Verwendet man Zitate, so erscheint man gebildet. Prof. Dr. Michael Stürmer ist sicher gebildet, trotzdem stellt er den Kapiteln des hier besprochenen Buches mehr oder weniger interessante Zitate voran. Wobei er davon auszugehen scheint, daß jeder seiner Leser auch die nichtdeutschen ohne weiteres versteht. Daß er sie auch im Anhang nicht übersetzt, könnte man auch so verstehen, daß es Stürmer nicht interessiert, ob der Leser ihn versteht.
Zu den interessanten Zitaten gehört das bekannte vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (167) – „… der Krieg ist das Mittel, und niemals kann das Mittel ohne den Zweck gedacht werden.“ Daß die imperialistischen Staaten das „Mittel“ Krieg anwandten und anwenden, bedarf keines Beweises. Über den Zweck versucht S. seine Leser mit diesem Buch „aufzuklären“.
Auf Seite 182 bemerkt S. zu diesem Zitat, daß es oft mißverstanden werde. „Zwingend“ folge aus diesem Zitat der Vorrang der „Staatskunst“ vor dem „Kriegshandwerk“, so Stürmer. Sein Beweis: Der „traditionelle Krieg“ hat sich „erledigt“. Was allerdings nur beweist, daß auch S. zu den von ihm Kritisierten gehört, die Clausewitz’s richtige Erkenntnis „mißverstehen“. Der Grund dafür liegt in seiner Methode. Er trennt künstlich was real nicht zu trennen ist. Wenn er nur wenige Zeilen weiter über die Lehren des alten Preußens doziert, so widerlegt er sich selbst. Dort schreibt er nämlich vom Staat „als Dreiheit von Regierung, Streitkräften und Volk“, wobei er natürlich deren „Einheit“ – in bürgerlichem Sinne – meint.
Da S. an dieser Stelle auch der Rolle und der historischen Bedeutung des Volkes ein wenig Beachtung schenkt, wobei er wider besseren Wissens behauptet, der von der Regierung formulierte politische Wille gründe sich im Volk, greife ich etwas vor. Damit die herrschende Klasse ihre Sicherheit, ihre Freiheit und somit ihre Lebensform aufrechterhalten kann, braucht sie das werktätige Volk. „Ihren Willen zu gewinnen ist das oberste Ziel“, zitiert S. einen Vertreter dieser Klasse (185). Und noch einmal auf Seite 227: „Der Bürger wird noch gebraucht.“ Dort wird S. geradezu schizophren, wenn er über die politischen Dienstleister des Kapitals herzieht, die „dem Publikum einreden, alles geschehe ausschließlich gegen den Terror und zum Besten braver Leute“. Der Historiker Stürmer dagegen darf seiner Leserschaft all dies und noch mehr einreden, gilt es doch den Willen des Bürgers zu gewinnen. Denn was wäre der größte Kapitalist mit all seinem Kapital ohne uns?
Kommen wir zum Stürmerschen Buch selbst, daß ich notgedrungen lesen mußte, nehme ich doch an, daß es die Grundlage für Stürmers Auftritt am Käthe-Kollwitz-Gymnasium Zwickau bildet. Das einzige Lob gebührt Stürmers unstreitbar vorhandenen Eloquenz. Ist man am Inhalt nicht interessiert, so liest sich das Buch wirklich leicht und flüssig. Man muß kaum nachdenken und soll es wohl auch nicht, so apodiktisch wie S. schreibt. Doch wer liest schon ein Buch nur um des Lesens willen? Auch Stürmer schreibt ja nicht nur um des Schreibens willen. Wie der Leser hat auch der Autor ein Ziel.
Im Vorfeld las ich natürlich auch einige Rezensionen bürgerlicher „Kritiker“. Von „Weltuntergangsstudie“ bis „Einführung in die internationale Politik“ reicht da das Spektrum, von „richtig düster“ (Neue Zürcher Zeitung) und „apokalyptischen Szenarien“ (Die Zeit) ist dort die Rede, was bei mir allerdings eher den Eindruck erweckte, als wollte man mit diesen Rezensionen das Buch pushen.
Der eloquente Stürmer erklärt seinen Lesern auf Seite 85, daß „die Analysen auseinander driften“ müssen, „wo die Interessen auseinander“ fallen. Da hat er sicher Recht, auch wenn er auf die unterschiedlichen Interessen – z.B. eines chinesischen Arbeiters und eines chinesischen Kapitalisten, oder eines deutschen Arbeiters und eines deutschen Kapitalisten – im weiteren nicht eingeht. Seine Sicht ist die eines bestimmten „Interessenten“. Dazu paßt auch die „politische Predigt mit Engelszungen“ (92), doch wenn ich seiner in Buchform vorliegenden Predigt folge, so scheint mir doch hinter jedem einzelnen Absatz der berühmte Pferdefuß hervorzuschauen.
Den ersten Teil des Buches, in dem sich S. mit der Epoche des „Kalten Krieges“ beschäftigt, streife ich nur kurz, findet sich doch dort kaum Neues.
Zu finden ist allerdings das tägliche Quentchen Antikommunismus, gepaart mit dem Anspruch der Deutungshoheit über historische Ereignisse. Das beginnt schon auf Seite 30 mit der „Stalinschen Blockade“ Berlins, setzt sich fort über den Vergleich des „gefürchteten“ KGB mit der „vergleichsweise milden zaristischen Ochrana“ (95), und endet noch lange nicht beim Hitler-Stalin-Pakt. Natürlich gehört zu einer richtigen Apokalypse auch die Beschwörung der Lenin-Stalin-Dämonen (96). Das ist kein Wunder, findet sich in der Liste der verwendeten Literatur doch auch der Name Wolkogonow. Ein ebenso „führender“ Historiker in Rußland, wie S. in Deutschland. Wolkogonows „wissenschaftliche“ Methode zur Charakterisierung Lenins beruht u.a. auf Irisdiagnostik und die simple Einteilung in „Gut“ und „Böse“.
Auf Seite 105 läßt der Historiker Stürmer die Chinesen und Russen den gemeinsamen Sieg über Japan feiern. Natürlich wurde dieser Sieg nach Herrn Stürmer „nicht auf den Schlachtfeldern erkämpft“, waren doch „die Atombomben schon gefallen“. Die Russen kamen also lediglich zum „Rendezvous des Ruhmes“. So argumentierte S. bereits in der „Welt“ am 20.03.2002. Dabei scheint dem „Historiker“ nicht bekannt zu sein, daß die Sowjetarmee in Erfüllung der Vereinbarungen des Abkommens von Jalta Japan am 8. August 1945 den Krieg erklärte und am 9. August zusammen mit der Chinesischen Volksbefreiungsarmee eine Offensive gegen die in China und Korea stehenden Hauptkräfte der japanischen Landstreitkräfte begann. Und dies nicht nur pro forma, sondern derart machtvoll, daß die Offensive noch im gleichen Monat mit der völligen Zerschlagung der japanischen Streitkräfte in China, Nordkorea, Südsachalin und auf den Kurilen endete. Dabei erlitt Japan die höchsten Verluste während des Zweiten Weltkriegs, was folgerichtig in die bedingungslose Kapitulation am 2. September mündete. Daß der verbrecherische Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki dabei ebenfalls eine gewisse Rolle spielte, wird von mir damit nicht bestritten.
Und wie die Sowjetunion und China 1945 die Japaner nicht besiegten, so siegte auch nicht das vietnamesische Volk über die USA. Denn: „Der Kämpfer, der ohne Uniform und barfuß im Schutz des Dschungels oder aus den Labyrinthen der Innenstädte kämpft, kann nicht siegen.“ (168) Das ist die Deutungshoheit des Historikers S. par exellence, und er selbst scheint davon auszugehen, man müsse dies nur oft genug wiederholen, um am Ende die Erinnerung zu füllen, die Begriffe zu prägen und die Vergangenheit zu deuten. So drückte er seine Intentionen einst in der FAZ aus.
Noch eine Anmerkung Stürmers zur Geschichte: „Die große Konfrontation endete, als der Kommunismus an seinen inneren Widersprüchen erstickte und erstarrte“, belehrt S. seine Leser auf Seite 171. Er hat sich nicht die Mühe gemacht zu untersuchen, ob da wirklich der Kommunismus „erstickte“, oder ob nicht schlicht eine Gruppe von Kapitalisten einer anderen im Konkurrenzkampf unterlag. Doch das wäre wohl auch zuviel erwartet – von ihm. Bemerkenswert ist jedoch, daß S. damit faktisch das Abhandenkommen des „Schwarzen Mannes“ konstatiert, mit dem man die eigene Bevölkerung bis dahin so schön bei der Stange gehalten hatte. Nur logisch, daß ein neuer Gegner her mußte und daß ausgehaltene Leute wie S. bei seiner Installation behilflich sind. Er kommt weiter unten noch einmal darauf zurück.
Womit wir beim Hauptteil des Buches angelangt sind, wobei ich mich im folgenden auf das ins Auge springende beschränke und lediglich meine spontanen Gedanken während des Lesens notiere. Vielleicht können sie zum Nachdenken anregen.
In Beschreibung des heutigen Rußland schreibt S.: „Russland hat seine Geschichte verloren, umgebracht, verdrängt. Denn wer nicht der Schreckenszeiten gedenken will, der muß auch den Rest verdrängen und vergessen, und mit der Frage nach dem Woher auch die Frage nach dem Wohin.“ (97)
Abgesehen von der schlicht in andere Worte gefaßten längst bekannten Weisheit, halte ich es für wenig wahrscheinlich, daß „Rußland“, die russischen Menschen, ihre Geschichte verdrängt und vergessen haben. Die Menschen vergessen nicht so einfach, wie es der Historiker S. gern hätte. Vor allem nicht die Menschen, über die S. nicht schreibt. Für ihn sind die „neuen Russen“ lediglich die, die in „deutschen Premiumcars“ auf der Leningrader Chaussee herumbrausen, womit er wohl selbst auf eine seiner „Asymetrien“ hereinfällt.
Für wessen „Leid“ S. denn wirklich empfindet, das beweist er auf Seite 111. Es sind „Weltwirtschaft und Weltfinanzmärkte“. Es leiden die „Wohlfahrtstaaten“, die „industriellen Demokratien“, die angeblich und trotz aller von Stürmer entdeckten „Asymetrien“ auf „sozialen Gleichgewichten“ beruhen. Die „Asymetrie“ von vielen Armen und wenigen Reichen vermag S. an dieser Stelle nicht zu entdecken.
„Löhne und Leistungskraft Asien haben leider kein Mitleid mit alt gewordenen Europäern“, versucht er den imperialistischen Konkurrenzkampf auf dem Rücken der chinesischen wie der europäischen Lohnarbeiter zu verschleiern, und bemerkt dabei nicht einmal, daß Chinas Kultur weit älter ist als die der alten Europäer.
Er nennt diesen Konkurrenzkampf „zwischenstaatliche Umverteilung“, und die ist schuld an den staatlichen „Umverteilungen“ in den europäischen Staaten. Warum diese immer von unten nach oben erfolgt, das sagt uns S. natürlich nicht, doch die daraus resultierende Gefahr „schwerster sozialer Verwerfungen“ erkennt er wohl.
„Die Wirtschaft ist das Schicksal“, zitiert er Walter Rathenau, und was anderes drückt er damit aus als das längst bekannte Faktum, daß die Wirtschaft den Staat besitzt und nicht umgekehrt. (Wie wichtig S. diese Feststellung sein mag, dafür ist die Wiederholung des Zitats auf Seite 152 zumindest Indiz.)
Der Historiker Stürmer erklärt uns, daß der Kommunismus tot ist. Physisch gesehen ist daran nicht zu deuteln. Aus dieser Erkenntnis ergab sich für die herrschende Klasse aber auch die Notwendigkeit, eine neue „Hauptbedrohung“ (114) zu finden. Man fand sie in den apokalyptischen Terroristen und in den „Schurkenstaaten“, die auf Nuklearwaffen aus sind. Dagegen setzt man die „Friedensoperationen“ zur „Stabilisierung- und Friedenswahrung“. Bleibt die Frage, um wessen Frieden und um die Stabilisierung von Was es dabei geht.
Noch auf Seite 112 erzählte uns S., daß „Militärischer Imperialismus“ nicht zu Chinas Traditionen gehört. Nur drei Seiten später verweist er auf die „rasch wachsenden Militärausgaben Chinas“ und die Gefahr eines „Wettrüstens am Pazifik“. Mit „Tradition“ hat das insofern etwas zu tun, weil der Grundwiderspruch des Imperialismus die ökonomische Wurzel des Krieges ist. Diese „Tradition“ imperialistischer Staaten beschreibt S. denn nicht nur dadurch, daß er die Höhe des US-amerikanischen Rüstungshaushalts mit 440 Milliarden US-Dollar angibt (auf Seite 230 sind es sogar 518,10 Mrd.), sondern auch, indem er etwas verschleiert „realistische Rücksichten“ auf „etablierte Interessen“ des militärisch-industriellen Komplexes erwähnt.
Uns Europäern, also auch uns Deutschen, bescheinigt S. „willige Parlamente“ und „disziplinierte Parteien“ (117). Wem gegenüber die Parlamente „willig“ sind, und wem gegenüber die Parteien Disziplin halten, das sagt S. natürlich nicht. Doch auch ohne die zahlreichen, engen Verflechtungen von Politik und Wirtschaft im Detail zu kennen, dürften die Entscheidungen von Parlament und Parteien eine deutliche Sprache sprechen. Die Praxis ist immer der Beweis der Theorie, und nicht umsonst belehrt uns S.: „Die Wirtschaft ist das Schicksal.“
In den USA ist das natürlich ganz anders, doch wenn S. untersucht hätte, wer hinter den von ihm aufgeführten „Kräften“, die „die amerikanische Außenpolitik prägen“, steht, so hätte er schnell festgestellt, daß Disziplin und Willigkeit sich auch dort aus den gleichen Quellen wie in Europa speisen. Stürmer spricht denn auch selbst von „Koppelgeschäften überraschender Art“, von „Malice und Intrige“ (118). Die „Machtgeometrie an der Spitze“ spielt dabei ganz sicher eine Rolle, doch auch sie ist letztlich nur das Ergebnis der Interessenlage der herrschenden Klasse. Wie auch die „Handlungsempfehlungen“, die selbstverständlich dem „nationalen Interesse“ entsprechen (119).
Diese „nationalen Interessen“ sind: der Zugang zu strategischen Ressourcen, die Sicherung von ausreichend Energie und die dazu notwendige Offenhaltung freier Seewege (120). Deshalb, so läßt S. folgern, ist der Kampf gegen den Terror und gegen Piraten eine Notwendigkeit.
Wenn er anmerkt, daß es in diesen Zeiten „keine großen Unterschiede“ zwischen Europäern und US-Amerikanern gibt, wobei er natürlich die europäischen und US-amerikanischen Imperialisten meint, so liefert er damit zugleich ein Indiz für den Konkurrenzkampf zwischen beiden.
Ab Seite 125 malt S. uns ein düsteres Bild einer neuen „Hauptbedrohung“ – des Iran. Als die Briten, als die US-Amerikaner dort noch ihren „Anspruch auf Vormacht“ ausübten, und solange der Schah regierte, war dort alles eitel Sonnenschein – für die herrschende Klasse rund um den Globus. „Israel lieferte technisches Kow-how, half bei der Ausbildung der gefürchteten Geheimpolizei SAVAK und bekam dafür Öl … Finanzierung via Deutsche Bank in Luxemburg. Die Vereinigten Staaten gaben Militärhilfe, verkauften fortgeschrittene Waffensysteme, unterstützten das regionale Vormachtstreben des Schahs und konnten im Gegenzug alle Ölrechte kaufen und nutzen …“ Bis Frankreich den Ayatollah Khomeini in den Iran reisen ließ, der die gerngesehene Diktatur des Schah in eine weniger gerngesehene Diktatur verwandelte.
Daß es den USA und den führenden europäischen imperialistischen Staaten nicht allein um die Verhinderung der bisher lediglich vermuteten Atomrüstung geht – was allerdings ein prima Vorwand für die Weltöffentlichkeit ist -, das gibt sogar S. zu. Für ihn geht es um „Gleichgewicht oder Hegemonie“, enthält diese Region doch „die größten Ölfässer der Welt“ (126).
Da ist es denn nur verständlich, daß sowohl die Imperialisten der USA wie die Rußlands auf Seiten des irakischen Imperialisten Sadam standen, als dieser sein Reich auf Kosten der iranischen Imperialisten zu vergrößern suchte. Das iranische und irakische Volk – das in der Geschichtsbetrachtung des Historikers Stürmer keine Rolle spielt – durfte wie immer in imperialistischen Kriegen als Kanonenfutter herhalten. Die Gewinner dieses achtjährigen Krieges waren nicht sie … wie immer.
Ganz anders die Reaktion der gleichen Leute auf Sadams Aggression gegen das ölreiche Kuweit. Wäre es nicht ölreich, bekennt S. freimütig, „hätte Sadam nicht den Angriffsbefehl gegeben“ und „Washington nicht mit Krieg reagiert“ (129). „Desert Storm“ beendete Sadams Expansionsdrang, doch der später angestrebte „Regimewechsel“ stand damals noch nicht auf der Agenda der US-Imperialisten. Glaubt man S., so wußten die US-amerikanischen Generalstäbe damals nicht, daß Sadam nach seiner Niederlage noch über die „Republikanischen Garden“ zum Schutz seines Regimes verfügte. „Die Erlaubnis an die Iraker, auch nach dem Waffenstillstand noch Hubschrauber zu bewegen, war das Todesurteil für die Aufständischen.“ (130) Wie gesagt: ein „regime change“ stand noch nicht auf der Tagesordnung, schon garnicht bewirkt durch einen irakischen Volksaufstand. „Zwischen 30.000 und 60.000 Menschen wurden umgebracht.“ Und damit erwähnt S. denn auch einmal das von ihm so nebensächlich behandelte Volk, „die Hauptverlierer dieses Krieges“.
Auf Seite 130 schreibt S. vom „zunächst vermuteten und mittlerweile bewiesenen Streben“ des Iran nach Nuklearwaffen. Dazu verweist er lediglich auf „israelische Dienste und Militärs“. Beweise und deren Quellen bleibt er wie so oft schuldig, obwohl es doch in seinem ureigensten Interesse liegen müßte, diese Beweise auf den Tisch zu legen. Auch der auf Seite 136 angeführte „Vertragsbruch“ der Iraner ist bemerkenswert unkonkret.
Wenn er schreibt, daß dem Iran zur politischen Führung des Islam – übersetzt: den iranischen Imperialisten zur Hegemonie im Nahen Osten – nur noch „nukleare Waffen oder wenigstens Aussicht und Anschein, sie demnächst zu besitzen“, fehlt, so wird verständlich, warum man diese „apokalyptische“ Vision mit allen Kräften kolportiert.
Lief es nicht ähnlich vor dem Überfall auf den Irak? Waren es da nicht chemische und biologische Massenvernichtungswaffen, die als Vorwand herhalten mußten, die allerdings nie gefunden wurden? Auch Stürmer stützt noch einmal diese Legende indem er einen US-amerikanischen Staatssekretär zitiert: „Die Amerikaner waren beunruhigt … Über den Verbleib erheblicher Mengen von Materialien für chemische und biologische Waffen gab es keine Rechenschaft …“ Was mich an den Witz erinnert, in dem Bush Rumsfeld fragt, ob es denn Beweise für die irakischen Massenvernichtungsmittel gibt, und Rumsfeld antwortet: „Na klar, wir haben doch die Quittungen.“
Die auf Grundlage solcher „Beweise“ erfolgte imperialistische Aggression gegen den Irak nennt S. einen „Einmarsch“ (131). Indem S. die Bush-Administration „glauben“ läßt, will er seine Leser glauben machen, daß der „Einmarsch“ nur einem „anderen, besseren Mittleren Osten“ dienen sollte (132). Nach der Vernichtung der „vermuteten“ und nie gefundenen Massenvernichtungswaffen, sollten demokratische Regierungsformen etabliert werden, „der Friede der Demokratien“. All das über die Köpfe der irakischen Menschen hinweg und mit der ganz nebensächlichen Absicht, „die Abhängigkeit vom saudischen Öl zu vermindern“ und „dauerhaft militärische Basen“ in diesem Gebiet zu errichten. Ist es doch immer wieder schön, wenn sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden läßt.
Einen hochinteressanten Satz findet man auf Seite 134. Dort gesteht S., daß der Begriff „war on terror“ eher verdeckt als klärt. Erst die Zuordnung der Ziele des geführten Krieges erlaubt Klärung. Mit dem Begriff „Leitmotiv“ beschreibt er denn auch das Ziel dieses imperialistischen Krieges: die Hegemonie der USA oder des Iran. Wobei er sich die Frage nach dem Recht, mit dem sich die US-amerikanische Regierung dieses Ziel stellen, natürlich nicht stellt.
Interessant auch die Feststellung Stürmers, daß die angeblich vom Iran angestrebte Führungsrolle „nur durch zwei Gegenkräfte“ eingeschränkt wird: die der USA und der Haß und das Mißtrauen „zwischen der sunnitischen Mehrheit der arabischen Muslime und der schiitischen Minderheit“. Es ist nicht der erste religiös verbrämte Konflikt, der einzig und allein dem Machterhalt der herrschenden Klasse dient.
Apokalypse pur findet sich auf Seite 138, wo S. schreibt: „Wo Todeskult und Endzeitbewußtsein sich mit der Atombombe verbinden, wie im heutigen Iran, ist das Undenkbare jederzeit denkbar.“ So etwas kann man natürlich mal schreiben – doch veröffentlichen?
Unbestritten herrscht im Iran derzeit ein reaktionäres, faschistoides Regime, und sicher ist es gefährlich, wenn dieses Massenvernichtungs- und/oder Atomwaffen in Händen hält – Hiroshima und Nagasaki sind noch immer der existierende Beweis für diese Gefahr. Doch diesem reaktionären Regime kann nur das iranische Volk ein Ende bereiten. Daß es dazu fähig und in der Lage ist, das sollte dem Historiker S. sein eigenes Fachgebiet beweisen. Zumal er selbst von bereits existierender „politischen Unruhe“ unter der iranischen Bevölkerung spricht, von einem „Generationskonflikt“, womit handfeste „soziale und politische Spannungen“ (139) zum Ausdruck kommen. Eine gewaltsam aufgezwungene „Pax Americana“ brauchen die iranischen Werktätigen so wenig wie einen Kropf, denn dieser „amerikanische Friede“ hat nur den „Frieden“ der US-Imperialisten im Auge, die auch weiterhin die Reichtümer des Iran ausbeuten wollen. Wenn S. von der amerikanischen Allianz als dem „geringeren Übel“ spricht – wovon spricht er dann anderes als von einem Übel? Das vorangestellte Adjektiv ist blanker, demagogischer Euphemismus.
Die von S. wohl bemerkten „sozialen und politischen Spannungen“ führt er auf Seite 142 noch weiter aus, wie er dort auch verdeutlicht, warum er lieber eine „Pax Americana“ hätte – bzw. die, in dessen Auftrag und für deren Geld er dieses „Werk“ verfaßt hat.
Stürmer weiß als Historiker, daß diese gesellschaftlichen Spannungen, diese antagonistischen Widersprüche sich „früher oder später“ in „revolutionärer Form“ aufheben. Deshalb hegt er wie jeder Spießbürger den Wunsch nach „Reformen“, natürlich „von oben“. Wobei er offen läßt, ob er damit einen Ayatollah, Bush, Gott, Allah oder Frau Merkel meint. Davon abgesehen sollte er als gestandener Gesellschaftswissenschaftler wissen, daß Reformen antagonistische Widersprüche nicht „aufheben“ können. Sie können höchstens und auch nur für eine gewisse Zeit dämpfend wirken.
S. ist daher für eine „konzertierte internationale Anstrengung“ zwischen Amerikanern, Europäern und „antirevolutionären Arabern“ (151). Was nichts anderes heißt als wie immer geartete Aktionen einer Clique von internationalen Imperialisten gegen jeden „Schurkenstaat“, der sie von den „Ölfässern“ der Region vertreiben will. „Beruhigen“ und „Abfinden“ sollen sich diese unabhängigen Länder, denen man die Unabhängigkeit streitig macht.
Selbstverständlich gehört auch der „Klimawandel“ – ich bezeichne das als Vorstufe zum Umschlag in eine Klimakatastrophe – zum apokalyptischen Szenario Stürmers. Er sieht vor allem wirtschaftliche und strategische Folgen, die politischen Folgen umgeht er geschickt. Mehr als „Verzweiflung“ und „Massenflucht“ fällt dem Schreiber an dieser Stelle nicht ein (154). Doch da Öl „alles“ verändert (155), muß man nur wenige Zeilen weiterlesen, um wie erwartet zur Apologie der Atomenergie zu gelangen, die man dem Iran natürlich verweigern muß. Ganz nebenbei erfolgt noch ein Seitenhieb gegen deutsche Kohlesubventionen und gegen „Prämien für grüne Energien“ als „Mittel der Industrievertreibung und der Arbeitsplatzvernichtung“ (156). Flacher geht es kaum. Im gleichen Atemzug werden auch die steigenden Staatsschulden damit „begründet“, daß „der soziale Ausgleich nicht mehr zu bezahlen war“ (157), wobei ich nun im Zweifel bin, worüber ich mich mehr aufregen soll: über den „sozialen Ausgleich“ oder die hier gegebene „Begründung“.
Noch einmal kommt er auf die „sichere Energieversorgung“ zurück (159, 166), ist sie doch „lebenswichtig für die industriellen Wohlfahrtsstaaten“. Vor allem ist sie wohl wichtig für die Industrie in den Staaten, in denen es dem Kapital ausgesprochen wohl geht. Erlaubt ist diesen daher jede „Anstrengung“, den Nahen und Mittleren Osten unter Kontrolle zu bringen, wie auch jede Apologie, die der „Rehabilitation“ der Atomenergie dient.
Fehlt es den meisten Öl produzierenden Staaten nach S. doch an „politischer Stabilität“ (161). Um den zukünftigen, wachsenden Ölbedarf zu sichern, wären dort „hunderte von Milliarden Dollar“ an Investitionen nötig. Die IAEA hält diese wohl für möglich, fügt allerdings sofort ein „Aber“ hinzu. Das „globale Finanzsystem“ – gemeint ist das internationale Kapital – „hat die Fähigkeit, die notwendigen Mittel aufzubringen“, ABER „das hängt davon ab, dass die Bedingungen richtig sind“ (162). Welche Bedingungen aber sind das?
Sicherheit vor Umsturz, Terror und Proliferation. Sicherheit der kapitalistischen Investitionen, die natürlich nur dann fließen, wenn die „Investoren“ die Reichtümer des jeweiligen Landes auch selbst ausbeuten können. Sicherheit für ihre Profite, von denen der ausgebeuteten einheimischen Bevölkerung – vielleicht – ein kleiner Bruchteil an „Teilhabe“ zugestanden wird, um die „sozialen Verwerfungen“ unter Kontrolle zu halten.
S. faßt die Bedingungen noch in zwei andere Begriffe: Weltordnung und Vertrauen in ihre Dauer. Damit meint er nichts anderes als das Andauern der kapitalistischen Ordnung, als das Andauern der „Asymetrien“ von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von Arm und Reich. „Asymetrien“, in denen Stürmer selbst eine apokalyptische Gefahr für die Welt sieht. Erneut seltsam schizophren.
Er selbst weist auf den „scramble for Africa“, die Kolonialisierung Afrikas durch die imperialistischen Großmächte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hin. Und wenn er den heutigen Kampf der „global players“ – auch nur ein Euphemismus für die heutigen international agierenden Kapitalisten – um die Ölressourcen „überall auf der Welt“ damit in Zusammenhang bringt, so entlarvt sich Stürmer zum einen selbst, zum anderen die, für die er sich auch mit diesem Buch als willfähriger „Wissenschaftler“ betätigt.
Da überrascht es kaum, daß S. „langfristige Verträge, Kapitalverflechtungen und politische Allianzen“ für weniger gut und den „direkten kolonialen Zugriff“ für besser hält (164). Ganz unverschleiert redet er so dem Kolonialismus wie dem Neokolonialismus das Wort.
Gelten darf das selbstverständlich nur für die „alten“ Imperialisten. Wenn der relativ junge Imperialist China – wie 2004 geschehen – nach US-amerikanischen Unternehmen langt, dann geht die vielbeschworene „Freiheit des Handels“ ganz schnell den Bach hinunter und noch schneller schreit man nach dem Staat.
Der „asymetrische“ Krieg ist so alt wie die Menscheit, gibt S. uneingeschränkt zu, wobei ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß er damit seinen vermeintlichen „Entdeckungen“ widerspricht. Doch selbst diese „Asymetrie“ sieht es nur quantitativ, obwohl er den qualitativen Aspekt im Fall David gegen Goliath durchaus zu ahnen scheint (168). Er verpackt den Aspekt der moralischen Überlegenheit, die durchaus in der Lage sein kann „Asymetrien“ umzukehren, natürlich in den Begriff des „Glaubenskriegers“, doch die von ihm zuvor angeführten Beispiele von „Kämpfern ohne Uniform“ waren sicher nicht nur „Glaubenskrieger“ im Stürmerschen Sinn. Auf Seite 182 spricht er dann selbst von den physischen Kräften der Armee UND der „eingesetzten Willenstärke“, also der Moral der Armee.
Ist Terror das Ergebnis von Armut oder von Mangel an Demokratie? Mit der Wirklichkeit haben beide Begründungen, so S., „so gut wie nichts gemein“. Beide Diskurse, so der Historiker, suchen rational nach Ursachen – also nicht nach rationalen Ursachen – „und verfehlen den irrationalen Rest“. Stürmer selbst ist es, der hier die rationale Suche nach den Ursachen in Beziehung zu den – angeblich – irrationalen Ursachen in Beziehung setzt. Das ist zwar alles andere als wissenschaftlich, doch auf diese Art kann er alle Rationalität fahren lassen und das „junge Feuer der alten Religionen“ in den Vordergrund schieben (171). Daß auch seine sogenannten irrationalen Gründe handfeste rationale Ursachen haben könnten – da sei Gott vor.
Religion war immer eine Hauptpotenz der Geschichte, fährt er dann fort, und zeigt dabei auch auf die Geschichte Europas. „Um der Religion willen“ schlug man sich auch dort die Schädel ein, und wenn man sich in Europa für „aufgeklärtes Vergessen, Nichtverstehen und materialistische Erklärungen entschieden hat“, so muß man sich nicht wundern, wenn man „nur einen Teil der Antriebskräfte“ erfassen kann. Zum Glück haben wir Europäer solche Leute wie Stürmer, die uns unsere Aufgeklärtheit und unseren Materialismus schon noch austreiben werden.
Richtig erkennt S., daß die Terroristen der RAF zumeist aus bürgerlichem Hause stammten, also nicht zu den „Kindern der Armut“ gehörten (173) Und da er einen Mangel an Demokratie im „Terrorjahrzehnt der Bundesrepublik“ nicht zu behaupten wagt, bricht er seine rationale, irrationale oder wie auch immer geartete Suche nach den Ursachen des Terrorismus an dieser Stelle ab und schwätzt statt dessen über Schreckensmänner und deren Zorn. Apokalypsen haben noch nie wissenschaftliche Begründungen gebraucht. Und dennoch: „Die Analyse muß stimmen“, schreit S. auf, „sonst können auch Strategie und Kampfmittel nicht stimmen“. Doch gerade an der Analyse hapert es bei Stürmer.
„Haß und Bitternis“ sind nach S. die Ursachen für den „asymetrischen“ Krieg des militanten Islam „gegen alle“. Er stellt sich weder die Frage, woher all dieser Haß und die Bitternis kommen, noch wem dieser religiös verbrämte Krieg nützt. Es gehe um unser Leben, so södert er vor sich hin, um unsere Freiheit und unsere Lebensform (174), und er meint die Lebensform des Kapitalismus, die Freiheit des Kapitals, egal wieviel Haß und Bitternis diese „Lebensform“ noch erzeugt.
Vier „Reiter der Apokalypse“ bedrohen die uneingeschränkte Machtausübung des internationalen Kapitals: Massenvernichtungswaffen, islamistischer Terrorismus, Chaosstaaten und Cyberwar. Dagegen ist im „Ernstfall“, „notfalls“ auch „Präemption“ ein legitimes Mittel der „Gefahrenabwehr“ und zum „Schutz der nationalen Existenz“ (175). Mit aller „strategischer Deutlichkeit“ macht Herr Stürmer hier seinen Lesern klar, daß er kein Opfer der „Political Correctness“ ist. Wenn der Verdacht besteht, daß einer dieser „Schurkenstaaten“ Massenvernichtungsmittel besitzt, so übergehen wir Menschen- und Völkerrecht und marschieren ein. Besteht der Verdacht, der „Schurkenstaat“ strebt nach der Atomwaffe, so rechtfertigt das einen atomaren „chirurgischen Schnitt“. Die Bevölkerung wird dabei so weit wie möglich geschont, so daß Haß und Bitterkeit garnicht erst aufkommen. Im Anschluß an die „Friedensmission“ läßt man die Bevölkerung unter Besatzungsrecht oder einem Marionettenregime „teilhaben“ an den Segnungen des Neuen Kolonialismus.
Nachdem im Vorfeld des „Einmarsches“ bereits der militärisch-industrielle Komplex der „Wohlfahrtsstaaten“ aufgrund neuer „Streitkräftestruktur und Rüstungsprioritäten“ (176) Riesenprofite scheffeln konnte, kommen danach die Kolonialherren vor Ort zum Zuge. Das „Gewebe der Gesellschaft“ ist wieder intakt und alle können sehr zufrieden sein.
Ab Seite 189 folgt ein Exkurs zur strategischen „Asymetrie“ der Nuklearwaffen. Im Prinzip ebenfalls nichts Neues. Die fünf Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrats wollen von ihrer darauf basierenden Macht nicht lassen, während sie den „nuklearen Habenichtsen“ (194) – und S. meint das so zynisch, wie er es formuliert – bereits mit Mißtrauen gegenübertreten, wenn diese auch nur die friedliche Nutzung der Atomenergie in Erwägung ziehen. Was wohl auch daran liegt, daß sie von sich auf andere schließen.
Interessant an dieser Stelle sein Eingeständnis, daß die bösen Sowjetführer ihren Verbündeten und Schützlingen alles geliefert haben, nur nicht nukleare Waffen und Materialien (191). Also ganz im Gegensatz zu den Führern der „demokratischen“ imperialistischen Staaten, wie das Beispiel Israel beweist. Dieses Land – als US-amerikanischer Stellvertreter in der Region – wie auch Pakistan und Indien genießen deren stillschweigendes Wohlwollen. Das „finstere Nordkorea“ und nun der Iran natürlich nicht, bilden sich diese die Bedrohung von Außen doch nur ein.
Zur Logik der US-amerikanischen „Sicherheitspolitik“ gehören nukleare Waffen. Eine Logik, die sie anderen nicht zugestehen. Welchen moralischen Rückhalt kann eine Forderung nach Verzicht auf Atomwaffen haben, wenn der Fordernde selbst nicht zum Verzicht bereit ist? Eine Frage, auf die S. nicht einmal zu kommen scheint. Er spricht lieber – „ohne Übertreibung“ – „von einer möglichen Wendung ins Apokalyptische“ und – man höre und staune – von „Träumen“ von „Harmonie durch Demokratie und Marktwirtschaft“. Nur selten stimme ich mit S. überein, doch an dieser Stelle sind wir einer Meinung. Auch wenn er das „passive Warten“ kritisiert, hat er mich auf seiner Seite, doch sicher meint er mit dieser Formulierug etwas ganz anderes als ich.
Und noch einen Satz kann ich unterschreiben: „Diktaturen haben es an sich, daß sie oftmals die schlimmsten Feinde des Volkes sind und, um sich an der Macht zu halten, äußere Feinde brauchen.“ (208) Wie wahr!
Wenn S. auf einen Regimewechsel im Iran (als „weiche Option“) hofft, so ist das in Wahrheit die einzige Option. Im Gegensatz zu S. halte ich das iranische Volk dazu auch für fähig.
Die Erde ist flach. Mit diesem Weltbild der mittelalterlichen Kirche leitet Stürmer sein Resümee ein. Und er tut recht damit. Denn ebenso flach ist sein Buch.
Doch selbst hier findet sich noch Weisheit.
„Jeder steht mit jedem im Wettbewerb um Absatz, Löhne, Arbeitsbedingungen, Preise und Qualitäten.“ (217) Man könnte es kürzer fassen: Es herrscht ein unerbittlicher Konkurrenzkampf zwischen den Kapitalisten um Profite, Profite und mehr Profite. Daß die Arbeiter sich gegenseitig Konkurrenz machen, ihre Löhne und Arbeitsbedingungen auch deshalb kontinuierlich nach unten gehen, ist nur eine gesetzmäßige Konsequenz des Kapitalismus.
„Großunternehmen suchen sich Standorte, Steuersysteme und Regierungen – nicht umgekehrt.“ Womit S. nur einmal mehr bestätigt, was weiter oben bereits gesagt wurde: die Wirtschaft besitzt den Staat – nicht umgekehrt!
Daß die „überlieferte Staatenordnung“ sich auflöst, ist ein schlichter historischer Prozeß, eine Gesetzmäßigkeit, zu deren Feststellung es nicht des Historikers Stürmer gebraucht hätte. Die Nationalstaaten entstanden in einem historischen, gesetzmäßigen Prozeß und ebenso gesetzmäßig vergehen sie wieder. Die „traditionelle Begrifflichkeit von Staat und Weltordnung“ (218) hört zwar nicht einfach auf, wie S. zitiert, und noch weniger Staat und Gesellschaftsordung selbst. Auch sie befinden sich in einer Entwicklung. Ansonsten sollte S. seinen Hegel kennen: Alles, was verdorben worden ist, das ist aus guten Gründen verdorben worden.
Was soll der Menschheit eine „Globalisierung“, von der nur wenige profitieren, während „kulturelle Entfremdung, Verlorenheit und neue Armut, politische Brüchigkeit und bedrohliche Nachbarschaften“ erzeugen, wie S. sich verklausuliert ausdrückt? Für ihn sind das „sprengkräftige Asymetrien“. Er barmt um den „Ausgleich zwischen den Benachteiligten und den Begünstigten“, als hätte es den jemals gegeben. Denn wenn es den „Ausgleich“ je gegeben hätte, woher dann diese „Asymetrie“?
Nicht fehlen darf die Demagogie vom europäischen Arbeiter, der mit einem Stundenlohn von 15 US-Dollar nicht auf Dauer mit dem chinesischen Arbeiter zu fünf Dollar am Tag konkurrieren kann. Als bürgerlichem Ideologen, der er in Wirklichkeit auch ist, bleibt er der kapitalistischen Profitlogik verhaftet, der jeden Blick über den ideologischen Tellerrand scheut und scheuen muß, auch wenn er an einer Stelle sogar Marx zitiert. Die Konkurrenz des chinesischen mit dem europäischen Arbeiter scheint ihm gottgegebenes Gesetz zu sein. Und das findet er gut so, beruht doch auf dieser Konkurrenz der Arbeiter untereinander die Herrschaft ihrer nationalen Ausbeuter. „… jeder Verständige ahnt und sieht es und weiß doch nicht anders zu handeln.“ (220)
Wovor S. und die, die ihn bezahlen, Angst haben, und was er vornehm als „soziale Verwerfungen“ umschreibt, das beschreibt er am Beispiel der saudi-arabischen Bevölkerung. Betrug das Durchschnittseinkommen 1974/76 noch 24.000 US-Dollar, so sind es dreißig Jahre später nur noch rund 7.000 US-Dollar. Ob das saudische Königshaus ebenfalls an dieser „sozialen Verwerfung“ teilhat, das verschweigt S. ebenso vornehm.
Wie lange „soziale Beschwichtigungen“ diese „Asymetrie“ noch am Leben halten können, auch das betrachtet Stürmer mit berechtigter Sorge für sein Klientel. „Überzahl der Menschen bedeutet nicht nur Segen, sondern noch mehr Verteilungskämpfe und Unregierbarkeit.“ (224) Im von S. verteidigten Gesellschaftssystem ist das unbestritten richtig, doch bestreitet er nicht selbst die von vornherein abgeschmackte These vom „Ende der Geschichte“? Bändigen kann all das nach S. nur die „politische Lebensform“, womit er die bürgerliche Demokratie meint.
Und noch einmal geht es um „Freiheit und Sicherheit“ – das WESSEN? bleibt erneut unklar. Stürmers „Sorge vor permanenter Verformung der freiheitlichen Ordnung“ (225) ist vor allem die Sorge des Kapitals, ihre Ordnung, ihre Freiheit könnte eines schönen Tages auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Einen – wenn auch mißlungenen – Versuch gab es bereits. Wer garantiert, daß die „sozialen Verwerfungen“ nicht einen zweiten provozieren, bei denen die Protagonisten aus den Fehlern des ersten gelernt haben?
Gegen diese potentielle, von S. ungenannte „Gefahr“, setzt der Historiker politische Führung, Bürgertugend und Parlamentskontrolle. Die „wachen Medien“ entlocken mir nur ein müdes Lächeln (226). Auch die Religion als Opium für’s Volk darf natürlich nicht fehlen.
Zum Schluß läßt Stürmer noch einmal den „Hufschlag der apokalyptischen Reiter“ erschallen, damit der Leser auch ja nicht vergißt, warum Prävention, „Vorwärtsverteidigung“ und Präemption so notwendig sind für „ein neues Gleichgewicht staatlicher Sicherheit und (endlich nennt er es bei seinem wahren Namen) bürgerlicher Freiheit“ (228). „Die globalen Asymetrien“, die der Kapitalismus teil erst erzeugte, teils verschärfte und vor allem bis heute nicht bewältigen konnte, weil er die Ursache ist, „müssen bewältigt werden“, barmt Stürmer. „Weltoffene Eliten“ – was immer S. darunter versteht und meint – sind dazu nicht in der Lage. Es sind die Menschen überall auf der Welt, denen der „Historiker“ fast jede Beachtung verweigert, die zu der Erkenntnis gelangen müssen, daß dieses Gesellschaftssystem die Ursache für all die Stürmerschen „Asymetrien“ ist, und das ihr Glück und ihr Leben wirklich „auf Termin gestellt“ ist, wenn sie diese „Elite“ so weitermachen läßt wie bisher.
Damit sind wir am Ende des Stürmerschen „Werkes“, mein Fazit ist entsprechend kurz.
Zeitungsleser wie ich werden in Stürmers Buch mit dem anspruchsvollen Titel nichts wesentlich Neues finden. All diesen höheren Kohl hat man so oder ähnlich schon einmal gelesen. Stürmer hat lediglich zusammengefaßt, gebündelt und konzentriert. Die handwerkliche Arbeit eines nicht mal guten Apologeten des kapitalistischen Systems, die am Ende nicht einmal das hält, was S. zu versprechen scheint. Doch selbst das schönste Mädchen Frankreichs kann bekanntlich nur das geben, was es hat. Geschickt baut der selbsternannte Apokalyptiker ein furchterregendes Szenario auf, doch die für ihn scheinbar wichtige Frage „Wer wird die Erde erben?“ beantwortet er letztlich nicht. Er scheint geradezu von der Voraussetzung auszugehen, daß sein Publikum nichts weiß, nichts lernen und selbst nichts lesen will als solches Geschreibsel, und dafür auch noch bereit ist, gute 22 Euro auszugeben.
„Freiheit bedarf der Sicherheit, sonst wird sie sich selbst zerstören. Sicherheit bedarf der Freiheit, sonst wird sie zum Selbstzweck.“ – das mag eloquent sein oder tiefsinnig klingen, wirklich schlau macht es in seiner tatsächlichen Flachheit nicht.
Daß so ein Mann lange Zeit Chef der Stiftung Wissenschaft und Politik war, Kanzler Kohl als Berater zur Seite stand und als Chefkorrespondent der Zeitung „Die Welt“ die „Asymetrie“ der bürgerlichen Pressefreiheit an vorderster Front mitbestimmt – das kann einem schon eher das Fürchten lehren.
Klaus Wallmann sen.