet, davon sind 2 Millionen auf der Flucht gestorben. Das ist eine ganz schreckliche Geschichte. Deswegen haben die Deutschen wie jede andere Nation das Recht, um ihre Toten zu trauern. Wer das nicht versteht, ist ein Unmensch!“ Der Historiker Stürmer wehrt sich also dagegen, „Flucht und Vertreibung“ nur im historischen Kontext zu betrachten. „Da ist kein Revanchismus im Spiel, wenn Deutsche über ihr Leid erzählen. Das war ein traumatisches Erlebnis!“
Den deutschen Historikern warf er vor, daß sie sich scheuen, „das individuelle Schicksal zu beschreiben“. (www.sabinechristiansen.de)
Nun ist der Historiker Stürmer nicht irgendwer. Mit der „Gnade der späten Geburt“ (Kohl) begabt, studierte er in London, Berlin und Marburg, habilitierte und wurde 1973 ordentlicher Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Sozial- und Verfassungsgeschichte. Er lehrte an der Harvard University, in Princeton und der Pariser Sorbonne, wurde in den Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung berufen, Vorsitzender des Forschungsbeirates des Center for European Studies, politischer Berater des Kanzlers Kohl, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Kolumnist der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Chefkorrespondent der „Welt“. Er mag mir verzeihen, sollte ich etwas Wichtiges vergessen haben, doch allein diese beeindruckende Aufzählung von Posten und Funktionen dürfte meine Feststellung bestätigen, daß Herr Stürmer nicht irgendwer ist.
Wäre er nur eine x-beliebige Person, so wäre seine Bemerkung, die Flucht vor der näherrückenden Front im Osten sei eine „ganz schreckliche Geschichte“, ein „traumatisches Erlebnis“ für die Flüchtenden nicht weiter zu kritisieren. Denn auch dieses Ereignis war ja für jeden Beteiligten wirklich eine ganz schreckliche Geschichte. Doch da Herr Stürmer das Kleid des Historikers nicht einfach an der Garderobe abgeben kann – und es bei seinem Christiansen-Auftritt ja auch nicht getan hat -, darf er den historischen Kontext dieses Ereignisses natürlich nicht ausblenden. Tut er es dennoch, so spielt er falsch. Denn diese „schreckliche Geschichte“ basiert auf einer schrecklichen Vorgeschichte, wobei zwischen beiden ein untrennbarer Zusammenhang besteht. Wenn ein renommierter Historiker diesen auch nur verschleiern will, so beschädigt er selbst seine Reputation als Wissenschaftler.
Selbstverständlich hat jeder Mensch das Recht, „um seine Toten zu trauern“. Das ist menschlich, und niemand wird Herrn Stürmer oder einem anderen Menschen dieses individuelle Recht zur Trauer bestreiten. Die Aufgabe eines ernsthaften Historikers ist jedoch eine andere. Wenn der Historiker Stürmer seine Kollegen dazu auffordert „das individuelle Schicksal zu beschreiben“ und dabei den historischen Kontext zu vergessen, so scheint der Historiker vergessen zu haben, was sein Fachgebiet ist. Und ich hege den Verdacht, daß Stürmer bewußt vergißt, weil er vergessen machen will. Die Beschäftigung mit dem eigenen Leid, dessen historische Ursache nicht bei den Polen, Tschechen oder Russen zu suchen ist, soll von denen ablenken, die dieses Leid hervorgerufen haben. Dem Blick von außen auf die objektive Realität des Faschismus soll das Sichtfeld verbaut werden.
Stürmer verzerrt bewußt die Geschichte, wenn er so tut, als hätte das Leid erst Ende 1944, erst mit „Flucht und Vertreibung“ begonnen. Erinnern wir Herrn Stürmer an das Schicksal der Polen.
„Polen wurde als selbständiger Staat vernichtet. Die Hauptstadt Polens, Warschau wurde eine Stätte grausamer Verwüstung. Die Stadt wurde zu 93 Prozent zerstört. 84 Prozent der polnischen Eisenbahnanlagen wurden vernichtet und die polnische Industrie und Landwirtschaft, besonders in der Zeit des Rückzugs, in einem Umfang zerstört, daß ein Gesamtschaden von fast 130 Milliarden Mark (in Vorkriegskaufkraft) entstand. In der ganzen Welt werden von Millionen Menschen mit Schrecken die polnischen Orte Lublin und Oswiecim (Maidanek und Auschwitz) genannt, die Stätten deutscher faschistischer Vernichtungslager von Millionen Menschen im Osten. Fast sechs Millionen polnischer Bürger wurden außerhalb jeder Kampfhandlungen ermordet, darunter Hunderttausende von Kindern. Fünf Millionen polnischer Kinder wurden elternlos. Besonders empfindlich waren die Verluste der polnischen Intelligenz. Die Zahl der in deutschen KZ vorsätzlich ermordeten Lehrer beträgt 5000, die Zahl der Geistlichen 3500, der Professoren 700; dazu kommen Hunderte von Künstlern.“ (P. Wandel, Wie es zur Oder-Neiße-Grenze kam, S. 41f., Berlin 1955)
Selbst diese Bilanz spiegelt die tatsächliche Tragödie nur unzureichend wider, ganz abgesehen davon, daß man das millionenfache persönliche Leid garnicht beschreiben kann. Genausowenig wie das der Menschen in der Sowjetunion, wo diese Bilanz quantitativ noch viel höher ausfällt.
Der Überfall der Nazis hat ca. 20.000.000 Sowjetbürgern das Leben gekostet. Mindestens 1.200.000 Sowjetbürger wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, nur 10 Prozent kehrten lebend in die Heimat zurück. Der materielle Schaden, hinter dem sich ebenfalls unendliches menschliches Leid verbirgt, wurde ebenfalls festgestellt.
Deutschland und seine Satelliten „haben 1.710 Städte und über 70.000 Dörfer vollständig oder teilweise zerstört und eingeäschert, über 6 Millionen Gebäude niedergebrannt und zerstört und etwa 25 Millionen Menschen obdachlos gemacht. (…) haben 31.850 Industriebetriebe zerstört, in denen etwa 4.000.000 Arbeiter beschäftigt waren; … Sie zerstörten 65.000 km Eisenbahngeleise, 4.100 Eisenbahnstationen, 36.000 Post-, Telegraphen- und Fernsprechämter sowie andere dazu gehörige Betriebe. Sie zerstörten oder demolierten 40.000 Krankenhäuser und andere Heilanstalten, 84.000 Schulen, Techniken, Hochschulen, wissenschaftliche Forschungsinstitute, 43.000 öffentliche Bibliotheken. Sie verwüsteten und plünderten 98.000 Kollektivwirtschaften, 1.876 Sowjetwirtschaften und 2.890 Maschinen- und Traktorenstationen …“
(Bericht der „Außerordentlichen Staatlichen Kommission der UdSSR zur Feststellung und Untersuchung der Greueltaten der deutschen Eindringlinge und ihrer Verbündeten auf dem Territorium der Sowjetunion“ vom 13.09.1945)
Der gesamte materielle Schaden der UdSSR wurde auf die Summe von 679 Milliarden Rubel berechnet. Das Leid der Obdachlosen, der Verhungernden, der Gequälten und Geschlagenen läßt sich nicht in Zahlen ausdrücken.
Wenn Stürmer angesichts dieser Tatsachen fordert, die Historiker sollten sich damit beschäftigen, „das individuelle Schicksal zu beschreiben“, so erweckt das bei mir den Eindruck, als wolle er die gesamte Historikerzunft auf unbestimmte Zeit von ihrer eigentlichen Aufgabe abhalten. Und indem er das individuelle Leid der deutschen Bevölkerung in den Vordergrund rückt, reiht er sich ein in die Reihen derer, die seit einiger Zeit versuchen, die Deutschen als „Opfer“ darzustellen (Eichinger, Knopp usw.), und/oder zu suggerieren, daß die Rote Armee in Deutschland genauso „gehaust“ habe wie die Wehrmacht, die SS und die Gestapo in der Sowjetunion. Schauen Sie sich die o.g. Zahlen noch einmal an, und sie werden feststellen, daß von Deutschland nichts mehr übrig geblieben wäre, wenn diese Behauptung auch nur annähernd stimmen würde.
Den Fokus ausschließlich auf das unstreitig vorhandene Leid Deutscher zu richten, bedeutet Wichtiges zu verschweigen, was gleichbedeutend ist mit einer Lüge. Eichingers zweieinhalbstündige verlogene Fabel vom deutschen Opferkollektiv – um nur ein typisches Beispiel jüngerer Zeit zu nennen – blendet aus, daß der „Untergang“ auch und vor allem die Befreiung Europas von deutschen Hegemonieansprüchen für einige Jahrzehnte bedeutete. Wenn nun Leute wie Stürmer solche Geschichtsverdrehungen mit ihrer „wissenschaftlichen“ Kompetenz stützen und fördern, dann sieht es so aus, als seien diese Jahrzehnte inzwischen an ihr Ende gekommen.
Der als Kohl-Berater tätige Historiker Stürmer stellte einmal ganz pragmatisch fest, „dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“. Das ist gut zwanzig Jahre her, und noch immer besteht, was Habermas 1986 als „apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ bezeichnete. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordneten Herbert Wehner charakterisierte die Intentionen von Leuten wie Jesse, Bahring und Stürmer wie folgt: „Das gemeinsame Ziel der Revision des Geschichtsbildes richtete viel Unheil an, verletzte Standards geschichtswissenschaftlicher Arbeit und schadete dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland.“
Und das ist sicher ebenfalls eine „ganz schreckliche Geschichte“.
Klaus Wallmann sen.