Randzone

ARCHIV 2003 – 2017

Die „Vertreibung“ – ein Racheakt der Russen?

Auch diese antikommunistisch motivierte Geschichtslüge ist weit verbreitet. Angesichts des nicht zu leugnenden Völkermords durch die Nazis soll der sogenannte „Holocaust“ an den Deutschen im Osten quasi als Entschuldigung dienen und zugleich die „Russen“ auf eine Stufe mit den deutschen Faschisten stellen.

Es ist ein historischer Fakt, daß nach dem Ende des Traums vom „Tausendjährigen Reich“ Millionen Deutsche aus Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei umgesiedelt wurden. Doch wenn man nicht nur blind den Parolen ewiger Antikommunisten glauben will, so muß man sich etwas tiefer mit dieser Materie beschäftigen.

Vor allem handelte es sich um Polen und Deutschland.
Die Siegermächte, zu denen bekanntlich nicht nur die Sowjetunion zählte, waren sich einig, daß Polen eine neue sicherere Westgrenze erhalten mußte, die auch vom militärischen Standpunkt aus sicher war. Sie sollte klar und eindeutig sein, ethnographisch wie kulturell, und politisch unumstritten.

Zur polnisch-deutschen Grenze beschlossen die Alliierten in dem am 2. August 1945 geschlossenen Abkommen der Konferenz von Potsdam:
„In Obereinstimmung mit dem auf der Krim-Konferenz erzielten Abkommen haben die Häupter der drei Regierungen die Meinung der Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit hinsichtlich des Territoriums im Norden und Westen geprüft, das Polen erhalten soll. Der Präsident des Landesnationatrates und die Mitglieder der Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit sind auf der Konferenz empfangen worden und haben ihre Auffassungen in vollem Umfange dargelegt.
Die Häupter der drei Regierungen bekräftigen ihre Auffassung, daß mit der endgültigen Delimitation der Westgrenze Polens bis zu einer Friedensregelung abzuwarten ist.
Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Delimitation der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der ’nicht unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Übereinstimmung mit den auf dieser Konferenz erzielten Vereinbarungen gestellt wird, und einschließlich des Gebietes der früheren Freien Stadt Danzig unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.“1

Das bewußt weitverbreitete Argument eines Raubes polnischer Gebiete durch die UdSSR, wofür im Gegenzug Polen mit deutschem Territorium entschädigt wurde, hat sich damit bereits als Lüge entpuppt. In Wirklichkeit beruht dieses Geschehen auf einem gemeinsamen Beschluß der Alliierten, der die Existenz Polens zum Ziel hatte.

Zugleich widerlegt dieses Abkommen die Behauptung, daß die „Oder-Neiße-Linie“ als Provisorium gedacht war. Mit diesem hauptsächlich von den Westmächten vorgebrachten Argument sollte nach Ausbruch des Kalten Krieges vor allem der neue westdeutsche revanchistische Partner gestützt werden. Dabei führte sich dieses Argument von Anfang an selbst ad absurdum, denn wie sollte ein Beschluß provisorisch sein können, der gleichzeitig die Umsiedlung von Menschen vorsah? Und diese Umsiedlung der Deutschen wurde im selben Potsdamer Abkommen gemeinsam von allen Alliierten ausdrücklich beschlossen:

„Xlll. Ordnungsmäßige Umsiedlung deutscher Bevölkerung

Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Umsiedlung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn:
Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechos-lowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Umsiedlung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll.
Da der Zustrom einer großen Zahl Deutscher nach Deutschland die Lasten vergrößern würde, die bereits auf den Besatzungsbehörden ruhen, halten sie es für wünschenswert, daß der Alliierte Kontrollrat für Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll.“2

Das waren Grundlagen zur Bestimmung der polnisch-deutschen Grenze.
Bevor wir uns diesem Problem ausführlich widmen, wollen wir nochmals die eng damit im Zusammenhang stehende Frage der polnischen Ostgrenze, zur UdSSR also, klären, um das Argument der „Entschädigung“ völlig zu entkräften.

In seinem 1945 in deutscher Sprache herausgegebenen Buch „Die Curzon-Linie“ (La ligne Curzon) gibt der französische Autor Alius einen kurzen Abriß der Entwicklung der polnisch-sowjetischen Grenze.
Die wichtigsten Daten des polnisch-sowjetrussischen Problems, wie es sich im Februar 1945 darstellt, lassen sich in folgende Punkte zusammenfassen:
„1. Polen vor 1914, aufgeteilt zwischen dem zaristischen Rußland, Österreich-Ungarn und Deutschland.
2. Besetzung Russisch-Polens durch die deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen während des ersten Weltkrieges und die vagen Versprechungen der Besatzungsmächte an die Bewohner dieses Teiles des polnischen Territoriums.
3. Proklamationen des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch im Jahre 1914 und der provisorischen russischen Regierung im Jahre 1917, die sich für ein ungeteiltes polnisches Gebiet erklärten.
4. Punkt 13 der Botschaft des Präsidenten Wilson, der einen unabhängigen polnischen Staat verlangt, der alle von unzweifelhaft polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete umfassen soll, sowie die Erklärung der Regierungen von Frankreich, Großbritannien und Italien.
5. Verhandlungen der Konferenz von Paris, die im Dezember 1919 zur Festsetzung einer Ostgrenze des polnischen Gebietes auf Grundlage des ethnischen und sprachlichen Prinzips führte – der Curzon-Linie.
6. Polnisch-sowjetrussischer Krieg von 1920, der mit Erfolgen Pilsudskis anfing, danach der polnische Rückzug und das Protokoll von Spa, das die beiden Kriegführenden auffordert, an der Curzon-Linie stehenzubleiben.
7. Günstige Wendung der militärischen Lage Polens und Rückzug der Russen, der den Vertrag von Riga im Jahre 1921 zur Folge hatte, durch welchen den Sowjets eine Grenze aufgezwungen wurde, die erheblich weiter östlich lag als die Curzon-Linie.
8. Der besondere nationale Charakter der östlichen Provinzen Polens, die überwiegend von Ukrainern und Weißrussen bewohnt werden; es sind hauptsächlich landwirtschaftliche, industriell wenig entwickelte Provinzen; die dortigen polnischen Großgrundbesitzer und Ansiedler bilden nur Inseln inmitten einer nichtpolnischen Bevölkerung.
9. Die polnische Niederlage in dem deutsch-polnischen Krieg von 1939; ihr folgte der Einmarsch sowjetrussischer Truppen in die Westukraine und in das westliche Weißrußland, da die UdSSR befürchtete, daß sich Deutschland an der durch den Vertrag von Riga bestimmten Grenze festsetzen würde. Beitritt der Westukraine und des westlichen Weißrußlands zur Sowjetunion.
10. Deutsch-sowjetischer Krieg zwingt die Sowjets, vorübergehend große Teile des Sowjetgebietes, vor allem die Ukraine und Weißrußland, aufzugeben.
11. Siege der Roten Armee in den Jahren 1943 und 1944, wodurch die Sowjetunion und Teile des polnischen Bodens von der deutschen Besetzung befreit werden. Errichtung eines polnischen nationalen Befreiungskomitees in Polen, das im Gegensatz zur polnischen Exilregierung in London steht. Verhandlungen über die Festsetzung der polnisch-sowjetrussischen Grenze; die Sowjetunion, Großbritannien und das polnische Befreiungskomitee erklären sich für eine Grenze, die ungefähr der Curzon-Linie entspricht, und für eine Ausdehnung Polens nach Westen und Norden.
12. Proklamation einer provisorischen Regierung der polnischen Republik in Lublin am 31. Dezember 1944. Siegreiche Offensive der Roten Armee in Polen. Erklärung Stalin-Churchill-Roosevelt vom 12. Februar 1945, laut welcher die Ostgrenze Polens der Curzon-Linie folgen soll und Zuerkennung von territorialen Kompensationen im Norden und Westen. Vorschlag der Dreierkonferenz zur Bildung einer Provisorischen Polnischen Regierung der nationalen Einigkeit.

Als das Deutsche Reich noch ganz Polen und weite Gebiete der Sowjetunion besetzt hielt, führten die Okkupanten dort umfangreiche Deportationen und Umsiedlungen der Bevölkerung durch, was für diese unsägliches Leid bedeutete. Die westpolnischen Provinzen wurden vom Reich einfach annektiert, und aus dem Restgebiet von Polen wurde ein ‚Generalgouvernement‘ gebildet, dem man Ostgalizien angliederte, während das Gebiet von Bialystok verwaltungstechnisch Ostpreußen einverleibt wurde. Die übrigen besetzten Gebiete Weißrußlands bildeten zusammen mit den baltischen Republiken das Reichskommissariat Ostland.“3

Der Beschluß der drei Regierungen von Jalta am 12. Februar 1945 wurde von der neuen polnischen Regierung anerkannt.
„Die Polnische Provisorische Regierung und die sie unterstützenden linken, demokratischen und patriotischen Kräfte erklärten sich mit der Entscheidung von Jalta, die die polnisch-sowjetische Grenze betrafen, einverstanden. Diese polnischen politischen Kreise sprachen sich noch früher bei der Regelung der polnischsowjetischen Grenze entschieden für die Verwirklichung des Grundsatzes des Selbstbestimmungsrechts der Völker aus. In dem Manifest des PKWN findet man in dieser Frage folgende Formulierung: ,Der Landesnationalrat und das durch ihn berufene Polnische Komitee der Nationalen Befreiung meinen, daß die Regelung der polnisch-sowjetischen Grenze im Wege gegenseitiger Verständigung erfolgen sollte. Die östliche Grenze sollte eine Linie freundschaftlicher Nachbarschaft sein und nicht ein Hindernis zwischen uns und unseren Nachbarn und sollte geregelt werden gemäß dem Grundsatz: die polnischen Gebiete – an Polen; die ukrainischen, weißrussischen, litauischen – an die sowjetische Ukraine, Weißrußland und Litauen. Das dauerhafte Bündnis mit unseren unmittelbaren Nachbarn … wird eine grundsätzliche Richtschnur in der polnischen Außenpolitik…“4

Schon am 30. Juli 1941 hatte der sowjetische Botschafter in London, 1.M. Maiski, mit dem Oberhaupt der polnischen Exilregierung, General Sikorski, ein Abkommen unterzeichnet, das alle deutsch-sowjetischen Verträge über polnisches Territorium für ungültig erklärte und die Grenzziehung künftigen Vereinbarungen überließ, wobei Maiski betonte, daß die UdSSR der Auffassung war, wie von jeher, daß es einen polnischen Staat geben sollte, der von Polen bewohnt sei.5
Am 26. Juli 1944 hatten die polnischen Behörden und das sowjetische Oberkommando ein Abkommen geschlossen zum gemeinsamen Vorgehen gegen die faschistischen Okkupanten.6
Der Freundschaftsvertrag zwischen der UdSSR und der Republik Polen vom 21. April 1945 hatte diese Entwicklung der neuen sowjetisch-polnischen Beziehungen endgültig geregelt.7
Und am 16. August 1945 wurde zwischen diesen beiden Staaten schließlich ein Grenzvertrag geschlossen, in dem die Curzon-Linie als Grundlinie galt, die Republik Polen aber noch einiges Gebiet zusätzlich erhielt.8

Daß diese Grenzziehung auch von den Westmächten unterstützt wurde, beweist auch der Briefwechsel Stalins mit Churchill und Roosevelt, in dem die beiden westlichen Regierungschefs die Richtigkeit dieser Grenze verschiedentlich betonen.

Also ist festzustellen: Die Lösung der polnisch-sowjetischen Grenzfrage war mit Schwierigkeiten verbunden, die aus dem Überfall Polens auf die junge Sowjetrepublik kurz nach der Oktoberrevolution resultierten, einer aggressiven antisowjetischen Politik, die von der Londoner Exilregierung fortgeführt wurde. Die Lösung war mit einer polnischen Regierung der Nationalen Einheit keine Schwierigkeit und wurde schnell erreicht. Dieser Lösung wurde von allen beteiligten Seiten zugestimmt.

Die Lösung der polnisch-sowjetischen Grenzfrage ist eine eigene Frage, die nichts damit zu tun hat, daß auch an der Westgrenze Polens, an der deutsch-polnischen Grenze Schwierigkeiten zu regeln waren, klare Verhältnisse geschaffen werden mußten.

Schwierigkeiten in den Grenzfragen hat es zwischen Deutschland und Polen immer gegeben. Behauptungen, nach denen bestimmte Gebiete, die heute zu Polen gehören, seit langem „eingedeutscht“ gewesen wären, wurden von revanchistischer Seite immer wieder laut vorgebracht. Trotzdem ändert die Lautstärke und die ständige Wiederholung nichts daran, daß sie falsch sind.

Wohl gab es im Osten „germanisierte“ Gebiete, „germanisiert“ durch die Politik von Feuer und Schwert der deutschen Feudalherrscher und durch die militaristische und expansionistische Politik Preußens. So waren z.B. ein Großteil der herrschenden Klasse in den baltischen Staaten Deutsche, während die Bevölkerung vor allem aus Balten bestand. Doch niemand stellte nach dem Zweiten Weltkrieg Gebietsforderungen an die baltischen Staaten.

Das Problem der deutsch-polnischen Grenze entstand erneut in ganzer Schärfe, als die Nazis 1939 Polen überfielen.

Wenn man die Probleme der deutsch-polnischen Grenzziehung klären will, darf man das ungeheure Leid, das die faschistische Aggression über Polen und das polnische Volk brachte, auf keinen Fall vergessen oder ünberücksichtigt lassen. Die Bilanz: „Polen wurde als selbständiger Staat vernichtet. Die Hauptstadt Polens, Warschau wurde eine Stätte grausamer Verwüstung. Die Stadt wurde zu 93 Prozent zerstört. 84 Prozent der polnischen Eisenbahnanlagen wurden vernichtet und die polnische Industrie und Landwirtschaft, besonders in der Zeit des Rückzugs, in einem Umfang zerstört, daß ein Gesamtschaden von fast 130 Milliarden Mark (in Vorkriegskaufkraft) entstand. In der ganzen Welt werden von Millionen Menschen mit Schrecken die polnischen Orte Lublin und Oswiecim (Maidanek und Auschwitz) genannt, die Stätten deutscher faschlistischer Vernichtungslager von Millionen Menschen im Osten. Fast sechs Millionen polnischer Bürger wurden außerhalb jeder Kampfhandlungen ermordet, darunter Hunderttausende von Kindern. Fünf Millionen polnischer Kinder wurden elternlos. Besonders empfindlich waren die Verluste der polnischen Intelligenz. Die Zahl der in deutschen KZ vorsätzlich ermordeten Lehrer beträgt 5000, die Zahl der Geistlichen 3500, der Professoren 700; dazu kommen Hunderte von Künstlern.“9

Die Bilanz des deutschen Überfalls ist erschütternd, und doch spiegelt sie die gesamte Tragödie des polnischen Volkes nur unzureichend wider.

Daß die eindeutige Grenzregelung entlang der Oder-Neiße-Linie nach der Niederschlagung des deutschen Faschismus als endgültig betrachtet wurde, beweisen zahlreiche Äußerungen der westlichen Regierungschefs.
Churchill sagte am 15. Dezember 1944 vor dem britischen Unterhaus:
„Soweit Großbritannien in Betracht kommt, steht es den Polen frei, ihr Gebiet auf Kosten Deutschlands nach Westen auszudehnen. Dabei muß die Ausweisung der Deutschen aus dem an Polen fallenden Gebiet im Westen und Norden vorgenommen werden.“10
In einer Rundfunkansprache erklärte der amerikanische Präsident Truman am 9. August 1945:
„Das Territorium, das Polen verwalten soll, wird Polen befähigen, seine Bevölkerung besser zu erhalten. Es wird Polen mit einer kürzeren und leichter zu verteidigenden Grenze mit Deutschland versehen. Von Polen besiedelt wird es eine einheitlichere Nation.“11

Damit nannten die beiden Politiker auch die Hauptgründe dafür, warum gerade die Oder-Neiße-Linie als Grenze gewählt wurde.
Die Eingliederung der Gebiete östlich von Oder und Neiße in den polnischen Staat ergab eine klare, überschaubare und allgemein definierte Grenze.
Die Beseitigung der deutschen Brückenköpfe in Polen, die den „Ostrittern“ immer wieder als Argument zur Abschaffung des „polnischen Korridors“ dienten, zerstörte diese Aufmarschbasis großdeutscher Eroberer.

Natürlich war die gleichzeitig beschlossene Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten für die Betroffenen bitter, und deren Wut und auch Haß, der dann von den reaktionären Führern der sogenannten „Vertriebenenverbände“ für deren revanchistische Parolen mißbraucht wurden, ist auch heute noch nachvollziehbar. Doch genauso nachvollziehbar ist das Bestreben der Allierten und der Polen, Tatsachen zu schaffen, die keine Revision mehr zulassen sollten. Deutsche Minderheiten als Vorwand für „Anschlüsse ans Reich“ durfte es nicht mehr geben, damit weder das polnische noch das deutsche Volk jemals wieder in einen so grausamen Konflikt geraten würden.

Um das wirklich zu verstehen, muß man sich klar darüber sein, welche unsägliche Rolle diese deutschen Minderheiten in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn gespielt hatten.
„Die Festlegung der neuen polnisch-deutschen Grenze auf der Potsdamer Konferenz durch Übertragung der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie, die bisher zum Reich gehörten, an Polen, wurde aufgrund der Entscheidung der Großmächte mit der Überführung der deutschen Bevölkerung von Polen nach Deutschland verbunden. Es ging hier um die Umsiedlung der Bevölkerung sowohl aus dem Vorkriegsterrritorium Polens als auch aus Gebieten, die man aufgrund des Potsdamer Vertrages von 1946 an Polen übertrug. Um die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz zu verwirklichen, bestätigte der Alliierte Kontrollrat den Plan, die deutsche Bevölkerung in die einzelnen Besatzungszonen Deutschlands umzusiedeln (20. November 1945); die Besatzungsbehörden wirkten bei der Durchführung der obigen Maßnahme mit. Die Umsiedlung von Millionen Menschen wurde in Potsdam deshalb beschlossen, weil der Entschluß gefaßt war, ehemalige Reichsgebiete, die in der Mehrheit von Deutschen bewohnt waren, an Polen zu übertragen. Die Umsiedlung hatte natürlich einmaligen und endgültigen Charakter, denn es wäre Unsinn anzunehmen, daß man so einen bedeutenden Schritt wie die Umsiedlung von Millionen Menschen unternimmt, um nach einer gewissen Zeit diese Aktion in umgekehrter Richtung zu wiederholen. Es ist hier wichtig, daran zu erinnern, daß das Institut einer Bevölkerungsumsiedlung nicht auf der Potsdamer Konferenz erfunden wurde, sondern auf der Grundlage von völkerrechtlichen Verträgen mehrfach schon viele Jahre vor Potsdam angebahnt wurde. Während des Krieges wurde dies vielfach von der Regierung des Dritten Reiches im Hinblick auf die deutsche Bevölkerung mißbraucht, indem sie sie im Rahmen der sog. Aktion ‚Heim ins Reich‘ umsiedelte; dies geschah jedoch hauptsächlich gegenüber der Bevölkerung der okkupierten Länder, die sie zwangsweise aus Gebieten, die sie seit Jahrhunderten bewohnte (z.B. die polnische Bevölkerung aus dem Posener Gebiet und aus dem Bezirk von Zamoc) in andere Gebiete umsiedelte, um bald darauf zu ihrer direkten Umsiedlung in die Gaskammern überzugehen.

Eine nicht geringe Rolle beim Entschluß, aus manchen ost- und mitteleuropäischen Ländern die deutsche Bevölkerung umzusiedeln, spielte die Erinnerung an das Verhalten der deutschen Minderheiten in diesen Ländern während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als das Dritte Reich die Aggression gegen diese Länder vorbereitete, sowie während der Besatzungszeit, als diese Minderheiten die politische und militärische Rolle einer ‚Fünften Kolonne‘ übernahmen. Eine nicht geringe Bedeutung beim Entschluß zur Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus diesen Ländern spielte ebenfalls die Tatsache, daß Deutschland ständig den Trumpf einer deutschen Minderheit ausspielte, um die Meinung der Weltöffentlichkeit zu gewinnen und um die betreffenden Länder zu annektieren. Das Hauptmotiv für die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Polen zugewiesenen Gebieten war der Wille, diesem Lande Sicherheit vor der potentiellen Aggression von seiten eines wiederentstehenden deutschen Militarismus zu geben. Ein grundlegender Faktor dieser Sicherheit sollte die gut zu verteidigende Oder- und Neiße-Grenze sein. Die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aber sollte den endgültigen unabänderlichen Charakter der polnisch-deutschen Grenzregelung unterstreichen und die Sicherheit Polens als eines einheitlichen Nationalstaates stärken. Die Sicherheit Polens wiederum sah man damals im Lager der Staaten der Anti-Hitler-Koalition als ein unerläßliches Element für die Sicherheit Europas und die allgemeine Sicherheit an.“12

Um eine Grenze des Friedens zwischen Polen und Deutschland zu erreichen, einem Deutschland, das nach den Absichten der UdSSR und damals – vorgeblich – auch noch der West-Alliierten ein einheitliches und demokratisches Deutschland sein sollte, waren diese Maßnahmen unumgänglich. Sie waren die Konsequenz der historischen Entwicklung. Und die Kräfte, die den Frieden wollten, erkannten diese Grenze als unantastbaren Friedensgrenze an.
Am 6. Juni 1950 wurde folgende Erklärung veröffentlicht:

„Deklaration über die Markierung der deutsch-polnischen Staatsgrenze

Die Delegation der Provisorischen Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und die Regierung der Republik Polen haben, von dem Wunsch erfüllt, den Frieden zu festigen und das unter Führung der Sowjetunion stehende Friedenslager im Kampf gegen die Umtriebe der imperialistischen Kräfte zu stärken, sowie in Anbetracht der Errungenschaften der Deutschen Demokratischen Republik bei der Festigung der neuen demokratischen Ordnung und der Entwicklung der Kräfte, die sich um die Nationale Front den demokratischen Deutschlands scharen, vereinbart, daß es im Interesse der Weiterentwicklung und Vertiefung der gutnachbarlichen Beziehung, des Friedens und der Freundschaft zwischen dem deutschen und dem polnischen Volke liegt, die festgelegte, zwischen beiden Staaten bestehende, unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze an der Oder und Lausitzer Neiße zu markieren.“13

Nur ein Teil Deutschlands unterzeichnete diesen Vertrag. Denn inzwischen tobte der „Kalte Krieg“, war Deutschland gespalten und wurde in seinem westlichen Teil erneut zu einem Aufmarschgebiet der Kriegstreiber und Revanchisten.
Doch es waren nicht nur die deutschen Revanchisten, die schon ab 1947 offen die Revision der Grenzen und aller anderen damaligen Beschlüsse verlangten. Bezeichnenderweise arbeiteten damals auch die polnischen Revanchisten, die von einem Großpolen auf Kosten Deutschlands und der Sowjetunion träumten, mit den deutschen Revanchisten zusammen. Beide Gruppierungen hatten zwar gegensätzliche Interessen, doch einig waren sie sich darin, daß die neue friedliche und demokratische Regelung ihrer beider Absichten zunichte machte.

Die herrschende Klasse der USA hatte selbst in jenen Gebieten ihre Interessen. Der US-Sonderbotschafter jener Jahre, Averell Harriman, der vorher Botschafter in Moskau gewesen war, besaß seit 1922 Aktien von oberschlesischen Hüttenwerken. Ober die Consolidated Silesian Steel Corporation, New York, beherrschte der Finanzclan der Familie Harriman einen beachtlichen Teil der West- und Ostoberschlesischen Schwerindustrie.14

Das erklärt, warum Herr Harriman ein gemeinsames revanchistisches Interesse mit den Fürsten von Pleß, den Grafen Henckel von Donnersmarck und all die anderen deutschen Junker einte. Sie waren gegen diese neue Grenze und versuchten vor allem unter den umgesiedelten Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei eine Massenbasis für ihren Revanchismus zu schaffen. Daß es ihnen dabei sehr wenig um die Umgesiedelten, dafür aber sehr um ihren verlorenen privaten Besitz ging, liegt wohl auf der Hand.

Die Gründe für die Umsiedlungspolitik der Alliierten gegenüber den Deutschen waren also die neue Grenzziehung, die konkrete Rolle, die die deutschen Minderheiten selbst gespielt hatten, und ihre Ausnutzung als Brückenköpfe der Aggression. Deshalb arbeitete eine von den vier Regierungen der UdSSR, der USA, Englands und Frankreichs benannte Kommission einen Plan zur Umsiedlung der deutschen Minderheiten aus, die aus Österreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen ausgewiesen wurden.
Dieser Plan wurde dem Alliierten Kontrollrat am 20. November 1945 vorgelegt, der ihn einstimmig annahm und verabschiedete.
„Plan der Umsiedlung der aus Österreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen ausgewiesenen deutschen Bevölkerung nach den vier Besatzungszonen Deutschlands.
1. Die gesamte aus Polen ausgewiesene deutsche Bevölkerung (3,5 Millionen Menschen) wird in die sowjetische und in die englische Besatzungszone Deutschlands aufgenommen.
2. Die gesamte aus der Tschechoslowakei, Österreich und Ungarn ausgewiesene deutsche Bevölkerung (3150000 Menschen) wird in die amerikanische, französische und sowjetische Besatzungszone Deutschlands aufgenommen.
3. Die vorläufige Verteilung dieser Bevölkerung auf die Zonen wird orientierungsweise folgende sein: a) In die sowjetische Zone aus Polen 2000000 Menschen; in die sowjetische Zone aus der Tschechoslowakei 750000 Menschen; b) in die englische Zone aus Polen 1500 000 Menschen; c) in die amerikanische Zone aus der Tschechoslowakei 1750 000 Menschen; d) in die französische Zone aus Österreich 150000 Menschen. Die französische Zone wird mit dem Beginn der Aufnahme dieser Bevölkerung nicht früher als am 15. April 1946 anfangen. Bis dahin wird die französische Zone, nach Beendigung des Austausches deutscher Flüchtlinge nach dem Grundsatz 1:1, etwa 250000 Flüchtlinge aus der amerikanischen Zone aufnehmen, die früher in der französischen Zone lebten.
4. Es wird für möglich gehalten, nach der Bestätigung dieses grundsätzlichen Planes unverzüglich mit der Aufnahme der Bevölkerung aus den oben erwähnten Staaten laut folgendem Plan zu beginnen: Im Laufe des Dezembers 1945 – 10 Prozent der Gesamtzahl, im Januar 1946 – 5 Prozent der Gesamtzahl, im Februar 1946 – 5 Prozent der Gesamtzahl, im März 1946 – 16 Prozent der Gesamtzahl, im April 1946 – 15 Prozent der Gesamtzahl, im Mai 1946 – 20 Prozent der Gesamtzahl, im Juni 1946 20 Prozent der Gesamtzahl, im Juli 1946 – 10 Prozent der Gesamtzahl. Änderungen sind infolge der Witterungsoder Verkehrsverhält-nisse sowie bei Vorliegen genauerer Angaben über die Zahl der umgesiedelten Bevölkerung möglich.
Die britische Zone beginnt die oben erwähnten Flüchtlinge aufzunehmen, wenn dies der Umfang des gegenwärtig stattfindenden Flüchtlingsaustausches gestatten wird. Das Datum des Austauschbeginns wird von dem Chef der Repatriierungsabteilung der sowjetischen und britischen Seite festgesetzt werden.
5. Die Erfüllung dieses Plans soll nicht die Verwirklichung des früher erzielten Abkommens über den Austausch deutscher Flüchtlinge zwischen den Zonen nach dem Grundsatz 1:1 stören.
6. Nach der Bestätigung dieses Planes werden die Regierungen Polens und der Tschechoslowakei sowie die Kontrollkommissionen Ungarns und Österreichs darüber informiert werden“.15

Insgesamt sollten 6,65 Millionen Deutsche aus den vier genannten Ländern ausgewiesen und umgesiedelt werden. Da jedoch in Polen statt der geplanten 3,5 Millionen Deutschen rund 5,7 Millionen umgesiedelt wurden, umfaßte das Problem der Ausweisung und Umsiedlung rund 9 Millionen Menschen.
Der „russischen Racheakt“ der „Vertreibung“ ist und bleibt haltlos, das beweist die Tatsache, daß die Mehrzahl der Umgesiedelten in der sowjetisch besetzten Zone aufgenommen wurde.

Das Schicksal der Umgesiedelten hing auch davon ab, in welche Besatzungszone sie kamen.
In einer vom Amt für Information der DDR im Jahre 1950 herausgegebenen Broschürenreihe „Die Wahrheit dem Volke“, Nr. 6, mit dem Titel „Die Oder-Neiße-Friedensgrenze“ wird darüber mit genauen Zahlen berichtet.

„Viele Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik haben durch die Bodenreform eine neue, gute Heimat erhalten. Der Anteil der Umsiedler an der Gesamtbevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik beträgt 24,2 Prozent, während er in der amerikanischen Zone 18,1 Prozent, in der britischen Zone 15,9 Prozent und in der französischen Zone 3 Prozent ausmacht. In der Deutschen Demokratischen Republik ist der Prozeß der Einbürgerung so weit fortgeschritten, daß es keine Sonderrechte der Altbevölkerung mehr gibt, sondern nur noch Bürger der Deutschen Demokratischen Republik.
Die auf Grund der Bestimmungen des Potsdamer Abkommens in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone konsequent durchgeführte Bodenreform machte es möglich, fast 500 000 besitzlosen Landarbeitern und Angehörigen anderer Berufsschichten insgesamt 2,2 Millionen Hektar Land zu übergeben. Zusammen mit deren Familienangehörigen erhielten dadurch rund 170 0000 Menschen eine feste wirtschaftliche Grundlage. 762 000 ha Land – das ist im Durchschnitt pro Bauernstelle 8,4 ha (in Mecklenburg sind es sogar 9,6 ha) – wurden von der Gesamtmenge 90 591 Umsiedlern als eigener Grund und Boden zugewiesen. Damit stehen etwa 350 000 Menschen auf eigenem Besitz! Es ist auch bekannt, daß die Umsiedler für ihre Neubauten weitgehende Kredithilfen und andere Hilfen seitens der Regierung erhalten haben. Außer den Neubauten erhielten aus dem vorhandenen Gebäudebestand die bäuerlichen Umsiedler 19 719 Wohnhäuser mit 75 109 Wohnräumen, 21 862 Stallungen, 9141 Scheunen, 151 Schmieden, 136 Stellmachereien, 46 Treibhausanlagen und eine Reihe von sonstigen Kleinbetrieben. Nach dem Stand vom 1. Januar 1949, der sich inzwischen erheblich vergrößert hat, waren die Umsiedler mit 62000 Pferden, 209000 Stück Rindvieh, 191000 Schweinen, 51000 Schafen, 26000 Ziegen, 650000 Stück Geflügel und 5000 Bienenvölkern ausgestattet. Und über 200000 Umsiedler üben selbständige Berufe aus, fast 2 Millionen sind in einer versicherungspflichtigen Beschäftigung, also als Arbeiter oder Angestellte, tätig. Für ältere, nicht mehr arbeitsfähige Umsiedler wurden allein in einem Jahr 350 Millionen Mark Sozialfürsorgeunterstützung aufgebracht. Über 1,9 Millionen Umsiedler erhielten eine weitere finanzielle Unterstützung. Nicht jede Not konnte in den wenigen Jahren nach dem Zusammenbruch des Hitler-Staates, der uns schwerste Verluste und Schäden hinterließ, beseitigt werden.
Von Jahr zu Jahr wird aber auch das Leben für die Umsiedler leichter werden, bedingt durch die Erfolge des Zweijahresplanes und der Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes 1950. Den Umsiedlern wurde in der Deutschen Demokratischen Republik wirklich eine neue Heimat geboten, in der sie selber an verantwortlichen Stellen mitarbeiten. Ober 2 500 Stadt- und Gemeinderäte sowie 233 Bürgermeister entstammen Umsiedlerkreisen. Über 25 000 Männer und über 15 000 Frauen besuchen die Universitäten und Hochschulen, um an der Demokratisierung in Stadt und Land mitarbeiten zu können, um eine Heimat zu schaffen, in der für alle das Leben lebenswert ist.
Drüben, in Westdeutschland sind 500 000 Umsiedler dazu verurteilt, noch heute in abscheulichen Verhältnissen zu vegetieren. Planlos verteilte man die Umsiedler auf Gebiete, in denen den meisten der Neuaufbau einer Existenz unmöglich gemacht wurde. So erklärt es sich, daß von 1,3 Millionen Arbeitslosen, die am 15. Oktober 1949 registriert wurden, 450 480 Umsiedler waren. In Bayern sind von 700 000 erwerbsfähigen Umsiedlern 200 000 und im Bayerischen Wald 80 Prozent arbeitslos. Anfang 1950 befanden sich 500 000 Umsiedlerfamilien in Lagern oder Massenunterkünften, wie Bunkern, Sälen, Turnhallen, Kegelbahnen usw. Der größte Teil lebt in ‚Einrichtungen‘, die aus Kisten und Brettern zusammengenagelt sind. Heute noch kocht ein Teil der Umsiedler sein Essen in amerikanischen Konservenbüchsen, die sie in Müllgruben aufgelesen haben.
Jetzt zeigt die amerikanische Regierung den Deutschen einen ‚Ausweg‘ aus diesem Elend, der typisch für die Methoden von Kolonialherren ist: Mindestens eine Million Deutsche sollen auswandern! Der westdeutsche ‚Bundesminister‘ und USA-Lakai Dr. Lukaschek scheut sich nicht, zu versichern, daß nach deutscher Auffassung für eine Auswanderung hauptsächlich etwa 250 000 deutsche Bauernfamilien in Frage kämen, die dorf- und stammesweise unter Führung von Arzt und Lehrer in die Fremde gehen sollen.
In den Dschungeln Vietnams sterben Zehntausende junger Deutscher, die unter dem Druck des Arbeitslosenelends in Westdeutschland ihr Leben an die französische Fremdenlegion verkauften. Jetzt will man deutsche Bauernfamilien nach Afrika und andere ‚unentwickelte Gebiete‘ verschleppen, damit sie zur Erschließung neuer Profitmöglichkeiten den amerikanischen Großkapitalherren ihre Arbeitskraft und ihre Gesundheit opfern. Aber der Großgrundbesitz von mehreren tausend Junkern und Großgrundbesitzern darf nicht angetastet werden!“16

Die Politik der westdeutschen Revanchisten hatte Methode. Indem man die Umsiedler auf einem schlechten Lebensniveau hielt, nährte man in ihnen den Wunsch nach Rückkehr. Die möglichst negative Schilderung der Zustände im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands bzw. später in der DDR sollte den Wunsch nach einer Umgestaltung in der alten Heimat wecken. Die Schaffung verschiedenster Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Umsiedlern sollte eine Atmosphäre der Feindseligkeit und des Mißtrauens erzeugen und erhalten. Diese Menschen sollten als Kanonenfutter für einen neuen Zug gegen Osten mißbraucht werden und eine Massenbasis für eine revanchistische Politik bilden.

Im Rahmen der Fragen der Nachkriegszeit und der Grenzen bleibt noch ein Problem zu klären: Kaliningrad, das frühere Königsberg.

Während jene Gebiete, die östlich der Oder und Neiße an Polen abgetreten wurden, historisch gesehen polnische Gebiete waren – nur ostelbischen Junker dürften das anders sehen -, so kann von Königsberg niemand behaupten, es sei ursprünglich russisch.
Das hat auch niemand getan. Königsberg war, und das betonte auch die damalige Sowjetführung, ein Preis, den die Deutschen für die Hitleraggression an die Sicherheit der UdSSR bezahlen mußten, ein vorgeschobener Brückenkopf, der weg mußte. Die Verantwortung dafür tragen die deutschen Faschisten, es ist das Ergebnis der jahrhundertelangen Politik auch ihres „Drangs nach Osten“.

Die Grenzziehung im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs sollte auch dem deutschen Volk einen lebensfähigen, einigen Nationalstaat sichern. Sie ging nicht an die Substanz dessen, was Deutschland ist und konnte auch den ausgewiesenen Minderheiten eine lebenswerte Existenz bieten. Daß sich die Allierten in diesem Punkt nicht geirrt haben, beweist die Geschichte.

Sie beweist auch, daß die Ausweisung der deutschen Minderheiten, die „Vertreibung“, keinesfalls ein Versuch war, die Deutschen auszurotten. Und erst recht war es nicht ein Versuch der „Russen“ unter Führung Stalins, den Deutschen den Faschismus „mit gleicher Münze“ heimzuzahlen. Es war ein Bestandteil der gleichen Friedenspolitik, die die UdSSR bereits vor dem Zweiten Weltkrieg führte.

Klaus Wallmann sen.

Anmerkungen:

1) Dokumente zur Deutschlandfrage: Das Potsdamer Abkommen, S. 70, Berlin 1971
2) ebenda, S. 73
3) Alius, Die Curzon-Linie, S. 96
4) L. Gelberg, Die Entstehung der Volksrepublik Polen, S. 90f., München 1970
5) Maiski, Memoiren eines sowjetischen Botschafters, S. 651, Berlin 1967
6) Das Ostpaktsystem (Hrg.: B. Meissner), S. 24, Köln 1971
7) ebenda, S. 25
8) ebenda, S. 52f.
9) P. Wandel, Wie es zur Oder-Neiße-Grenze kam, S, 41f., Berlin 1955
10) zitiert nach: Wandel, a.a.O., S. 69
11) zitiert nach: Wandel, a.a.O., S. 70
12) L. Gelberg, a.a.O., S. 109f.
13) Die Wahrheit dem Volke, Broschürenreihe, Nr. 6, S. 6, Berlin 1950
14) P. Wandel, a.a.O., S. 74
15) Dokumente zur Deutschlandfrage, Das Potsdamer Abkommen, S. 78f.
16) Die Wahrheit dem Volke, Broschürenreihe, Nr. 6, S. 50ff.

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