Randzone

ARCHIV 2003 – 2017

Stalins Demoralisierung nach dem Überfall Deutschlands

Es gehört zum guten Ton in den Kreisen der Revisionisten und Antikommunisten, Stalin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in Bausch und Bogen zu verdammen.

So konnte man auch während der Berichterstattung der bürgerlichen Medien anläßlich des 60. Jahrestages des Sieges über den Hitler-Faschismus immer wieder die alten Legenden hören, die teilweise sogar von sogenannten „Kommunisten“ in die Welt gesetzt wurden, die sich einst selbst zu „engen Freunden“ Stalins ernannten und sogar seinen Sarg trugen. Allen voran der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Nikita Chruschtschow, der mit der berühmt-berüchtigten „Geheimrede“ vor dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 unter dem Deckmantel des „Kampfes gegen den Personenkult“ die schmutzige Kampagne gegen Stalin eröffnete. Allein die Tatsache, daß die „Geheimrede“ nur vor dem sowjetischen Volk geheim gehalten wurde, nicht aber gegenüber den westlichen Imperialisten, ist bezeichnend für den Wahrheitsgehalt der darin geäußerten Beschuldigungen.

Eine davon, in den letzten Tagen in den bürgerlichen Medien immer wieder kolportiert, ist die Behauptung, daß Stalin nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 für lange Zeit untätig blieb, weil er demoralisiert war.

„Man sollte nicht vergessen, zu erwähnen, daß nach den ersten schweren Mißerfolgen und den an den Fronten erlittenen Niederlagen Stalin der Ansicht war, daß das Ende gekommen sei. In einem Gespräch jener Tage sagte er: ‚Alles, was Lenin geschaffen hat, haben wir unwiederbringlich verloren.‘
Danach leitete Stalin über lange Zeit faktisch keine Militäroperationen und befasste sich überhaupt nicht mit irgendwelchen Angelegenheiten …“1
So Chruschtschow in seiner Geheimrede.

Völlig entgegengesetzt schreibt Marschall G. K. Schukow in seinen Memoiren: „Stalin war ein willensstarker Mann und kein Feigling. Ich sah ihn nur einmal niedergeschlagen; im Morgengrauen des 22. Juni 1941. Seine Zuversicht, daß ein Krieg vermieden werden könnte, hatte ihn getrogen.
Nach dem 22. Juni 1941 hat Stalin während des ganzen Krieges mit dem Zentralkomitee der Partei und der Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militärischen Operationen und die internationalen Angelegenheiten geleitet.“

Zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen des Verhaltens Stalins nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion liegen uns hier vor. Welche entspricht der Wahrheit?

Steve Main von der Universität Edinburgh befaßte sich mit Stalins Terminkalendern der betreffenden Zeit und kommt zu dem Schluß, daß Stalin „weit entfernt davon [war] zu verschwinden und sich in seiner Privatwohnung im Kreml oder in seiner Datscha in Kuntsewo zu verbergen“, und daß „Stalin ganz sicher in der ersten Woche des deutsch-sowjetischen Krieges ein sehr anstrengendes Arbeitspensum erfüllte und dabei wenig von der Panik und der Angst an den Tag legte, die ihm gewöhnlich sowohl von westlichen als auch von russischen Historikern nachgesagt werden.“2

Diese Tagebücher zeigen, so Main, daß am „… allerersten Tag des Krieges, dem 22. Juni, Stalins offizieller Arbeitstag um 05:45 Uhr begann und um 16:45 Uhr zuende war. … Stalin traf sich mit verschiedenen hochrangigen Persönlichkeiten der sowjetischen Regierung und des sowjetischen Militärs wie Molotow (Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten), Timoschenko (Volkskommissar für Verteidigung), Schukow (Generalstabschef der Roten Armee), Kusnetzow (Kommandeur des nordkaukasischen und des baltischen Militärdistrikts) sowie mit Schaposchnikow (Stellvertretender Volkskommissar für Verteidigung). Alles in allem hatte Stalin schon am ersten Tag des Angriffs Treffen mit über 15 Mitgliedern der Sowjetregierung und des Militärapparats.“3

Nach Marschall Georgi Schukows Erinnerung war Stalins Arbeitstag am ersten Kriegstag sogar noch ausgedehnter als dies sein Terminkalender beweist. So erwähnt Schukow, daß er mit Stalin noch dreißig Minuten nach Mitternacht telefonierte: „Alles wies jetzt darauf hin, daß deutsche Truppen an die Grenze verlegt wurden. Um dreißig Minuten nach Mitternacht informierten wir Stalin. Stalin erkundigte sich, ob die Anweisung an sämtliche Distrikte ergangen sei. Ich bejahte dies.“

Um 03:30 Uhr wurde Schukow angewiesen, Stalin zu wecken: „Um 03:30 … wies mich der Verteidigungskommissar an, Stalin anzurufen. Ich fing an zu telefonieren. … Schließlich hörte ich die verschlafene Stimme des diensthabenden Generals der Sicherheitsabteilung. Ich bat ihn, Stalin anzurufen. Etwa fünf Minuten später nahm Stalin den Hörer ab.“4

Aus dem Terminkalender geht weiter hervor, daß während der ersten Kriegswoche „Stalins offiziell registrierter kürzester Arbeitstag der des 24. Juni war, der etwas mehr als fünf Stunden dauerte; aber das war nach einem Arbeitstag (dem 23. Juni), der offensichtlich fast 24 Stunden lang war, 22 Stunden und 35 Minuten !“5

Auch am 25./26. Juni „hat Stalin den Dokumenten zufolge 24 Stunden lang Besprechungen geführt.“6
Sowohl am 26. als auch am 27. Juni „belief sich, den Aufzeichnungen zufolge, die Dauer seines Arbeitstages auf jeweils über 10 Stunden und womöglich in Folge dieses physisch und psychisch aufreibenden Pensums dauerte dann sein Arbeitstag am 28. Juni wieder etwas mehr als 5 Stunden.“6

Daraus ergibt sich, daß von den 168 Stunden der gesamten Woche vom 22.-28. Juni „Stalin den Aufzeichnungen zufolge Unterredungen geführt hat, die insgesamt 88 Stunden und 40 Minuten dauerten.“7

Alles in allem “ … hatte Stalin in diesem Zeitraum 158 Zusammenkünfte mit, unter anderem, 45 hochrangigen Regierungsvertretern und hochgestellten militärischen Persönlichkeiten.“7

All das widerlegt den Lügner Chruschtschow und die, die dessen Lüge bewußt oder unbewußt weitertragen. Auch Molotow bestätigt, es sei „falsch zu behaupten, daß er (Stalin – K.W.) verwirrt war. Er war besorgt, aber er ließ es sich nicht anmerken. Zu sagen, daß er nicht besorgt gewesen war, wäre lächerlich. Es gibt aber Autoren, die ihn darstellen wie er nicht war: wie einen reuigen Sünder! Dies ist natürlich absurd. Während dieser ganzen Zeit arbeitete er wie immer. Er verlor nicht die Selbstkontrolle und ganz gewiß verlor er auch nicht die Sprache.“8

Auch Main kommt zu dieser Schlußfolgerung: „Nach seinem Terminkalender, den Äußerungen seiner Zeitgenossen und den bedeutsamen Maßnahmen, die sowohl von der Partei als auch vom Staat usw. getroffen wurden, zu urteilen, ist die Ansicht, daß Stalin sich während der kritischen ersten Tage des deutsch-sowjetischen Krieges über irgendeinen bestimmten Zeitraum hinweg zurückgezogen habe, nicht mehr vertretbar.“8

Chruschtschows Darstellung eines passiven und demoralisierten Stalin in der ersten Phase des deutsch-sowjetischen ist mit den inzwischen bekannt geworden Tatsachen nicht vereinbar.
Sie ist ein Bestandteil der politische Propaganda sowohl der sowjetischen Revisionisten, die darauf abzielte, Stalin zu diskreditieren um so den Boden für eine Abkehr vom marxistisch-leninstischen Weg zu ebnen, als auch aller Antikommunisten dieser Welt, die solche Lügen – gerade wenn sie aus dem Mund von „Kommunisten“ kommen, nur allzu begierig aufgreifen, um die Menschen von der einzig vernünftigen Alternative zum Kapitalismus abzuhalten.

Klaus Wallmann sen.

Stalin – Lüge und Wahrheit (Teil 2: Der Hitler-Stalin-Pakt)

1 Erstmals veröffentlicht in Iswestija ZK KPSS, 1989, Nr. 3, S. 128-170
2 Steven J. Main, ‚Stalin im Juni 1941. Ein Kommentar zu Cynthia Roberts‘, in:’Europäisch-asiatische Studien‘, Band 48, Nr. 5, Juli 1996, S. 837
3 Steven J. Main, ebenda, S. 837, die ‚Iswestija‘ zitierend, ‚TsK KPSS‘, Band 6, 1990, SS. 216-222
4 Georgi Schukow, ‚Die Erinnerungen des Marschall Schukow‘, London, 1971, S. 234 – 235
5 Steven J. Main, ebenda, S. 837, ‚Iswestija TsK KPSS‘ zitierend, Band 6, 1990, S. 217
6 Steven J. Main, ebenda, S. 837, ‚Iswestija TsK KPSS‘ zitierend, Band 6, 1990, S. 218 f.
7 Steven J. Main, ebenda, S. 837-838, nach: Generaloberst J. Gorkow, in:’Krasnaja swesda‘, 21. Oktober 1995
8 Steven J. Main, ebenda, S. 838, Felix Tschujew zitierend, ‚Cto corok wisit c Molotowym‘ 140 Begegnungen mit Molotow , in: ‚Kommunist vooruzhenuykh cil‘, Bd. 9, 1991, S. 62 f.

Verwandte Artikel