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ARCHIV 2003 – 2017

Chruschtschows „Geheimrede“ (3): „Der untaugliche Feldherr“

Trägheit, Beharrungskraft und ständige Wiederholung von steretypen Anschuldigungen, vorgegeben mit den „Thesen“ aus der Geheimrede Chruschtschows, hindern noch immer viele Menschen an der Erfassung und Rezipierung der historischen Persönlichkeit Stalins. Der Beginn der sogenannten Perestroika war zugleich der Beginn einer antistalinistischen Flut von groben und dummen, aber auch raffinierten und abgefeimten Lügen, die von den meisten Menschen nicht von der Wahrheit zu unterscheiden war.

Ginge es nach Chruschtschow, so nahm Stalin „den Globus und zeichnete auf ihm die Frontlinien an“. „Stalin war von einem Verständnis für die reale Situation an den Fronten weit entfernt.“ Stalin mischte sich unmittelbar „in den Verlauf der Operationen ein und gab Befehle, die häufig die wirkliche Lage an dem jeweiligen Frontabschnitt nicht berücksichtigten und nur zu gewaltigen Menschenverlusten führen mußten“. Das ist der Ursprung der Lüge, daß Stalin nicht als Militärführer und Feldherr angesehen werden könne, wobei angemerkt sei, daß Stalin auf diesen Begriff für sich persönlich verzichtete.

Selbst wer sich nur flüchtig mit der Biographie Stalins beschäftigt, kann sich davon überzeugen, welch hohen Stellenwert seine militärische Tätigkeit hatte.

So nahm er aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Sozialistischen Oktoberrevolution teil. Er war der Leiter des gewählten Zentralkomitee der SDRP(B), das das Parteizentrum für die Leitung des Aufstandes war.
Während des Bürgerkrieges und der ausländischen Intervention arbeitete er im Rat für die Arbeiter- und Bauern-Verteidigung, war Mitglied des Revolutionären Militärrates der Republik und Mitglied des Revolutionären Kriegsrates der Süd-, der West- und der Südwestfront. Er war einer der herausragenden Organisatoren der Verteidigung von Zarizyn, der Verteidigung von Petrograd und der Zerschlagung der Denikin-Truppen.
Stalin initiierte die Aufstellung der 1. Reiterarmee, an deren Spitze Budjonny, Woroschilow und Schalenko standen.
Er kämpfte gegen die polnischen Eroberer.
In enger Zusammenarbeit mit Lenin baute er die Rote Armee auf und festigte sie.

Die bürgerlichen „demokratischen“ Medien unterschlagen dies nur zu gern, und versuchen statt dessen zu vermitteln, daß der eigentliche Militärtheoretiker, Militärpraktiker und Schöpfer der Roten Armee dieser Zeit Trotzki gewesen ist. In den Jahren des Bürgerkrieges als auch danach stand Trotzki als Vorsitzender des Revolutionären Militärrats und Volkskommissars für Militärwesen wirklich lange Jahre an der Spitze der Roten Armee. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Bildung des Obersten Kommandostabes, wie auch bei der Beförderung von Kommandeuren und Kommissaren. All das findet sich auch in den bürgerlichen Medien, interessant ist daher, was sie zu unterschlagen suchen.

So wird bei der positiven Schilderung Trotzkis z.B. die Rolle Lenins, Stalins oder des Obersten Befehlshabers der Roten Armee Kamenew u. a. kaum gewürdigt.
Wenig Raum widmet man auch der Tatsache, daß in den vielen Jahren, die dem Überfall auf die Sowjetunion vorausgingen, mit Trotzki und seinen Anhängern ein erbitterter politischer Kampf über Grundfragen des Aufbaus der Roten Armee, der Sicherung der Verteidigungsfähigkeit des jungen Sowjetstaates, der Ausarbeitung einer neuen Militärdoktrin und einer neuen Kriegsstrategie geführt wurde – ein Kampf der prinzipiellen und letztendlich auch schicksalhaften Charakter trug.

Dabei vertraten Trotzki und seine Anhänger die Auffassung, daß es unter den Bedingungen der kapitalistischen Einkreisung nicht möglich sei, den Sozialismus aufzubauen und die Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion zu sichern. Das war nicht einfach nur Perspektivlosigkeit, das war erneut Kapitulantentum, den Trotzki schon Anfangs der 1920er Jahre an den Tag legte.
Dieser Auffassung traten Partei und Stalin entschieden entgegen. Sie nahmen die neue und sicher zunächst aussichtslos erscheinende Aufgabe in Angriff, die Rote Armee auf einer neuen technischen Grundlage aufzubauen. Wie die Geschichte bewiesen hat, schufen sie ein militärisches Instrument, mit dem die Sowjetunion den Aggressionen der imperialistischen Mächte und ihrer Koalitionen widerstehen konnte.

Kommen wir zurück zu Stalin und seine militärtheoretischen Kenntnisse. Er kannte die Arbeiten von Clausewitz, sowohl dessen Werk „Vom Kriege“ als auch das Werk „Das Jahr 1812“. Seine Aufzeichnungen belegen, daß er die Werke von Suworow, Napoleon, Dragomirow und Moltke, Arbeiten über die Kriegskunst von Engels und Mehring, die Arbeiten von Schaposchnikow und von Tarle gründlich studierte.
Bekannt waren ihm auch die Arbeiten einer ganzen Reihe von Lehrstuhlinhabern der Militärakademien, z.B. die in zwei Bänden vorliegende „Geschichte der Kriegskunst“ von Oberst Rasin.
Die Memoiren von Shukow, Wasilewskij,Rokossowskij, Konew, Bagramjan, Schtemenko, Ustinow und Jakowlew sowie vieler anderer bekannter Militärführer und Militärspezialisten liefern den eindeutigen Beweis dafür, daß alle diese Militärs vom umfangreichen und tiefgreifenden Wissen Stalins auf dem Gebiet der Militärstrategie und -taktik überzeugt waren. Er beeindruckte sie durch seine tiefgründigen und scharfsinnigen Analysen der konkreten militärischen Lage sowie durch die Exaktheit und Durchdachtheit seiner eigenen militärischen Aufgabenstellungen.

Marschall Wassilewskij: „Ich bin der Meinung, daß Stalin im Zeitraum der strategischen Offensiven der Sowjetischen Streitkräfte alle Grundeigenschaften eines sowjetischen Feldherren und Heerführers aufwies.“
Marschall Konew über Stalin: „Er verfügte über ein großes Wissen auf dem Gebiet der Strategie und Militärgeschichte, er bewertete die außenpolitische Situation, die Pläne und Gruppierungen des Gegners, den Zustand der Wirtschaft, die Möglichkeiten der Militärtechnik und Ausrüstung, den moralischen und den politischen Zustand der Truppen stets realistisch. Ein Charakterzug im Wirken Stalins war, daß er alle Lageumstände und Besonderheiten bei der Planung jeder Operation berücksichtigte.“

Im besonders schwierigen Jahr 1942 erschien der Befehl Nr. 227 vom 28. Juli 1942, der besser unter dem Namen „Keinen Schritt zurück!“ bekannt wurde, und den die bürgerlichen Demagogen stets als Beweis von Stalins besonderer Härte oder gar seiner Grausamkeit bezeichnen. Gnadenlos kann dieser Befehl jedoch nur den Menschen erscheinen, die vergessen, in welch harter Zeit er erlassen wurde. Jedem unvoreingenommenen Menschen ist dagegen klar, daß dieser Befehl eine Forderung des Vaterlandes war, dem Feind fortan kein Territorium mehr zu überlassen und dem Krieg eine entscheidende Wende zu verleihen.
Dazu war es nötig, mit allen Erscheinungen von Panik, Verantwortungslosigkeit und Schlamperei Schluß zu machen – nicht nur an der Front, sondern auch im Hinterland.
Sich erinnernd schreibt Armeegeneral Warennikow, damals noch ein junger Offizier: „Das ganze Land, die ganze Armee wartete damals sehnsüchtig auf diesen Befehl. In ihm war ein ganzes Programm mobilisierender Maßnahmen dargelegt.“
Und Marschall Wasilewskij hob entgegen manchen heutigen Behauptungen hervor, „daß dieser Befehl die Ehre des Sowjetpatrioten, des Verteidigers der Heimat nicht herabsetzte, sondern im Gegenteil emporhob.“

Auch in diesem Fall beweist die Geschichte die Richtigkeit der getroffenen Entscheidungen: Die sowjetischen Truppen brachten im Herbst 1942 den Angriff der faschistischen deutschen Armeen im Gebiet von Stalingrad und in den Vorgebirgen des Kaukasus zum Stehen. Sowohl an der Front als auch im Hinterland bewirkte der Befehl die Schaffung von Bedingungen, die entscheidend für die Wende des Krieges zugunsten der Sowjetunion war.

Ab dem Ende des Jahres 1942 wurden die Schlachtfelder von der Offensivstrategie der Roten Armee geprägt und beherrscht. Und wer sich intensiv mit den seit dieser Zeit stattgefundenen Feldzügen und strategischen Operationen beschäftigt, wird schnell feststellen, daß es in der politischen und militärischen Strategie der sowjetischen Führung und des Militärkommandos keine ernsthaften Fehler und schon gar keine Widersprüche und Rückschläge mehr gab. Stalin als Oberstem Befehlshaber der Sowjetischen Bewaffneten Organe, Volkskommissar für Verteidigung und Vorsitzender des Staatlichen Komitees für Verteidigung dafür jedes Verdienst abzusprechen, wie es Chruschtschow und nach ihm viele andere taten, ist mehr als böswillige Ignoranz.

Selbst in der Auswahl talentierter Militärs, ihrer Förderung und ihres Einsatzes ist Stalin Einfluß unleugbar. Leute wie Shukow, Wasilewskij, Rokossowskij, Konew, Watutin, Tschernjachow, Antonow, Merezkow, Jeremenko, Bagramjan, Kusnezow, Moskalenko und viele andere hervorragenden Militärführer wurden unter Stalins Führung zu großartigen Feldherren.
Es gibt dazu ein sehr bemerkenswertes Eingeständnis des deutschen Reichspropagandaministers Goebbels in dessen Tagebuch:
„Der Generalstab hat mir ein Buch mit Biographien und Fotografien sowjetischer Generäle und Marschälle übersandt. Aus diesem Buch kann man vieles herauslesen, was wir in den vergangenen Jahren zu tun versäumt haben. Die Generäle und Marschälle sind im Durchschnitt wesentlich jünger als die unsrigen, fast keiner von ihnen ist älter als fünfzig Jahre. Auf ihren Schultern liegt eine reiche politische und revolutionäre Erfahrung. Sie alle sind überzeugte Kommunisten und sehr energische Leute. An ihren Gesichtern kann man erkennen, daß sie aus gutem Holz geschnitzt sind. In den meisten Fällen handelt es sich um Söhne von Arbeitern, Schustern, Kleinbauern usw. Kurz gesagt, man kommt zu der bedauerlichen Überzeugung, daß die Kommandeursschicht der Sowjetunion aus einer besseren Klasse gebildet wurde, als unsere eigene … Ich berichtete dem Führer über das von mit durchgesehene Buch über die sowjetischen Marschälle und Generäle und fügte hinzu, daß wir mit einer solchen Auswahl von Kadern nicht konkurrieren können. Der Führer stimmte mir voll zu.“

Ich denke, die Bösartigkeit des zu Anfang erwähnten Satzes von Chruschtschow, nach dem Stalin den Krieg „mit einem Globus“ geleitet habe, ist erwiesen. Der Versuch, Stalin auch in militärischen Angelegenheiten als reinen Laien darzustellen, war damit jedoch nicht beendet. Man denke nur an die Thesen des Bürosessel-Generals und „Militärhistorikers“ Wolkogonow oder an den Schriftsteller Astawjew, der vom Jammerlappen Stalin sprach, den man dem russischen Volk zur Strafe für seine Sünden geschickt habe.

Doch die Wahrheit bleibt die Wahrheit, und so kommt man nicht darum herum, daß Stalin auch in militärischer Hinsicht eine herausragende Rolle spielte. Unter seiner Führung errang das sowjetische Volk einen Sieg von weltgeschichtlicher Bedeutung. Die spitzfindig gesuchten Fehler unterlaufen unvermeidlich auch Siegern. Sie nach dem Sieg in niederträchtiger Absicht in den Vordergrund spielen zu wollen, ist mehr als unredlich. Zumal es eine der Stärken Stalins war, Fehler schnell zu erkennen und dann zu korrigieren.

Klaus Wallmann sen.

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