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ARCHIV 2003 – 2017

Marx: Kein Rezept gegen die Krise

Der Privatdozent für Philosophie Thomas Petersen und der Professor für Volkswirtschaftslehre Malte Faber hielten es offenbar für angebracht, ein Kapitel ihres Buches „Karl Marx und die Philosophie der Wirtschaft“ in einem FAZ-Blog zu veröffentlichen. Nun gut, klappern gehört zum Handwerk, und um so besser, wenn man es bei der bürgerlichen Zeitung tun kann, hinter der angeblich immer ein kluger Kopf steckt. Zudem sollen die 184 beschriebenen Seiten stolze 24 Euro kosten – Werbung tut also not.

Sehr freundlich ist es, daß die beiden Autoren gleich zu Anfang sagen, worum es ihnen eigentlich geht. Es ist die „Marx-Renaissance, die bereits seit dem Ende des sozialistischen Regimes in Osteuropa zu beobachten war“. Und bei Amazon heißt es: „Paradoxerweise gibt es seit dem Scheitern der sozialistischen Systeme eine Marxrenaissance, in der man sich fragt, ob Marx nicht doch recht hatte.“ Es ist klar, daß man einer solchen „Renaissance“ nicht tatenlos zusehen darf, „schien“ doch die seit Jahren anhaltende Krise „die marxschen Diagnosen der kapitalistischen Wirtschaft eindrucksvoll zu betätigen“.

Die Philsophen und Volkswirtschaftler sind aufgerufen zu belegen, daß dem natürlich nicht so ist. Mit der bekannten Mischung von Lob und „Kritik“ – so södert man bei Amazon z.B. von „Marx große Originalität“ verbunden „mit mangelnder intellektueller Disziplin“ – versucht man objektiv auszusehen, während man sich darum müht, die Erkenntnisse und Lehren von Marx zumindest in Zweifel zu ziehen. Es gab daher also nichts Überraschendes in diesem Kapitel – was darauf hindeutet, daß von dem ganzen Buch wohl auch nicht mehr zu erwarten ist. Die dafür geforderten 24 Euro kann man ganz sicher sinnvoller verwenden.

Gleich zu Beginn behaupten die beiden Herren, daß 2007 in den USA eine Finanzkrise entstand, weil die Besitzer von kreditfinanzierten Immobilien ihre Kredite nicht mehr bezahlen konnten, deshalb einfach ihre Hausschlüssel an die Kreditgeber schickten, und damit fein raus waren. Einem Philosophen mag man derartiges ja noch durchgehen lassen, doch einem Volkswirtschaftler? Allerdings hat bereits Rosa Luxemburg dieser Art von „Wissenschaftlern“ wenig Schmeichelhaftes ins Stammbuch geschrieben, und natürlich könnte es sein, daß sich diese Herren seitdem nicht geändert haben. Zur Frage: Wann begann die Krise? oder: War die Finanzkrise Auslöser der Krise der „realen Wirtschaft“? verweise ich auf diese Statistiken.

Völlig richtig beschreiben die beiden Herren, daß die Ursache der Krise in der „öffentlichen Wahrnehmung“ in der „hemmungslose Gewinnsucht“ einiger weniger gesehen wurde. Sie vergessen bewußt, daß diese öffentliche Wahrnehmung – mangels anderer Erklärungen – auch ein Ergebnis der „veröffentlichten Meinung“ bürgerlicher Medien war. Doch wenn man „nicht den schlechten Charakter und die hemmungslose ‚Gier‘ von Bankern für die Krise verantwortlich machen wollte“, so fragen die beiden selbst, so liegt es nahe, sich näher mit Marx und den Produktionsverhältnissen zu beschäftigen.

Die „Rettung“ der in „ernste Schwierigkeiten“ geratenen „Finanzakteure“ durch „staatliche Gelder“, wurde nach Meinung dieser beiden Herren „als eine ‚Umverteilung von unten nach oben‘ interpretiert“. „Die Staaten erschien als Handlanger des Großkapitals.“ Indem sie das Wörtchen „interpretiert“ verwenden, suggerieren sie, daß es auch eine ganz andere „Interpretation“ geben kann. Und wenn man von „Staaten“, also von Ländern spricht, umgeht man den Staat als Machtinstrument der jeweils herrschenden Klasse. Ansonsten „schien(!) sich die marxsche Einschätzung des Staates zu bestätigen: In der „Bankenrettung“ hatte sich der Staat offenbar als ‚ideeller Gesamtkapitalist‘ (MEW 20, 260) erwiesen“.

Die ehrenwerten Herren haben natürlich eine ganz andere „Auffassung“, und diese besteht darin, daß die Finanzkrise (die Wirtschaftskrise als Überproduktionskrise interessiert sie zumindest in diesem Kapitel nicht) nicht „die Stärken, sondern im Gegenteil die Schwächen der marxschen Analyse offenlegt“. Dazu müsse man die „Finanzkrise einmal näher betrachten“. Näher betrachtet gab es nämlich „nicht nur Geschäfts- und Gewinninteressen“ des Kapitals, „sondern vor allem politische“. Glaubt man den beiden Herren, so drängte der Staat auf Kreditvergabe an „einkommensschwache Personen, um möglichst vielen Bürgern den Erwerb eines eigenen Hauses zu ermöglichen“. Ist das nicht rührend. Natürlich folgten das Finanzkapital umgehend dieser menschlichen Regung der „Politik“, doch leider konnten aufgrund plötzlich erhöhter Zinsen die Bürger ihre Kredite nicht mehr bezahlen, und siehe da: Schon lagen viele Banken auf der Nase. Der Philosoph und der Volkswirtschaftler erzählen diese traurig endende Geschichte natürlich viel wissenschaftlicher als ich, doch ich denke, daß ich den Kern zutreffend „interpretiert“ habe. Und da der Staat, die Politik das Finanzkapital ja in ein derartiges Risiko getrieben hatte, blieb dem Staat aus moralischen Gründen doch gar nichts anderes übrig, als das notleidende Finanzkapital mit „staatlichen Geldern“ zu stützen. Wobei anzumerken wäre, daß der Staat kein eigenes Geld hat, also immer das Geld der Bürger gemeint ist.

Aus diesem Märchen stricken die Herren dann die These des Primats der Politik. „Die Politik spielt in diesem Geschehen eine autonome Rolle und hat sogar die Initiative: sie ist ein Antreiber dieses Prozesses.“ Nachdem man zuvor schon alle Tatsachen auf den Kopf gestellt hat, ist diese Abgeschmacktheit nicht mehr verwunderlich. Es ist aber geradezu eine Frechheit zu behaupten, Marx habe das von seinem „Ansatz her“ nicht richtig sehen können. Sein Primat der Ökonomie führe „zu einer unzureichenden Staatstheorie“. Im Gegensatz zu Marx ist für Petersen und Faber der Staat eben nicht „nur ein Agent der Bourgeoisie oder der Kapitalistenklasse“ – auch wenn alle Tatsachen offensichtlich dagegen sprechen.

Die Funktion des Kredits und des Zinses bekommt Marx ebenfalls „nicht in den Blick“, denn dieser wird ihm verstellt durch die „Produktionslastigkeit seines Ansatzes“. In dieser Art geht es weiter: Marx hat keinen Blick … Was dabei nicht in den Blick kommt … Marx verkennt … „Pointiert könnte man sagen, dass die marxsche Perspektive auf das Kreditwesen in den Grenzen der aristotelischen Auffassung vom Zinswucher bleibt“. Dennoch müssen die beiden Herren eingestehen, daß Marx trotz seines beschränkten Blicks die Rolle des Kredits bei der Beförderung der Konzentration des Kapitals schon im ersten Band des „Kapitals“ gesehen hat, auch wenn er ihr dort „nur wenige Zeilen“ widmete. Der nach Petersen und Faber halbblinde Marx sah „eine ganz neue Macht“, die „bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt“. (MEW 23: 655) Heute ist das internationale Finanzkapital die allein herrschende Klasse. Was die beiden Herren natürlich nicht aussprechen. Sie palavern lieber weiter von den „wichtige Funktionen des Finanzsektors“, die Marx nicht gesehen habe. Daß Marx seine Forschungen während der Zeit des gerade aufblühenden Kapitalismus durchführte, zu einer Zeit also, als vom Imperialismus weit und breit noch nichts zu sehen war, bleibt dabei selbstverständlich unerwähnt.

So ziemlich am Ende formulieren die beiden „Wissenschaftler“ eine weiteren erstaunlichen Satz: „Aus dem marxschen Ansatz ergibt sich … keine solide Strategie, wie die Krisen der kapitalistischen Wirtschaft und ihres Finanzsektors überwunden werden können.“ Was uns wohl zu der Schlußfolgerung verleiten soll: Leute, den Marx müßt ihr nicht lesen, der hat nämlich auch kein Rezept, wie man diese doofen Krisen vermeiden kann. Nach meiner Erinnerung hatte Marx auch nicht das Bestreben, derartige Rezepte zu erfinden. Im Gegenteil. Hielt er doch die Krisen für eine objektive Gesetzmäßigkeit des kapitalistischen Systems. Niemand ist in der Lage geltende Naturgesetze aufzuheben. Für gesellschaftliche Gesetzmäßgkeiten gilt das ebenso – und zwar solange wie die gesellschaftlichen Bedingungen dafür existieren.

Zum Schluß stellen die beiden Herren die Frage, ob „die marxsche Perspektive auf die Finanzkrise also vollkommen wertlos“ ist. Und sie antworten: „Das wird man so nicht sagen können.“ Zumindest als „gutes Korrektiv gegen den Moralismus“ kann man Marx durchaus verwenden, selbst wenn der Mann „nicht in jeder Beziehung zu überzeugen vermag“. Auch zur „Rolle des Staates, das Verhalten der Banken und die Einkommensverteilung“ hat „Marx‘ Analyse möglicherweise noch etwas beizutragen“. Hauptsächlich muß es aber immer um eine „solide polit-ökonomische Analyse“ gehen. Den hehren Worten lassen die beiden Autoren jedoch keine adäquaten Taten folgen.

Klaus Wallmann sen.

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