Randzone

ARCHIV 2003 – 2017

Kinderarmut in Deutschland

Wenn man z.B. Frau von der Leyen, Frau Merkel oder Herrn Köhler vertraut, so ist dieser Staat ein kinderfreundlicher, denn die Kinder sind unsere Zukunft. Diese Damen und Herren müssen es sich dann aber auch gefallen lassen, wenn man die Art und Weise, wie Gesellschaft und Regierung mit unseren Kindern umgehen, zum Prüfstein für den Charakter ihrer Politik macht.

Man muß nicht lange suchen, um auf die krassen Widersprüche zu den vollmundigen Bekenntnissen der erwähnten Damen und Herren zu stoßen. Kinderarmut in Deutschland hat in den letzten Jahren eine Dimension erreicht, daß sie nur noch Blinde übersehen können.
Selbst die Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aus dem Jahr 2005 sprechen da Bände. Über 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren müssen mittlerweile auf Sozialhilfeniveau leben (wenn man es denn „leben“ nennen will). Die Ursachen liegen in der Massenarbeitslosigkeit, in den Folgen von Hartz IV und der Ausweitung des Niedriglohnsektors.

Folgt man den Kriterien der EU ist somit jedes siebte Kind in Deutschland arm, wobei es Städte wie Berlin, Schwerin und Halle gibt, wo die 30-Prozent-Marke bereits überschritten wurde. Die Tendenz ist steigend.

Und verschärft wird diese Tendenz durch zunehmende Kosten der Familien für Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Schulbüchergeld, Schließung von Jugend- und Kindereinrichtungen usw., usf.

So sieht sie aus, die Kinderfreundlichkeit der Leyens, Merkels und Köhlers. Während sie überglücklich am reichgedeckten Tisch des Kapitals schmarotzen dürfen, wächst nach einer Studie des UN-Kinderhilfswerks UNICEF die Kinderarmut in Deutschland sogar schneller als in anderen Industriestaaten.

Die Folgen für die betroffenen Kinder liegen auf der Hand: schlechtere Bildungsvoraussetzungen, mangelnde Gesundheitsvorsorge und -pflege, weniger soziale Kontakte, Ausschluß von gemeinsamer Freizeit mit Gleichaltrigen, kein Sportverein, kein Kino- oder Schwimmbadbesuch. Sie leben häufig in beengten Wohnverhältnissen und sind öfter krank.

Es ist übrigens noch keine zehn Jahre her, da hieß es „Armut oder gar Kinderarmut gibt es in Deutschland nicht.“ Die damalige rot-grüne Regierung söderte von einem „Randphänomen“, begrenzt auf „Randgruppen“ und „soziale Brennpunkte“. Was blieb Herrn Schröder auch anderes übrig? Kinderarmut in einem der reichsten Länder der Welt läßt sich nur schwer mit den kapitalistischen Lebenslügen von der „sozialen Marktwirtschaft“ und dem „Sozialstaat“ in Einklang bringen.

Wer nun entschuldigend meint, woanders in der Welt sähe es noch viel schlimmer aus, dem muß ich leider Recht geben. Die Lage der Kinder in den neokolonial abhängigen Ländern ist noch weit dramatischer, und dennoch sind es hier wie dort die gleichen Schuldigen.
Über eine Milliarde Mädchen und Jungen weltweit leben in Armut, ohne sauberes Trinkwasser, ausreichend Nahrung, medizinische Versorgung, Schulunterricht usw., usf. Maximal 79 Milliarden Euro wären nach Angaben von UNICEF nötig, um deren Lage deutlich zu verbessern. 79 Milliarden Euro – „Peanuts“, würden die Direktoren der Deutschen Bank sagen, und auch sie hätten Recht. Das kapitalistische Weltsystem hat 2005 1,08 Billionen Euro nur für die Rüstung ausgegeben. Dieser Widersinn ist nicht zu überbieten.

Jeden Vater und jede Mutter bewegt der Wunsch, daß ihre Kinder es einmal besser haben sollen. Doch dieser Wunsch scheitert zunehmend an der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Und er scheitert deshalb, weil die individuellen Anstrengungen der Eltern objektiv nichts an den gesellschaftlichen Ursachen der Kinderarmut und dem Abbau sozialer Errungenschaften ändern können.
Und wenn die bürgerliche Sozialpädagogik der Meinung ist, daß Kinder im Interesse ihrer Entwickling aus den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen herauszuhalten sind, so macht sie damit nur klar, wessen Brot sie ißt. Natürlich ist dieses System daran interessiert, daß die Kinder abseits von den gesellschaftlichen Realitäten von Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Zwangsumzügen usw., usf. erzogen werden, damit nur kein Zweifel am alleinseligmachenden Kapitalismus aufkommt, damit sie nicht zu selbständig denkenden und handelnden jungen Menschen werden, die eventuell einmal offen für gesellschaftliche Alternativen sind, wo der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt steht.

Klaus Wallmann sen.

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