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ARCHIV 2003 – 2017

EU: Im Trüben fischen

EU-Umweltkommissar Potocnik hat auf eine Meldung reagiert, nach der die Verschmutzung der Meere weit fortgeschritten und 88 Prozent der Fischbestände in den Gewässern der EU bedroht sind. „Die Botschaft ist klar: Die Ozeane und Meere Europas befinden sich in keinem guten Zustand. Wir sind aber auf diese Meere angewiesen und müssen daher ein Gleichgewicht erreichen.“ Überraschend ist diese Nachricht nicht, schon der französische Meeresforscher Jacques Cousteau hat auf diese Entwicklung hingewiesen.

Potocnik will nun eine Lösung des „besorgniserregenden“ Problems finden, mit der man die Meere wirtschaftlich nutzen kann, ohne die fragile Umwelt nicht noch mehr zu belasten. Dabei müßten die Staaten besser zusammenarbeiten. Was wohl auf eine geplante wirtschaftliche Nutzung hinauslaufen würde, also auf Planwirtschaft. Die aber ist bekanntlich des Teufels.

Potocnik selbst stellt fest, daß sich die EU-Staaten bei der Verbesserung der Situation gegenseitig im Weg stehen. Wie sollte es in einem kapitalistischen System auch anders sein. Jeder Kapitalist befindet sich in einem unerbittlichen Konkurrenzkampf, in dem letztendlich der gemachte Profit über dessen Überleben bzw. dessen Untergang entscheidet. Diese Profite entspringen nicht nur der rücksichtslosen Ausbeutung von Menschen, sie entspringen auch der ebenso rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Resourcen.

Wenn es bei Wikipedia heißt, daß diese Überfischung ein „typisches Beispiel für ein soziales Dilemma im Sinne der Tragik der Allmende“ ist, und man dort ganz allgemein-demagogisch von „menschlichen Eingriffen“ fabuliert, so nehmen die Autoren die objektiven kapitalistischen Ursachen bewußt aus dem Fokus. Man stellt fest, daß „die EU-Politik“ Fangquoten festlegt, die stets die „Empfehlungen“ der ICES (International Council for the Exploration of the Sea) um durchschnittlich 48 Prozent überschreiten, und bezeichnet dies als einen „der wesentlichen Gründe“ der Überfischung. Wessen Geschäftsführer die bürgerlichen Politiker sind, die da ständig „überschreiten“, die Frage stellt man lieber nicht – könnte ja sein, daß man damit den tatsächlichen Ursachen zu nahe kommt.

Ja, auch Kapitalisten sind Menschen. Doch hier geht es nicht um den Menschen, sondern um den Kapitalisten in seiner objektiven gesellschaftlichen Funktion, für die selbst er nichts kann. Dagegen helfen ganz offensichtlich weder „supranationale Fischereiabkommen“, noch Fischerei-Schutzzonen oder Fangquoten, denn wenn sie tatsächlich eine Wirkung hätten, so wäre der Grad der Überfischung in den EU-Gewässern nicht von 10 Prozent in den 1970er Jahren auf nun 88 Prozent gestiegen. Und man hätte Ende 2013 nicht schon wieder „neue Regeln“ beschließen müssen.

„Die EU-Politik“, die seit Jahren zu hohe Fangquoten festlegt, hat Ende Januar eine neue Kampagne gestartet – die sich aber auch nicht gegen den profitorientierten Fischfang richtet. „Unzertrennlich – nachhaltigen Fisch essen, kaufen und verkaufen“ – das zielt auf die Menschen als Verbraucher. Diese sollen doch bitte schön ihre Ess-, Kauf- und Verkaufsgewohnheiten ändern, und die Fische doch bitte schön verantwortungsbewusst und nachhaltig konsumieren. Sicher spielt das Kaufverhalten der Bürger eine Rolle, wenn auch nur eine marginale. Entscheidend aber ist die Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung ihr Kaufverhalten am Inhalt ihrer Portemonnais ausrichtet, egal wie hoch ihr Umweltbewußtsein ist.

„Der Mensch“ oder „die Menschen“ sind nicht die Verursacher der Überfischung. Es ist eine kleine gesellschaftliche Klasse, die dafür verantwortlich ist. Ihre Jagd nach Profit und mehr Profit, zu der sie die gesellschaftlichen Verhältnisse gesetzmäßig verurteilen, resultieren in der nicht durch warme Worte und halbherzige Regeln zu begrenzenden Ausbeutung von Mensch und Natur. Will man dem ein Ende machen, so muß man die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern wollen. Dafür allerdings tragen die Menschen wirklich Verantwortung.

Klaus Wallmann sen.

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