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ARCHIV 2003 – 2017

Konrad Adenauer – Hinter der Legende

Vor 14 Tagen stellte ich in Anbetracht der bundesweit angelaufenen Wahlkampf-Kampagne der Christlich-Demokratischen Union, den Bürgern vor der Wahl die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit zu sagen, einigen CDU-Politikern die Frage, ob die Wähler Deutschlands in den nächsten Wochen vom „Ehrenvorsitzenden“ der CDU, Dr. Helmut Kohl, auch die Wahrheit über die Herkunft der Spenden-Millionen erfahren werden. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten, was man allerdings auch als eine Antwort werten kann.

Während der ehemalige CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler Helmut Kohl nur noch eingeschränkt als Teil der christlich-demokratischen „Leitkultur“ vorgezeigt werden kann, scheint der Mythos ihres Gründungsvaters Konrad Adenauer ungebrochen, und er damit als Vorbild vorzeigbar.

Schauen wir also etwas näher hin.

Am 18. September 1917 wurde Konrad Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln gewählt.
Nach einem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung vom selben Tag, dem Adenauer auch zustimmte, war der OB verpflichtet, alle Tantiemen an die Stadtkasse abzuliefern, wenn er „als Vertreter der Stadt zum Mitglied des Aufsichtsrates oder Vorstandes einer Erwerbsgesellschaft bestellt werden sollte“.
Schon zwei Monate später, am 23. November, ließ der Katholik diesen Beschluß in sein Gegenteil verkehren: „… steht die hieraus aufkommende Vergütung zur freien Verfügung des Oberbürgermeisters.“ War die Festlegung der Verwendung des Geldes „zum Wohle der städtischen Beamten“ recht nebulös, so war eine andere Festlegung dafür um so bezeichnender: „Eine Rechnungslegung findet nicht statt.“

Auf das Konto „Dispositionsfond“, einer Art schwarzer Kasse, lenkte Adenauer nun die erheblichen Gelder, die ihm aus seinen Aufsichtsratsmandaten zuflossen. 14.000 Mark jährlich von der Provinzial Feuerversicherung, 14.000 bis 19.000 vom schon damals mächtige Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE). Doch die „Geschäftspartner“ spendete auch direkt, wie z.B. Dr. Brüning, Direktor von der Kölner Filiale der Deutschen Bank, der 30.000 Mark „zur freien Verwendung“ überwies.

Adenauer ließ sich wirklich Beträge zwischen 50 und 150 Mark aus diesem Fonds auszahlen, die er auch persönlich an mehr oder weniger notleidende Beamte weiterreichte. Kleine Beamte bekamen selbstverständlich kleine Beträge, höhere Beamte natürlich höhere Beträge. Das unterstellte „Wohl der städtischen Beamten“ kann man mit viel Wohlwollen vielleicht noch entdecken, wenn 75 Mark an zwei Polizisten gingen, die während des sechswöchigen Urlaubs der Familie Adenauer im Grandhotel von Chandolin im schweizerischen Wallis 57 Nachtwachen geschoben hatten. Ob aber Strafzettel wegen erheblicher Geschwindigkeitsüberschreitung, zu der der OB seinen Chauffeur häufig antrieb, zu dieser Intention gehören, ist schon zweifelhaft. Doch das waren „Peanuts“.

Höher waren die entnommenen Beträge, wenn davon Geschenke an Freunde der Familie, an vaterländische Vereine oder Stiftungen bezahlt wurden. Der Kreis der Beschenkten war zwischen christlichem Traditionsmilieu, Technikfetischismus und Karneval weit gefächert, wobei der Schwerpunkt des Zentrumspolitikers auf der Förderung von militaristischen Vereinigungen und großdeutschen Bestrebungen lag. So ist es denn nicht verwunderlich, wenn auch das Abonnement der „Deutschen Führerbriefe“ aus diesem Fond bezahlt wurde. Der Herausgeber war sein Freund Paul Silverberg, Chef der Rheinbraun AG, der in den „Führerbriefen“ für die Beteiligung Hitlers an der Reichsregierung warb.
Als früher Bewunderer Mussolinis förderte Adenauer sogleich nach dem Sieg des Faschismus in Italien die Errichtung des Italienischen Kulturinstituts in Köln und bedachte es mit einer Spende aus seiner schwarzen Kasse.

Mit dem „Wohl der städtischen Beamten“ hatte das nun wirklich nichts mehr zu tun, und auch wenn der Bürodirektor des OB bei so mancher Barentnahme aus dem Dispositionsfond lediglich vermerken konnte: „1.300 Reichsmark abgehoben und dem Herrn OB ausgehändigt. Zweck ist mir unbekannt“, so dürfte es dann wohl eher um das Wohl Adenauers gegangen sein. Die Tantiemen der im Verlauf der 1920er Jahre hinzukommenden zwölf Aufsichts- und Verwaltungsratsmandate (darunter die Rheinbraun AG, die Deutschen Lufthansa, die Rhein-Main-Donau AG und die Ruhrgas AG) zahlte er meist überhaupt nicht mehr in den Fond ein.

Dabei bezog Adenauer das höchste Gehalt aller Politiker im deutschen Reich, geschuldet vor allem den sichtbaren und unsichtbaren Nebenleistungen. Aktienspekulation, vorteilhafte Heirat und langjähriges Beigeordnetengehalt machten ihn so wohlhabend, daß er sich schon vor seiner Wahl zum OB eine 14-Zimmer-Villa in Lindenthal bauen lassen konnte, was ihn jedoch nicht daran hinderte auf „freier Wohnung“ zu bestehen. Für „Licht und Brand“ ließ er sich jährlich 20.000 Mark bewilligen, was bei den damaligen Preisen ausgereicht hätte ganz Lindenthal zu beleuchten und zu beheizen.

Zu seinem Grundgehalt von 36.000 Mark erhielt der Katholik Adenauer jährlich noch 5.250 Mark Orts- und Kinderzuschläge, 10.000 Mark Aufwandsentschädigung und zu allem Überfluß 43.000 Mark „Wohngeld“. Dabei wurden die Aufwandsentschädigung ebenso wie die Hälfte des Wohngelds auf seine Pension angerechnet, stellten also ein verdecktes Gehalt dar, was durch den Stadtverordnetenbeschluß über „freies Wohnen“ natürlich nicht gedeckt war. Zum Vergleich: Für 43.000 Mark konnte man sich damals ein Haus mit sechs Zimmern und Grundstück kaufen. Der Kölner OB Adenauer hat sich also 15 Mal (die Regelung galt bis 1933) aus dem städtischen Haushalt den Gegenwert eines ordentlichen Eigenheims schenken lassen.

Die Raffgier des Politchristen kannte scheinbar keine Grenzen. Das üppige „Wohngeld“ wurde ergänzt durch die Bezahlung seiner Rechnungen für Gas, Wasser und Strom aus der Stadtkasse, aus der auch die Hausreparaturen bis zu 15.000 Mark bezahlt wurden.
Auch sämtliche Versicherungen – Feuer/Gebäude, Haftpflicht, Diebstahl – wurden aus der Stadtkasse ersetzt, genauso die Grundsteuern und Hypothekenzinsen. Als der NSDAP-Nachfolger im OB-Amt 1933 die Reisegepäckversicherung kündigte, stellte man erstaunt fest, „daß die Prämie offenbar der Stadt Köln zur Last fällt“.

Wenn in der Villa Adenauers „Kanalgerüche im Herrschaftsbadezimmer“ das christliche Riechorgan störten oder wenn die Gaskesselanlage ruckelte, tanzten die Ingenieure der Stadtwerke an. Während ihrer Dienstzeit erstellten sie kostenlose Gutachten und überwachten die Reparaturarbeiten. Sie begutachteten die Angebote für den Swimmingpool nebst Umkleidehaus, für das Kühlsystem des Weinkellers und für den Bau der Tennisanlage im Garten, in dem die städtischen Gärtner auf Steuerzahlers Kosten das Unkraut jäteten und Adenauers Rosen pflegten.

Ich gebe zu, daß auch mir diese Fakten bisher unbekannt waren. Meine Ablehnung dieses Herrn ist eher politisch begründet und nur unter diesem Aspekt war mir im November 2003 die Wahl Konrad Adenauers zum „Besten Deutschen“ im ZDF völlig unverständlich. Die hier wiedergegebenen Fakten beweisen, daß die „Vaterfigur“ und der „Rosenzüchter“ Adenauer auch persönlich ein typischer Vertreter seiner Klasse war. Die „Kinder“ und „Enkel“ des Gründungsvaters der CDU haben sein „Erbe“ ungebrochen fortgeführt.

Klaus Wallmann sen.

Quelle:
Helmut Kohls Großvater – Schwarze Kassen, Selbstbedienung, Insidergeschäfte – neue Nachrichten zu Konrad Adenauer, von Werner Rügemer, Junge Welt, 17.01.2001

Die Fakten finden Sie im Historischen Archiv der Stadt Köln, Bestand Adenauer, und Bundesarchiv Berlin, Bestand Deutsche Bank. Eine erste Veröffentlichung erfolgte in der Ausgabe Köln der taz vom 04.01.2001

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