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ARCHIV 2003 – 2017

Marx und Engels haben geirrt

Kopernikus irrte als er erklärte, die Planetenbahnen seien kreisförmig. In unseren Schulbüchern ist er ein revolutionärer Denker.
Newton irrte, als er die Planetenbewegungen als Wechselspiel von Zentripetal- und Zentrifugalkraft erklärte. Newton zählt zu den großen Köpfen der geistigen Entwicklung der Menschheit.

Bei jeder umstrittenen Theorie stehen die Irrtümer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, bei jeder anerkannten Theorie die Fortschritte. Deshalb spricht man noch immer über die Irrtümer von Karl Marx und Friedrich Engels. Auch deshalb lehrt heute jeder Schullehrer, daß Marx sich geirrt habe. Und damit haben sie Recht.


Marx irrte, als er 1848 die „revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse“ und den „Weltkrieg“ für das folgende Jahr prophezeite. (MEW 6, S. 150)

Marx irrte, als er im März und im Juni 1850 meinte:“die Revolution … steht im Gegenteil nahe bevor“ (MEW 7, S. 245), der Ausbruch einer neuen Revolution [kann] nicht mehr lange ausbleiben“ (MEW 7, S. 312).

Marx irrte, als er 1853 wieder mit einer Revolution rechnete:“…die jetzigen Verhältnisse, … die nach meiner Ansicht bald zu einem Erdbeben führen müssen.“ (MEW 28, S. 223)

Engels irrte, 1856:“Es gibt diesmal ein dies irae (Zeit der Empörung – K.W.) wie nie vorher, die ganze europäische Industrie kaputt, alle Märkte überfüllt… alle besitzenden Klassen hereingeritten, kompletter Bankrott der Bourgeoisie…. Auch ich glaube, daß sich alles dies anno 1857 erfüllen wird…“. (MEW 29, S. 78)

Marx irrte auch 1857: „1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in einem eingeschränkten Sinn, diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf.“ (MEW 29, S. 212). Im Dezember 1857 erwartete er die „Sintflut“. (MEW 29, S. 225)

Marx irrte, als er 1862 schrieb: „Wir gehen offenbar einer Revolution entgegen – woran ich seit 1850 nie gezweifelt habe.“ (MEW 30, S. 641)

Marx irrte 1869 in Bezug auf die deutsche Einheit: „Es gibt in der Tat keine deutsche Einheit. Sie könnte nur erreicht werden durch eine deutsche Revolution, die die preußische Dynastie hinwegfegt…..“ (MEW 32, S. 608). Zwei Jahre später war die deutsche Einheit Realität – nicht gegen die preußische Dynastie, sondern durch die preußische Dynastie.

Marx irrte auch 1870:“Unter uns gesagt … ich erwarte für die soziale Bewegung mehr von Deutschland als von Frankreich.“ (MEW 32, S. 651) Er mußte sich schon bald selbst korrigieren:“Am Morgen des 18. März 1871 wurde Paris geweckt durch den Donnerruf: ‚Es lebe die Kommune!‘.“ (Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 335)

Marx irrte 1874, als er einen „allgemeinen europäischen Krieg“ erwartete (MEW 33, S. 635).

Engels irrte 1884:“Die russische Konstitution (bürgerliche Revolution) wird nun so oder so doch wohl im Lauf dieses Jahres kommen, und dann kann’s losgehen.“ (MEW 36, S. 88).

Engels irrte 1886, als er es für „zu spät“ für eine „ruhige und festbegründete Herrschaft der Bourgeoisie in Deutschland“ hielt. (MEW 21, S. 454)

Engels irrte 1889:“Der Verfall der englischen Industrie aber ist nach meiner Ansicht zusammenfallend mit dem Kladderadatsch der kapitalistischen Produktion überhaupt.“ (MEW 37, S. 325)

Engels irrte, als er 1891 prophezeite, daß „unsere Partei schon um das Jahr 1898 zur Macht kommen [kann].“ (MEW 22, S. 243)

Engels irrte, als er 1892 meinte: „Natürlich wird die nächste Revolution, die sich in Deutschland mit einer Beharrlichkeit und Stetigkeit ohnegleichen vorbereitet, zu ihrer Zeit kommen, sagen wir 1898-1904.“ (MEW 38, S. 545)


Die Liste ist lang und sicherlich nicht vollständig. Welche Schlußfolgerung sind aus ihr zu ziehen?

Man könnte sagen, Marx und Engels waren auch nur Menschen, kein Mensch kann in die Zukunft sehen und ähnliche Allgemeinplätze. Doch das würden sie nicht von mir erwarten.
Die Marxisten könnten einwenden, daß viele Fehleinschätzungen aus privaten Briefen stammen und daher nicht Teil ihrer wissenschaftlichen Theorie waren. So richtig das sein mag, waren es trotzdem Schlußfolgerungen, die auf der Grundlage ihrer Theorie basierten. Und niemand wird ernsthaft behaupten wollen, sie hätten ihre eigene Theorie falsch angewandt.

Einen guten Grund liefert uns Engels selbst. Kurz vor dem 50. Geburtstag von Marx schrieb er rückblickend: „Was wir doch vor 25 Jahren für jugendliche Enthusiasten waren…“. Und Enthusiasmus kann man schlecht verurteilen.
1892, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen seines Buches „Lage der arbeitenden Klasse in England“, schrieb Engels im Vorwort zur amerikanischen Neuauflage: „Ich habe mir nicht einfallen lassen, aus dem Text die vielen Prophezeiungen zu streichen, namentlich nicht die einer nahe bevorstehenden sozialen Revolution in England…. Das Wunderbare ist nicht, dass so viele dieser Prophezeiungen fehlgingen, sondern dass so viele eingetroffen sind….“ (MEW 22, S. 270).

Engels konnte also damit leben und ich gebe ihm Recht. Bemerkenswert sind nicht die fehlerhaften Prognosen, sondern daß so viele ihrer Prognosen eingetroffen sind. Wer allerdings glaubt, er könne die Marx’sche Theorie ad acta legen, nachdem er die Irrtümer an den Tag gebracht hat, der hat wenig Ahnung von der Wissenschaft. Ich bin davon überzeugt, daß die Theorie von Marx und Engels einmal genauso anerkannt sein wird wie die Auffassungen von Kopernikus und Newton – trotz ihrer Irrtümer.

Klaus Wallmann sen.

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