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ARCHIV 2003 – 2017

„Enthüllung“ und Irrtum

Zehn Jahre Hartz IV, auf das heute Millionen Menschen angewiesen sind, haben Günter Wallraff bewogen, sich mit diesem Thema zu befassen. Sein Undercover-„Team Wallraff“ hat erhebliche Mißstände in den sogenannten Jobcentern „enthüllt“. Akuter Personalmangel, hoher Krankenstand, hoffnungslose Überforderung der Mitarbeiter. Also nichts, was wir nicht schon wußten – wenn wir es denn wissen wollten. Allein die ehemalige JC-Mitarbeiterin Inge Hannemann hat bemerkenswerte Innenansichten dieser Behörde geliefert. Den vermeintlichen Auftrag der „Jobcenter“ – Arbeitslose beraten und in den Arbeits“markt“ integrieren – können diese deswegen(!), so Wallraff, kaum erfüllen. Die Leidtragenden sind die „Kunden“ und der Steuerzahler.

Man erfährt, daß sich die Auszahlungen an Hartz-IV-Empfänger mitunter monatelang verzögern, daß Vorschriften umgangen und „Statistiken geschönt“, daß gelegentlich Akten und Anträge vernichtet werden, daß sogenannte Arbeitsvermittler statt den vorgeschriebenen maximal 150 „Kunden“, 250 bis 600 betreuen müssen. Was zu Stress und Wut bei den JC-Mitarbeitern führe. Wallraff erlebt völlig sinnlose, absurde, entwürdigende „Maßnahmen“, erfährt, daß ausgerechnet die Bundesagentur für Arbeit konsequent mit Zeitverträgen arbeitet, und kommt zu der Erkenntnis, daß es sich bei all dem keineswegs um Einzelfälle handelt.

Seit zehn Jahren – wobei die Proteste gegen die Hartz-Gesetze weit vor ihrer Einführung durch die „rot“-„grüne“ Monopolregierung begannen – berichten Organisationen, Initiativen, Montagsdemos, Arbeitslosenvereine über das, was RTL nun als „handfesten Skandal“ bezeichnet, nachdem Wallraff dies nun endlich auch „enthüllt“, sein Team wieder zugeschlagen hat. Sage und schreibe neun Monate haben sie „undercover“ verbracht, und sind nun endlich entsetzt über ein System, das die herrschende Klasse Deutschlands wollte, woraufhin es deren politische Kommis lieferten.

Dem „Enthüllungsjournalisten“ scheint das zu entgehen – vielleicht wollte es RTL aber so genau auch nicht wissen, bzw. uns wissen lassen. Explizit bezeichnet Wallraff lediglich das „System Jobcenter“ als menschenverachtend, nicht Hartz IV. Und nach seiner Auffassung zeige sich daran die Hilflosigkeit des Staates. Obwohl es „Sozialdemokraten“ und „Grüne“ waren, die das menschenverachtende, volksfeindliche Hartz IV vor zehn Jahren etablierten – während die christlichen Unionisten lautlos applaudierten -, meint Herr Wallraff nun: „Die Politik ist jetzt gefordert.“ Also „die Politik“, die Hartz IV noch heute feiert. Die Absage der Bundesarbeitsministerin Nahles (SPD), über seine „Enthüllungen“ auch nur zu sprechen, sollte ihm seinen fundamentalen Irrtum deutlich gemacht haben.

Der investigative Journalist war vor allem in den 1970er Jahren so „gefährlich“, daß Unternehmen sogar „Wallraff-Steckbriefe“ verfaßten, um andere Unternehmen vor dem Mann zu warnen. Ob sie das heute noch tun?

Klaus Wallmann sen.

Die Reportage kann man sich bei RTL online ansehen.

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