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ARCHIV 2003 – 2017

Gedanken zu Johannes Paul II

Der Papst ist tot. Weltweit zeichnen die Medien ein Bild, das den Papst fast schon als Heiligen erscheinen läßt. Millionen von Menschen, nicht nur Christen, sind berührt und nachdenklich zugleich. Denn vielen fällt es nicht leicht, sich klar zu werden, wie sie zu diesem Papst, der über ein Vierteljahrhundert lang regierte, stehen sollen.

Die Gründe dafür sind offensichtlich: auf der einen Seite sein Eintreten für den Frieden, auf der anderen Seite seine erzkonservative Einstellung zu wichtigen Lebensfragen der Menschheit, z.B. zur Geburtenkontrolle, zu AIDS, zur Rolle der Frau. Dem auch als „Medienpapst“ bezeichneten Johannes Paul II gelang es, viele Gläubige, insbesondere Jugendliche anzusprechen, die sich in seinem Eintreten gegen den Irak-Krieg und in seinen Plädoyers für die Rechte der Armen und Unterdrückten dieser Welt wiederfanden. Sie stimmten mit ihm überein in der Sehnsucht der Christen nach Frieden und einer Welt ohne Armut.

Viele werden sich an die Kämpfe der um ihre wirtschaftlichen und politischen Rechte kämpfenden Arbeiterklasse in Polen Anfang der 1980er Jahre erinnern. Auch die bürgerlichen Medien griffen das Thema in ihrer gestrigen Berichterstattung häufig auf. Die Arbeiter kämpften damals gegen die sozialfaschistische Diktatur des Generals Jaruzelski, einem Feind dieser polnischen Arbeiter, der sich mit einem „sozialistischen“ Mäntelchen tarnte. Traditionell stand die polnische katholische Kirche auch in diesem antifaschistischen Kampf an der Seite der Massen. Im Rückblick ist jedoch leicht erkennbar, worum es dieser Kirche dabei ging. Der Kampfeswille der polnischen Arbeiter sollte zersetzt, zumindest gedämpft werden, um so den Übergang vom bürokratischen Kapitalismus zum Kapitalismus westlicher Prägung zu fördern. Jaruzelski erklärte später frei, dankbar und anerkennend: „Er (Papst Johannes Paul II) hat es damals unterlassen, die gesellschaftlichen Emotionen anzuheizen“ (Zitat ARD 1.4.05).

Diese Doppelgesichtigkeit behielt Johannes Paul II in den Jahren seines Pontifikats bei. Erklärungen gegen die Notlage der Armen gehen einher mit der erklärten tiefen Feindschaft gegen den Marxismus-Leninismus und die revolutionäre Arbeiterbewegung. Starr hielt er an der bürgerlichen Familienordnung des Kapitalismus fest, was sich zwangsläufig auch gegen die gesellschaftliche Befreiung der Frau richten mußte. Da diese Prinzipien zum Fundament dieser Kirche gehören, mußte sich eine politisch-religiöse Krise ergeben. Das war auch diesem Papst bewußt. In keiner Zeit zuvor hat die katholische Kirche weltweit Millionen von Mitgliedern verloren wie unter der Regentschaft Johannes Paul II.

Nur der von ihm wirkungsvoll präsentierte und sicher ernstgemeinte Wille zum Frieden und sein Kampf gegen die Armut in der Welt – was sich allerdings in einem allgemeinen Anspruch erschöpfte und sowieso nur der biblischen Botschaft an die Unterdrückten entsprach – hielt und hält viele Christen davon ab, sich von ihrer Kirche zu lösen.

Für einen Mann an der Spitze der katholischen Kirche, dem ein Vierteljahrhundert zur Verfügung stand, um seinen Worten Taten folgen zu lassen, kann das Ergebnis nicht überzeugen. Ich denke dabei nur an Irland, die Aggression der USA gegen den Irak unter Führung eines angeblich strenggläubigen Katholiken, ich denke an die Lage der Menschen in den Ländern der sogenannten Dritten Welt. Das kann auch garnicht anders sein. So sehr sich Johannes Paul II in der Öffentlichkeit als Anwalt der Armen und Unterdrückten zeigte, so stand er letztendlich immer auf Seiten der Herrschenden. Wie Jaruzelski in den 80ern danken sie es ihm auch heute.

Klaus Wallmann sen.

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