In einer Untersuchung kommt die sogenannte „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) nach dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu der sensationellen Erkenntnis, daß die „Kluft zwischen Arm und Reich“ auch in Deutschland wächst. Was negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum habe.
In den 1980er Jahren „verdienten“ die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung ca. fünfmal soviel wie die ärmsten zehn Prozent. Heute verdienen sie siebenmal soviel. Diese Entwicklung habe dazu geführt, daß das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland fast sechs Prozentpunkte unter dem Wert liegt, den es beim Ungleichheitsniveau der 1980er Jahre hätte erreichen können.
Den Hauptgrund für diese schreckliche Entwicklung sieht die OECD darin, daß die Armen weniger in Bildung „investieren“ und deren Kinder also weniger „Bildungschancen“ hätten. Deswegen müsse „die Politik“ gegensteuern, der „hohen und weiter wachsenden Ungleichheit etwas entgegensetzen“, so OECD-Generalsekretär Gurría. „Der Kampf gegen Ungleichheit muss in das Zentrum der politischen Debatte rücken.“ Als Kampfmittel soll dabei sogar eine Umverteilung von oben nach unten mittels Steuern zum Einsatz kommen. Zielgenau, versteht sich.
Kritik an der wachsende Ungleichheit in Deutschland ist nicht neu. Zuletzt im Juni erklärte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung mit Blick auf den deutschen Niedriglohnsektor – den größten in der EU -, daß das erreichte Maß an Ungleichheit „sowohl sozial als auch wirtschaftlich hochproblematisch ist“.
Hochproblematisch ist diese Entwicklung für diese bürgerlichen Einrichtungen vor allem deshalb, weil sie gefährlich für die Macht der herrschenden Klasse ist. Denn wer ist denn „die Wirtschaft“, wer ist „die Politik“? Das herrschende Kapital samt seinen politischen und „wissenschaftlichen“ Kommis ist sich durchaus bewußt, daß die soziale Ungleichheit zu sozialen Spannungen führt. Abschaffen können sie weder die Ursache noch die Folgen, denn diese gehören zum kapitalistischen System.
Also versucht man zumindest die Folgen in Grenzen zu halten. Ein wenig Umverteilung „von oben nach unten“ soll die immer tiefer werdende „Kluft zwischen Arm und Reich“ nicht ganz so tief erscheinen lassen. Erneut kommt man uns mit der Mär von den „Bildungschancen“, ganz als ob eine hohe Bildung in diesem System Arbeitslosigkeit und Armut auschließt.
2012 arbeitete jeder zehnte Akademiker für nicht mehr als 9,30 Euro brutto pro Stunde (Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen). D.h. 8,6 Prozent der abhängig Beschäftigten mit Hochschulabschluß erhielten Niedriglohn. Betroffen waren ca. 688.000 Menschen, Frauen mehr als Männer. Die Zahl der arbeitslosen Akademiker betrug 2013 durchschnittlich 191.100 – ein Anstieg von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Selbstverständlich ist die Arbeitslosenquote bei den Akademikern relativ gering, doch ihre Existenz beweist, daß selbst ein hoher Stand der Bildung nicht vor den Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems schützt.
Die Ungleichheit von „Arm und Reich“, von „Oben und Unten“ resultiert aus dem ungleichen Besitz der Produktionsmittel. Sprich: Die einen haben Produktionsmittel und die anderen haben keine. Letztere können nur ihre Arbeitskraft auf dem Markt zum Verkauf anbieten, eine andere Ware haben sie nicht. Dabei sind sie gegenüber dem potentiellen Käufer ganz offensichtlich im Nachteil. Denn dieser kann, muß aber nicht kaufen. Müssen muß nur der Anbieter der Arbeitskraft, unter Umständen zu jedem Preis. Was auf den Gebildeten ebenso zutrifft, wie auf den weniger Gebildeten.
Was mich wiederum zu der Schlußfolgerung verleitet, daß es mit der (politischen) Bildung derjenigen, die sich mit dieser gesellschaftlichen Situation abfinden, generell nicht weit her sein kann.
Klaus Wallmann sen.