Randzone

ARCHIV 2003 – 2017

Der Historikerstreit

Über die Nolte-Habermas-Debatte von 1986 und den Historiker Michael Stürmer

Zur Aktualität des „Historikerstreits“

Im vergangenen Jahr (2006) feierte „Die Welt“ den mittlerweile 83jährigen Ernst Nolte als einen der „klügsten Geschichtsdenker des 20. Jahrhunderts“. Und der Politikwissenschaftler Kronenberg äußerte die Vermutung, Nolte habe seine Frage „nach dem Entstehungs- und Beziehungsverhältnis von nationalsozialistischem und bolschewistischem Terror- und Vernichtungsregime“ womöglich „20 Jahre zu früh“ gestellt. Zum 20. Jahrestag des sogenannten „Historikerstreits“ forderte auch er „Gerechtigkeit für Ernst Nolte“, den er als Opfer einer linken „Verdächtigungskultur“ darstellt, deren „geschichtspolitischer Bannstrahl“ heute „prekär“ erscheine.

Man muß so etwas sorgfältig lesen. Wenn Kronenberg feststellt, daß Nolte mit seinen Thesen „20 Jahre zu früh“ dran gewesen sei, so weist dies auf die aktuell vor sich gehenden geschichts- und erinnerungspolitischen „Umbrüche“ vor dem Hintergrund Europa hin, die die Gefahr in sich bergen, die NS-Vergangenheit zu historisieren. Die sich hier herausbildende gesamteuropäische Geschichtspolitik zielt auf eine „positive Identitätsstiftung“, wozu die nationalsozialistischen Verbrechen noch weit stärker als bisher mit den Gewalt- und Diktaturerfahrungen in den ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas in Beziehung gesetzt werden. Diese Zusammenschau soll den negativen Referenzpunkt einer gemeinsamen europäischen historischen Erzählung bilden. Wenn dabei das Bewußtsein der Menschen für die Präzedenzlosigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen verlorengeht, so scheint das durchaus erwünscht.

Ernst Nolte spielt in diesem bedrohlichen Prozeß noch immer eine Rolle. Sehen ihn seine Adepten, zu denen auch Prof. Dr. Stürmer gehört, doch durch die gegenwärtige Entwicklung mehr als bestätigt. Trotz zwanzigjähriger Isolierung, so der FAZ-Redakteur Lorenz Jäger, habe sich Nolte „auf eine eher stille Weise […] durchgesetzt.“ Aus dem „Hauptangeklagten“ im „Historikerstreit“ wird er so zum Visionär hochstilisiert, der nun von der Geschichte selbst seinen Freispruch erhalte.

Der „Historikerstreit“, der in Wirklichkeit ein Kampf um die Deutungshoheit ist, ist auch nach über zwanzig Jahren nicht zu Ende. Wie er in den 1980er Jahren aus den konkreten politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnissen der „alten“ Bundesrepublik resultierte, so auch heute, wobei die radikalen politischen Umbrüche der Jahre 1989/90 eine bedeutende Rolle spielen. Man mußte nicht lange auf Vorstöße nach einem „normalisierten“ Umgang mit der NS-Vergangenheit warten, und auch wenn Nolte nicht mehr die Rolle spielt, die er einst spielte – hat sich der 1991 emeritierte Historiker doch mehr als deutlich den Positionen eindeutiger Holocaust-Leugner genähert -, so ist die Kontinuität seiner Adepten nicht zu übersehen.

Politischer Hintergrund

Betrachten wir zu Beginn kurz den historischen und politischen Hintergrund, vor dem sich der sogenannte „Historikerstreit“ abspielte.

Zu Beginn der 1980er Jahre galt es die Frage zu beantworten, an welchen Referenzpunkten sich die nationale Identität der Bundesrepublik vierzig Jahre nach der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft orientieren sollte. Spürbar wurde das reaktionäre Drängen, den Nationalsozialismus zu „historisieren“ und zugleich dessen Präsenz zu verringern. Auf der anderen Seite sah man darin den Versuch, die „erst nach – und durch Auschwitz“ gewachsene Bindung an „universalistische Verfassungsprinzipien“ aufzuheben. Bereits damals ging es also vor allem um die Hegemonie in der Deutung der jüngeren deutschen Geschichte.

Im Herbst 1982 kam es zum Machtwechsel in Bonn. Unmittelbar nach dem Regierungsantritt der CDU/CSU/FDP-Koalition proklamierte der neue Bundeskanzler Kohl eine umfassende „geistig-moralische Wende“, womit auch ein „normalisierter“ Umgang mit der deutschen Vergangenheit gemeint war. Das bewies z.B. sein Engagement für ein „Haus der Geschichte der Bundesrepublik“ sowie für ein zentrales Nationalmuseum in Berlin.
Der Verdacht, daß sich Kohls Geschichtspolitik auf ein Zurückdrängen der Präsenz der NS-Vergangenheit, auf einen „Schlußstrich“ richtete, erhärtete sich 1984 während einer Israel-Reise des Kanzlers. Er reklamierte für sich und die große Mehrheit der deutschen Bürger „die Gnade der späten Geburt“.
Im Mai 1985 schlug der geschichtspolitische Skandal von Bitburg (die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Zerschlagung des Hitlerfaschismus) auch auf internationaler Ebene hohe Wellen. Bemerkenswert war der publizistische Flankenschutz, den konservative Blätter der Bundesregierung in deren Auseinandersetzungen um den Umgang mit der Vergangenheit gaben. Geradezu pragmatisch die Feststellung des als Kohl-Berater tätigen Historikers Stürmer, „dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“.

Diese ganze Entwicklung hatte auch Jürgen Habermas vor Augen, als er im Juli 1986, „apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ konstatierte. Der Impuls für den „Historikerstreit“ war damit ausgelöst.
Daß die Auseinandersetzung gerade zwischen dem 40. Jahrestag des Kriegsendes und dem 40. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1989 eskalierten, auch das war kein Zufall. Es ging, wie schon gesagt, um die Referenzpunkte, an denen sich die nationale Identität der Bundesrepublik orientieren sollte. In die Arena traten hauptsächlich etablierte Historiker, die stellvertretend um die geschichtspolitische Deutungskompetenz der herrschenden Klasse kämpften.

Der „Historikerstreit“

1980 hielt Ernst Nolte einen Vortrag in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Im Juli 1980 erschien dessen gekürzte Fassung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). 1985 wurde er in einem Sammelband in englischer Sprache veröffentlicht. Diesem Vortrag wurde in der Öffentlichkeit bis zum 6. Juni 1986 keine Beachtung geschenkt, bis zu dem Tag also, als er in der FAZ eine Rede veröffentlichte, die er laut eigenem Bekunden wegen einer Ausladung von den Frankfurter Römerberggesprächen nicht dort habe halten können.

Am 11. Juni veröffentlichte der Philosoph und Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas, einer der bedeutendsten Vertreter der sogenannten „Frankfurter Schule“ den Artikel „Eine Art Schadensabwicklung“ in der „ZEIT“, in dem er Kritik an den Historikern Andreas Hillgruber, Ernst Nolte, Michael Stürmer und einigen anderen konservativen Historikern übte; Kritik an ihrem Bemühen, ein neues „nationalistisches“ Bild der deutschen Geschichte zu konstruieren, wobei sie versuchten, die Einmaligkeit des Holocaust zu relativieren. Diese Kritik gilt als Auslöser des „Historikerstreits“, der zu Beginn sehr emotional erschien. Von „einer neuen Auschwitzlüge“ war die Rede, von „einer Offensive rechter antisemitischer Historiker“, von „Regierungshistorikern“ usw. Erst im Herbst versachlichte sich der Disput, den ich im Folgenden skizzieren möchte.

Die Revisionisten

Als Apologeten eines Geschichtsrevisionismus, der die „Historisierung“ der NS-Vergangenheit zum Ziel hat, bezeichnete Habermas selbst neben Michael Stürmer die Historiker Klaus Hildebrandt, Andreas Hillgruber und Ernst Nolte, weswegen ich sie in diesem Artikel als „Revisionisten“ bezeichne. Besonders die Thesen von Nolte und Hillgruber standen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Gemeinsam war diesen „konservativen“ Historikern, das Identitätsgefühl der Deutschen zu verstärken und die Rückkehr zu überzeugtem Nationalismus und Patriotismus voranzutreiben. Angesichts des offiziellen Programms der damaligen Regierung Kohl, in dem solche Werte durchaus gewünscht waren, waren diese Ziele wenig verwunderlich. Parteigänger dieser Historiker waren vor allem solche Kollegen, die die klassische Politik- und Diplomatiegeschichte vertraten, deren Verständnis von Geschichte also darin besteht, daß das Wirken „großer Männer“ entscheidend für den Ablauf historischer Prozesse ist.

Ernst Nolte

Der 1923 Geborene war seit den 1960er Jahren an den Universitäten Marburg und Berlin tätig. In Marburg wurde er mit einer starken „orthodoxen Linken“ konfrontiert, was bei ihm wohl eine starke Ablehnung gegen jegliches linkes Denken erzeugte.

Bereits Jahre zuvor publiziert, wurden seine Thesen zur grundlegenden Neuinterpretation der nationalsozialistischen Judenvernichtung erst 1986 im Kontext der geschichtspolitischen Kontroversen um einen „normalisierten“ Umgang mit der NS-Vergangenheit von einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen. Ganz im Sinne dieses „normalisierten“ Umgangs war Noltes These, daß das Dritte Reich wie ein Richtschwert über der Gegenwart schwebe, was mit der Forderung nach einem permanenten Status des Privilegiertseins der Verfolgten dieser Zeit zusammenhänge(1).

Den radikalen „Antimarxismus“ bezeichnet Nolte als zentralen Wesenszug des Nationalsozialismus, und dieser resultiere aus einer nicht zuletzt bei Hitler zu beobachtenden Furcht vor den „asiatischen Taten“ des sowjetischen Bolschewismus. Die sowjetischen Massenmorde und die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten sah Nolte durch einen „kausalen Nexus“ miteinander verknüpft.

Die politische Intention Noltes war die Entlastung der deutschen Geschichte durch die Relativierung der nationalsozialistischen Massenvernichtung und die Erklärung des Marxismus und Bolschewismus als das „absolut Böse“. Daraus resultierten seine als suggestive „Fragen“ verkleideten Thesen, z.B. ob der Faschismus ein deutsches oder ein epochetypisches Phänomen war, oder ob der Zweite Weltkrieg ein Präventivkrieg war, mit dem Hitler lediglich der bolschewistischen Bedrohung durch Stalin zuvorkam. „Vollbrachten die Nationalsozialisten … eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel GULag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“

Wer die „Hitlersche Judenvernichtung“ nicht in einem bestimmten Zusammenhang sehe, so Nolte, „verfälscht die Geschichte“, denn „Auschwitz resultiert nicht in erster Linie aus dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer ‚Völkermord‘, sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution.“
Unterstützt wurde Nolte diesbezüglich vor allen durch Joachim Fest, den Mitherausgeber der FAZ und Hitlerbiographen.

Nolte stellt damit die sowjetischen Verbrechen nicht nur als historischen Vorgriff auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hin, nein, er läßt den Holocaust als putativen Notwehrakt des NS-Regimes erscheinen, das – nach Noltes Ansicht – zu Recht eine existentielle Bedrohung durch den Bolschewismus fürchtete. Damit leistet er einer relativierenden Deutung der nationalsozialistischen Massenverbrechen Vorschub. Indem er den Handlungsmotiven der Nationalsozialisten diesen rationalen Kern zuschreibt, verleiht er „Auschwitz“ eine gewisse Plausibilität.

Zwar hält Nolte die Hitlersche Judenvernichtung für „entsetzlicher … weil sie die Menschenvernichtung auf eine quasi industrielle Weise betrieb“; sie sei „abstoßender“, „weil sie auf bloßen Vermutungen beruhte und nahezu frei von … Massenhaß war.“ Dennoch bleibt es für ihn eine Tatsache, „daß die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war.“

Außerdem hatte Hitler „gute Gründe“, „von dem Vernichtungswillen seiner Gegner sehr viel früher überzeugt zu sein als zu dem Zeitpunkt, wo die ersten Nachrichten über die Vorgänge in Auschwitz zur Kenntnis der Welt gelangt waren.“ Habe doch bereits in den ersten Septembertagen des Jahres 1939 der Präsident der Jewish Agency, Chaim Weizmann, offiziell erklärt, daß „die Juden in aller Welt in diesem Krieg auf der Seite Englands kämpfen würden.“(2) Hitler hatte also „gute Gründe“ „die Juden als Kriegsgefangene“ zu behandeln und sie zu „internieren“.

Diese Äußerungen sind schwer erträglich, selbst für seine Adepten. Dieser Tobak schien selbst denen zu stark und so wurde Nolte noch während des Streits immer mehr zu einem „Außenseiter“ der bürgerlichen Historikerzunft. In der Folgezeit fiel er weniger durch „wissenschaftliche“ Arbeiten, als viel mehr durch öffentliche Sympathiebekundungen für italienische Neofaschisten oder rechtsextremistische Vereine auf. Vorbild ist er heute noch für junge nationalistische Revisionisten.

Andreas Hillgruber

Seit er 1965 über Hitlers Politik und Kriegsführung dissertiert hat, zählte der 1925 geboren und 1989 verstorbene Hillgruber zu den „herausragenden Experten“ für Politik- und Zeitgeschichte. Aufgrund seiner teilweise reaktionären Theorien kam es in den 1970er Jahren an der Uni Köln – wo er Ordinarius für Geschichte war – immer wieder zu Studentenprotesten gegen ihn.

In der sogenannten „Fischer-Kontroverse“ stimmte Hillgruber teilweise Fritz Fischer zu, der behauptete, Deutschland sei für den Ersten Weltkrieg hauptsächlich verantwortlich. Was Hillgruber nicht mittragen konnte, war Fischers Auffassung, daß der Grund für den Ersten Weltkrieg die imperialistischen Weltmachtsbestrebungen des Deutschen Reiches waren.

Während des „Historikerstreits“ vertrat er die Meinung, daß der Holocaust nicht einzigartig gewesen sei. Stalins Verbrechen hätten eine ähnliche Dimension wie die Hitlers. Für Hillgruber war der Holocaust eine große Tragödie von vielen des 20. Jahrhunderts.

Im Rahmen des „Historikerstreits“ vertrat er eine Theorie, die die „Zerschlagung des deutschen Ostens“ auf ein negatives klischeehaftes Preußenbild der führenden alliierten Staatsmänner zurückführte. Die Vertreibung der Deutschen aus dieser Region hielt Hillgruber für die „wohl gravierendste Folge des Zweiten Weltkriegs“.(3) Zusammen mit dem Historiker Alfred Heuß leitete er daraus die Forderung nach der Wiedervereinigung Deutschlands ab, womit er schon damals ganz auf der Linie der Regierungspolitik lag. Darüber hinaus hielt er eine „Rekonstruktion“ der europäischen Mitte für wünschenswert, womit er sein revanchistisches Gedankengut kaum noch bemäntelte.

Anfang 1986 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums“, woraufhin ihn der Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein, in einer Rezension einen „konstitutionellen Nazi“ nannte.
In diesem Buch beschäftigt sich Hillgruber mit den Ereignissen an der zusammenbrechenden Ostfront und kommt angesichts der daraus resultierenden Massenflucht zu dem Resümee, daß sich „der Historiker … mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostseebereich identifizieren“ müsse. Der Versuch, die Wehrmacht des „Dritten Reichs“ zu rehabilitieren, ist nicht zu übersehen und rief denn auch scharfe Kritik z.B. vonseiten der Alltagshistorikerin Adelheid von Saldern hervor: „Hillgruber liefert ein gutes Beispiel dafür, wie sich Werte und Normen verschieben, wenn man sich bei der historischen Erfahrungsanalyse vom Nationalen als einem Wert an sich leiten lässt.“
Seine in diesem Buch vorgenommene parallele Betrachtung von Holocaust und dem Zusammenbruch der Ostfront, Flucht und Vertreibung, brachte ihm den Vorwurf ein, er habe keinen Vergleich sondern eine Gleichsetzung unternommen – wenn nicht mutwillig, dann grob fahrlässig. Hillgruber schob die Verantwortung auf den Verleger Wolf Jobst Siedler. Der habe die beiden unabhängig voneinander entstandenen Texte nach oberflächlichen Kriterien zu einem Buch zusammengefaßt.

Holocaust und Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa waren für Hillgruber gleich tragisch, doch indem er die Leiden der deutschen Vertriebenen isolierte, ohne Berücksichtigung der Leiden der polnischen, russischen, jüdischen Bevölkerung darstellte, lieferte er schon damals die Vorlage für solch „überragende“ TV-„Events“ wie „Die Flucht“. Daß er letztendlich die Nazis für beides verantwortlich machte, schmälert seine reaktionäre Rolle nur wenig. Der Gerechtigkeit halber sei noch erwähnt, daß er in den 1980er Jahren zu den schärfsten Kritikern von David Irving gehörte, der sich Jahre später offen zu seinen neonazistischen Überzeugungen bekannte.

Michel Stürmer

Wenige Wochen vor dem öffentlichen Ausbruch des „Historikerstreits“ mahnte auch der damalige politische Berater von Bundeskanzlers Kohl in der FAZ mehr „Erinnerung“ an, denn „Orientierungsverlust und Identitätssuche sind Geschwister“. Und völlig richtig fügte er hinzu, daß man nicht ignorieren dürfe, „dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“ Deutlicher kann man die Motivation, die Intentionen von Stürmer und Co. nicht beim Namen nennen.

Stürmer, der die Geschichtswissenschaft wieder zu einem Mittel der nationalen Sinnstiftung machen will, war an den Universitäten Mannheim, Kassel und Erlangen aktiv und politisch sehr engagiert. Seine Beratertätigkeit für Kohl haben wir bereits erwähnt. Entscheidenden Einfluß hatte er in der sogenannten „Mittellage“-Diskussion, nach der Deutschland angeblich durch die damalige Machtgeographie und durch ein angebliches „deutsches Schicksal“ gleichsam zwangsläufig in den Zweiten Weltkrieg hineingeraten ist.

Ob sein Revisionismus etwas mit seiner „Karriere“ zu tun hat sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, daß Stürmer nach dem öffentlich ausgetragenen Streit erst Vorsitzender der Stiftung „Wissenschaft und Politik“ in München wurde, und seit 1989 zudem als Chefkorrespondent der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ tätig ist.

Die Liberalen

Der Haupt-Kritiker der Revisionisten war kein Historiker, sondern ein Soziologe und Philosoph: Jürgen Habermas. Bereits seit Mitte der 1970er Jahre wies er auf die sichtbar werdende „Tendenzwende“ hin. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Krisenbewußtseins gewann die Frage nach der „Identität“ der Deutschen zunehmend an Bedeutung. Den diesbezüglichen Aktivitäten der „Revisionisten“ stellte Habermas schließlich seine „Schadensabwicklung“ in der „ZEIT“ entgegen. Darin wandte er sich gegen die „apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“.
Gegen Nolte schrieb er: „Die Naziverbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der ‚asiatischen‘ Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht.“
Stürmer plädiere „für ein vereinheitlichtes Geschichtsbild, das anstelle der ins Private abgedrifteten religiösen Glaubensmächte Identität und gesellschaftliche Integration sichern kann.“ Das bezeichnete Habermas als „deutsch-national eingefärbte Natophilosophie.“ Wer den Deutschen die Schamröte über Auschwitz austreiben wolle, so Habermas, wer sie „zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzig verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen“. Kurz: „Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus.“ Stürmer wolle die Geschichte instrumentalisieren, und mit diesem Instrument ein nationales identitätsstiftendes Geschichtsbild fabrizieren.

Die Gruppe der Nolte-Kritiker wurde alsbald als „Liberale“, „Linker Flügel“ oder „Linksliberale“ bezeichnet. Zu ihnen gehörten Historiker, die die personenzentrierten Ansätze ihrer Gegner in Frage stellten und sich demgegenüber als Protagonisten einer Historischen Sozialwissenschaft begriffen. Sie erklärten Geschichte also vor allem aus den sozio-ökonomischer Strukturen. Geteilt wurde Habermas Kritik u.a. von den Historikern Hans Ulrich Wehler, Hans Mommsen, Wolfgang Mommsen, J. Kocka und dem bereits erwähnten Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein. Ihr gemeinsames Ziel war die die Verhinderung einer Geschichtsrevision der deutschen Vergangenheit, insbesondere der nationalsozialistischen Verbrechen.

Die zentrale Frage

Die Frage nach der Einzigartigkeit des Holocaust war ein zentralen Punkt des Historikerstreits. Das von Nolte in die Debatte gebrachte „Nicht-Vergehen“ der deutschen Vergangenheit führten die meisten Revisionisten darauf zurück, daß ein großer Teil der Bevölkerung die nationalsozialistische Judenvernichtung als eine geschichtliche Einzigartigkeit ansah und dieser Unabhängigkeit attestierte. Bis zum Ausbruch des „Historikerstreits“ war eine Relativierung des deutschen Faschismus daher undenkbar.
Dieses Undenkbare dachte Nolte, der in seinem FAZ-Artikel versuchte, den Holcaust gegen den damaligen politisch-moralischen Generalkonsens neu zu „bewerten“. Noltes erklärtes Ziel war es, dem Nationalsozialismus seinem Ausnahmecharakter zu nehmen. Auch in diesem Punkt fandt er wieder die Unterstützung des bereits erwähnten Joachim Fest. Dieser sah ebenfalls keinen prägnaten Unterschied, zwischen der Ausrottung einer gesamten Religionsgruppe und der Ausrottung einer gesamten sozialen Schicht. Auch die Tötungsart Vergasung oder Genickschuß rechtfertige keine unterschiedliche Gewichtung dieser Taten. Wenn die NS-Verbrechen im deutschen Geschichtsbewußtsein so präsent sind, so liegt das zum einen an der weniger guten Dokumentation der sowjetischen Verbrechen, zum anderen am Interesse der Verfolgten und deren Nachkommen an ihren Privilegien. Womit er vollständig die These Noltes vertrat.

Zu Recht entgegneten die Kritiker um Habermas, daß die Ideologien, die zum Völkermord führten, unterschiedlich zu bewerten seien. Während der Kommunismus einen großen humanitären Ideenbestand aufweise, war der Nationalsozialismus auf inferiorem, d.h. minderwertigem Gedankenmüll aufgebaut. Auch die Liquidierung einer ganzen sozialen Klasse sei in der kommunistischen Ideologie nicht zwangsläufig geplant gewesen.
Und völlig richtig stellte der Stuttgarter Hitler-Experte Eberhard Jäckel fest, „daß der nationalsozialistische Mord an den Juden deswegen so einzigartig war, weil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe […] möglichst restlos zu töten und diesen Beschluss mit allen nur möglichen staatlichen Mitteln in die Tat umsetze.“(4) Noch dazu, so Hans Mommsen, existierte das ideologische Konstrukt der Judenvernichtung bereits in konservativen rechten Kreisen, noch bevor irgendeine Bedrohung von Russland ausging.

Fazit

Der „Historikerstreit“, in dem die „Anti-Revisionisten“ eindeutig in der Mehrheit waren, erreichte eine sensibilisierte Öffentlichkeit und wirkte so einem neuen „nationalen“ Geschichtsbewußtsein entgegen. Daß die Revisionisten in ihren Bemühungen auch nach zwanzig Jahren nicht aufgegeben haben, das beweisen die Vortrags-Tourneen von Rößler, Jesse, Bahring und nun auch Stürmer durch die Gymnasien Deutschlands, wo sie weiterhin versuchen, „auf eine eher stille Weise“ die Deutungshoheit zu erringen.

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordneten Herbert Wehner charakterisierte ihre Intentionen wie folgt: „Das gemeinsame Ziel der Revision des Geschichtsbildes richtete viel Unheil an, verletzte Standards geschichtswissenschaftlicher Arbeit und schadete dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland.“

Klaus Wallmann sen.

Fußnoten:
1 Wehler, Hans- Ulrich: Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum „Historikerstreit“, München 1988, S.52
2 Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus, in: „Historikerstreit“, München 1987, S.24
3 Wehler, Hans- Ulrich: Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum „Historikerstreit“, München 1988, S.80 und S.209
4 ebenda, S.131

Verwandte Artikel