„Das Gesicht des einbalsamierten Leichnams ist gelblich verfärbt, eine blutrote chinesische Fahne bedeckt die Beine des geschrumpften Körpers. Kübel mit Zierpflanzen säumen den Kristallsarg, auf den das kalte Dämmerlicht von Neonröhren fällt.“
Kalter Dämmer, geschrumpfte Leiche, gelblich, blutrot … – sträuben sich bei Ihnen schon die Nackenhaare? Laufen Ihnen eiskalte Schauer den Rücken runter? Dann haben die Autoren dieser lyrischen Beschreibung ihr erstes psychologisches Ziel erreicht und Sie in die richtige Stimmung versetzt für das, was dann folgt.
Mit dem Satz: „Noch immer gilt Mao Zedong seinen Landsleuten, aber auch vielen Westlern, als großer Revolutionär und Philosoph“, beginnt der „Spiegel“ Nr. 40 vom 01. Oktober 2005 sein Titelthema, womit er seinen Beitrag zur Neudefinition von „Maos Bild zumindest im Westen“ leisten möchte.
Zweifellos hat das Magazin recht mit seiner Feststellung, daß Mao Tsetung weltweit Anerkennung genießt. Schließlich wurde unter seiner Führung eines der rückständigsten Länder zu einer sozialistischen Volksrepublik. Gleichzeitig beobachten die bürgerlichen Monopolpolitiker und ihre Ideologen, daß immer mehr Menschen nicht nur in Deutschland den Kapitalismus in Frage stellen. Im Westen von den bürgerlichen Medien relativ unbeachtet, gibt es gerade in China – dem Anlage-Paradies der internationalen Monopole – im Zusammenhang mit der Kritik an den herrschenden Zuständen eine wachsende Diskussion über die Kulturrevolution. Das und 70.000 Streiks, Demonstrationen und lokale Aufstände in China sind Grund genug für die bezahlten bürgerlichen Ideologen, erneut alle Register des Antikommunismus zu ziehen.
Den Anfang machte am 06.06.05 das Leitmedium der bürgerlichen Propaganda, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Sie verkündete das Erscheinen der deutschen Ausgabe einer neuen Mao-Biografie mit dem Titel „Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes“ von Jung Chang und Jon Halliday, eine „spektakuläre Biographie“, die angeblich beweist, „dass Mao mehr Menschen umgebracht hat als Hitler und Stalin“.
„Stern“ und „Spiegel“ griffen das Thema nun auf und sie werden nicht die letzten sein.
„Der große Zerstörer“ überschreibt der „Spiegel“ seinen Artikel zu Mao Tsetung, und jubelt: „Die fulminante, knapp 1000-seitige Anklageschrift bringt alle Voraussetzungen mit, Maos Bild zumindest im Westen auf breiter Basis neu zu definieren.“
Die „Definierer“ Chang und Halliday zeigen uns ihren Intentionen entsprechend „einen machtbesessenen Egomanen, der seine Erfüllung in der Zerstörung fand: Auf beinahe jeder Station seines Weges an die Macht hinterließ Mao Hekatomben von Toten.“ Drogenhandel, Personenkult und natürlich Millionen Tote, die Mao Tsetung auf dem Gewissen haben soll, dürfen natürlich nicht fehlen.
Was kümmert es solche Geschichtsklitterer wie Chang und Halliday und ihr Promotion-Team vom „Spiegel“, daß Ende der fünfziger Jahre China von verheerenden Unwetterkatastrophen betroffen war, und daß zum gleichen Zeitpunkt die Machthaber des restaurierten Kapitalismus in der Sowjetunion Kredite zurückforderten und auf riesige Lebensmittellieferungen bestanden. Es ist so bequem wie unhistorisch, die dadurch entstehende große Hungersnot allein auf das Konto Mao Tsetungs zu verrechnen. Dies ist nur ein Beispiel, mit dem der insgesamt erfolgreiche nationale und soziale Befreiungskampf des chinesischen Volkes auf den eingängigen Nenner „Mao war eine Katastrophe für China und die Welt“ gebracht werden soll.
Die „Spiegel“-Schreiberlinge scheinen sich bewußt zu sein, daß derlei hanebüchenen „Enthüllungen“ Kritik hervorrufen könnten. Um dieser vorzubeugen, gestehen sie sicherheitshalber ein (unauffällig inmitten des Artikels plaziert): „Nicht alle Thesen werden wohl Bestand haben. Gelegentlich tun die Autoren den Quellen sogar Gewalt an, indem sie Zitate sinnentstellend aus dem Zusammenhang reißen. Doch es gibt keinen Grund, an dem Gesamtbild zu zweifeln.“
Natürlich sollen wir nicht „zweifeln“, egal wie ungereimt die Widersprüche auch sind. Der angeblich so machtbesessene Mao soll tatsächlich den größten Teil des Tages im Bett oder im Schwimmbad verbracht haben. Und nur wenig später behaupten die gleichen „Spiegel“-Autoren, daß Mao von Körperpflege nichts oder nur wenig gehalten habe. Das sind peinliche Widersprüche, doch für noch viel peinlicher halte ich es, daß der „Spiegel“ mit diesem Artikel auf der Grundlage der „Biografie“ seine eigenen, intensiven Recherchen zur chinesischen Kulturrevolution vollständig für falsch erklärt.
In ihrer Ausgabe vom 11.01.1971 veröffentlichte der „Spiegel“ eine ausführliche und sehr faktenreiche Darstellung, die dem akuellen Bericht diametral gegenübersteht. Dort hieß es z.B.:
„Trotz Kulturrevolution ist China das einzige sozialistische Land ohne Auslandsschulden. Seine Außenhandelswährung Renminbi (Volkswährung) gehört zu den stabilsten der Welt … Denn vier Jahre nach dem Ausbruch der Kulturrevolution scheint es dem ‚Großen Steuermann‘ Mao Tse-tung, 77, gelungen zu sein, die damals freigesetzten Energien in eine gigantische, das ganze Volk erfassende technisch-wirtschaftliche Revolution umzuleiten, die Züge einer fernen Utopie trägt und China dennoch zum Welthandelsherren von morgen qualifiziert.
Die Kulturrevolution war der erste Sieg, der in einem sozialistischen Land über die neue Klasse der Parteifunktionäre erfochten wurde, über jene Schicht der Apparatschiks, die der Bourgeoisie den Garaus gemacht, sich dann aber selbst mit deren Machtpositionen und Privilegien ausgestattet hatte. Mao setzte neue Werte gegen sie: Spontaneität, Selbstlosigkeit, Gleichheit. (…)
Ein neues Kapitel in der Geschichte menschlicher Träume von einer besseren Welt?“
Danach foltgen zahlreiche Meldungen zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt im damaligen China unter Führung Mao-Tsetungs, die dem damaligen „Spiegel“ nur ein Urteil erlaubten: „Beeindruckend“.
Heute ist das alles nicht mehr wahr und so klingt es im „Spiegel“ vom 01.10.05 wie folgt:
„1966 bäumte er (Mao – K.W.) sich ein letztes Mal gegen die Wirklichkeit auf und unterwirft das Land der ‚Großen Proletarischen Kulturrevolution‘, die China in Anarchie und Chaos stürzt und noch einmal Millionen Menschen das Leben kostet (…)
Wohl selten ist die Realität der Orwellschen Vision eines totalitären Staates so nahe gekommen wie in China während der Kulturrevolution. (…) Kinder denunzieren ihre Eltern, Nachbarn schwärzen einander an, Freunde liefern sich gegenseitig aus. Schulen und Universitäten werden geschlossen; später ist von einer verlorenen Generation die Rede …“
Peinlich ist den „Spiegel“-Schreiberlingen nicht ihr heutiges Geschreibsel, sondern offensichtlich der Artikel von 1971. So können Sie auf der „Spiegel“-Website zwar ein „Dossier“ zu Mao Zedong käuflich erwerben, das zahlreiche Beiträge von 1986 bis 2005 enthält, doch eigenartigerweise fehlt darin der Artikel vom 11.01.1971.
Die „Biografie“ von Chang und Halliday ist nur der aktuelle Anlaß für derlei Artikel, die Ursachen liegen jedoch tiefer. Die zunehmenden Streiks der Arbeiter und Aufstände der Bauern in China, die sicher positive Erinnerungen an den Sozialismus und Mao haben, machen auch bei uns die herrschende Klasse und ihre Lakaien nervös. Unter ihnen sind die „starken Kräfte“ zu finden, die laut „Spiegel“ dabei sind, das Bild von Mao als „Massenmörder“ und „Monster“ zu zeichnen. Auch in Deutschland haben die letzten Monate gezeigt, daß unter der Bevölkerung das Interesse an einer sozialistischen Alternative wächst. Deshalb muß „Maos Bild, zumindest im Westen auf breiter Basis neu definiert“ werden.
Ein durchsichtiges antikommunistisches Manöver.
Klaus Wallmann sen.
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