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ARCHIV 2003 – 2017

Chruschtschows „Geheimrede“ (1): „Die Enthauptung der Roten Armee“

Er hat entweder ein Nichts zu sein oder schlichtweg etwas Schlechtes.

So wurde auf dem XX. Parteitag der KPdSU schlagartig und buchstäblich alles, was mit Stalins Namen zusammenhing über den Haufen geworfen, begann eine „Neubewertung“ Stalins, die ihn zum Diktator, Verbrecher und Despoten stempeln sollte.

Unter Umgehung des ZK und seines Präsidiums verfaßte Chruschtschow mit Hilfe von Pospelow und Schepilow sein Referat, das als „Geheimrede“ berühmt und berüchtigt werden sollte. Sein „Soloauftritt“ erfolgte genau genommen bereits außerhalb des Parteitages, denn die neuen zentralen Leitungsorgane waren schon gewählt und der Parteitag hatte damit seine Arbeit beendet. Da die Delegierten zu diesem Zeitpunkt ihre statutenmäßigen Vollmachten nicht mehr ausübten, kann man sie bestenfalls als passive Zuhörer eines Parteiaktivs werten.
Und auch die Bezeichnung „Geheimbericht“ entspricht wenig den Tatsachen, denn geheimgehalten wurde er nur vor dem sowjetischen Volk, nicht jedoch gegenüber den westlichen Imperialisten. Ein Schelm, der Arges dabei denkt – ein Narr, der es nicht tut.
So entstand die sogenannte „Linie des XX. Parteitages“, die so viel dazu beitrug, die kommunistische Bewegung weltweit zu untergraben.

Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen einen angeblichen, von Stalin geförderten Personenkult, stellte Chruschtschow in seinem broschierten Bericht voreingenommen ausgesuchte Fakten bruchstückartig zusammen, ohne dabei das Prinzip der konkreten historischen Analyse anzuwenden. Das konnte er auch nicht, denn dann wäre es ihm nicht möglich gewesen, dieses Elaborat zusammenzuschreiben. Dennoch wird es von Zeit zu Zeit zu neuen Attacken gegen Stalin benutzt, um die Autorität von Lenin und Marx, ihre Lehre, den Sowjetstaat und die sozialistische Gesellschaftsordnung zu diffamieren. Von Chruschtschow ausgehend über Breshnew und Gorbatschow wurde der Antistalinismus zur Hauptwaffe der Konterrevolution – eine antimarxistische, antileninistische, antisozialistische und antiproletarische Ideologie.

Die Geschichte des Verrats dieser Herren am Marxismus-Leninismus nach Stalins Tod ist bekannt. Unter Breschnew wurde die Sowjetunion zu einer sozialimperialistischen Großmacht, die z.B. Unterdrückungskriege in Afghanistan und Äthiopien führte. Gorbatschow beschritt den für die neue Bourgeoisie „effektiveren“ Weg des westlichen Kapitalismus, und ließ mit der Parole „Bereichert Euch!“ auch die letzten scheinmarxistischen Hüllen fallen. Heute gibt es wieder Hungersnöte in der ehemaligen Sowjetunion und Menschen erfrieren wie in schlimmsten Zarenzeiten.

Wenden wir uns nach dieser notwendigen Einleitung einem Thema der „Geheimrede“ zu, das unter der Überschrift „Die Enthauptung der Roten Armee“ kolportiert wird. Demnach vernichtete oder liquidierte Stalin 40.000 Kommandeure und Politkommissare, und das in einer Zeit als der Krieg vor der Tür stand. Chruschtschow selbst dazu:

„Sehr schwerwiegende Folgen, insbesondere für die Anfangsperiode des Krieges, hatte der Umstand, dass infolge des Misstrauens Stalins im Verlauf der Jahre 1937 bis 1941 auf der Basis verleumderischer Anklagen viele militärische Kommandeure und Politarbeiter liquidiert worden waren. Im Lauf dieser Jahre wurden mehrere Schichten von Führungskadern Repressalien ausgesetzt, angefangen bei der Kompanie- und Bataillonsebene bis hin zu allen höheren Militärzentren. Dabei wurde der Führungskader, der eine bestimmte Erfahrung bei der Kriegführung in Spanien und im Fernen Osten erworben hatte, nahezu völlig liquidiert.“
(Rede des Ersten Sekretärs des ZK der KPdSU, Gen. N. S. Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, 25. Februar 1956 – Erstmals veröffentlicht in: Iswestija ZK KPSS, 1989, Nr. 3, S. 128-170)

Dazu ist festzustellen, daß die Herren der psychologischen Kriegsführung den Begriff „liquidieren“ oder „vernichten“ auf jeden anwenden, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion in irgendeiner Form bestraft wurde. Darunter fällt sowohl eine Rüge der Komsomolorganisation oder eine kritische Bemerkung an der Wandzeitung, wie auch die Erschießung.
Aus derartigen „Statistiken“ leiteten verbohrte Antistalinisten mitunter Opferzahlen ab, die sogar die Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung übertrafen.

Was I.F. Mursin „die Vernichtung von 40.000 Kommandeuren und Politkommissaren von 1937-1940“ nennt, waren in Wirklichkeit 36.898 Entlassungen von Angehörigen des Offizierskorps, die aus verschiedenen Gründen erfolgten. Dazu gehörten Altersgründe, ein unzureichender Gesundheitszustand, Disziplinarverstöße, moralische Verfehlungen und natürlich auch mangelndes politisches Bewußtsein und fehlende politische Zuverlässigkeit. Verhaftet wurden insgesamt 9.579.

Den Beschwerden, Widersprüchen bzw. Einsprüchen ging eine eigens geschaffenen Kommission unter der Leitung von E.A. Schtschadenko nach, in deren Folge bis zum 01.05.1940 12.461 Kommandeure wieder eingestellt wurden, darunter 10.700 aus politischen Gründen vorher Entlassene. Bis zum 01.01.1941 stieg diese Zahl auf fast 15.000.
Mehr als 1.500 Offiziere wurden aus der Haft entlassen. Zum Tod durch Erschießen wurden 70 Personen verurteilt.
All diese Angaben könnten die Apologeten der „Enthauptungs-These“ natürlich dem „Militärkader des Sowjetstaates im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“ (Moskau 1951) entnehmen – warum sie es nicht tun, wird wohl immer ihr Geheimnis bleiben.

Stalin kommentierte diese Vorgänge, die unter Leitung Woroschilows abliefen, folgendermaßen:
„Man kann den Genossen Woroschilow natürlich verstehen. Der Verlust der Wachsamkeit ist eine äußerst gefährliche Sache. Um einen erfolgreichen Angriff an der Front durchzuführen, sind Hundertausende von Soldaten erforderlich, um ihn aber zum Scheitern zu bringen, genügen 2-3 Verräterschweine im Generalstab. Das hat aber nicht die Entlassung von 40.000 Kommandeuren der bewaffneten Organe gerechtfertigt, – das war nicht nur eine außergewöhnliche, sondern auch eine in jeder Beziehung äußerst schädliche Maßnahme. Das Zentralkomitee hat das Vorgehen des Genossen Woroschilow korrigiert.“

Nach Stalins eigenen Worten ergibt sich auch folgendes:
„Im Jahre 1938 waren nach den Paragraphen über konterrevolutionäre Verbrechen von den Organen des NKWD 52.372 Personen verhaftet. Bei der Durchführung der Gerichtsverfahren wurden von den Justizorganen 2.731 Personen verurteilt, davon 89 zum Tode durch Erschießen. 49.641 Verhaftete und Angeklagte wurden freigesprochen. Eine so hohe Zahl von Freisprüchen hat bestätigt, daß der ehemalige Volkskommissar des Inneren Genosse Jeschow viele Menschen ohne hinreichende Gründe verhaften ließ. Hinter den Rücken des ZK gab es Willkür.“
(Stalin, Gesammelte Werke, Band 15, Seite 32)

Bemerkenswert die genannten Zahlen im Vergleich mit den Horrorzahlen des „Stalinschen Terrorregimes“. Bemerkenswert auch, daß Stalin in seiner Kritik an Jeschow, die er vor Kadern der Sicherheits- und Justizorgane übte, diesem nicht Massenmorde sondern die hohe Anzahl unbegründeter Verhaftungen vorwarf. Und genau dies war nach Aussagen von Zeitzeugen in den Jahren 1938-1940 das eigentliche Thema bei Repressionen – nicht die vielen angeblich unschuldig zum Tode Verurteilten.

Dennoch ist es ein historischer Fakt, daß zur damaligen Zeit und in der konketen Situation das Hinterland für einen nicht mehr auszuschließenden Krieg gestärkt werden mußte. Wenn Hitler auf einer Beratung gegen Ende des Krieges zur Rechtfertigung seiner Niederlage an der „Ostfront“ feststellte, „daß eine ihrer Hauptursachen darin bestand, daß Stalin 1937 seine 5. Kolonne in Rußland erschießen ließ“, so gibt das den wahren Sachverhalt zwar nur sehr verkürzt wieder, bestätigt aber im Nachhinein die prinzipielle Notwendigkeit der durchgeführten Maßnahmen in der sowjetischen Armee.
(W.I. Nedaschkowskij/E.D. Ojaperw: „Wahrheit und nur eine Wahrheit“, vor der wir uns verneigen!, Dnepropetrowsk 1997, Seite 108)

Daß diese bis in höchste Militärkreise notwendig waren, das bewies der so oft „beklagte“ Marschall M.N. Tuchatschewski.
Dokumentarisch belegt ist seine folgende Äußerung gegenüber dem rumänischen Außenminister Titulescu, die er 1936 bei seiner Rückkehr von den Trauerfeierlichkeiten anläßlich der Beerdigung des englischen Königs Georg V. in Paris machte:
„Vergeblich, Herr Minister, verbinden Sie Ihre Karriere und das Schicksal Ihres Landes mit dem Schicksal solcher alten am Ende befindlichen Staaten wie Großbritannien und Frankreich. Wir müssen uns auf das neue Deutschland orientieren. Deutschland dürfte schon in kurzer Zeit Hegemonialmacht in Europa sein. Ich bin überzeugt, dass Hitler die Rettung für uns alle bedeutet“.
(„Sowjetskaja Rossija“ vom 03.07.1997)
Aufgezeichnet wurde diese Äußerung auch vom ebenfalls anwesenden Diplomaten und Chef des Pressedienstes der Pariser rumänischen Botschaft, E. Schachanan Esseze, sowie von der politischen Schriftstellerin Genevieve Tabouis.

Stalin wäre der erbärmliche Dummkopf gewesen, als den man ihn bei passender Gelegenheit ebenfalls gern hinstellt, wenn er nicht bemerkt hätte, auf welchen Wegen der „hervorragende Heerführer des Bürgerkrieges“ – der er ja wirklich einst war – da wandelte.

Neben Tuchatschewski wurden am 12. Juni 1937 weitere sieben Generale als überführte Landesverräter zum Tode verurteilt und erschossen. Die sowjetfeindliche ausländische Gerüchte- und Propagandaküche verstieg sich anschließend bis zum Aufstand der Roten Armee gegen die Sowjetregierung. Doch auch unparteiische Beobachter waren tief beunruhigt, wobei man bedenken muß, daß das Wesen und die Taktik der „Fünften Kolonne“ damals noch nicht bekannt war. Selbst der amerikanische Botschafter in Moskau, Joseph E. Davies, erklärte am 04.07.1937 gegenüber dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Litwinow: „Meiner Ansicht nach haben diese Vorgänge den Glauben Frankreichs und Englands an die Widerstandskraft der UdSSR Hitler gegenüber erschüttert!“
Die Antwort Litwinows war offen und logisch. Die sowjetische Regierung war gezwungen sich Gewißheit zu verschaffen, daß es bei Ausbruch des unvermeidlichen Krieges auf sowjetischem Boden keinen Verräter mehr gebe, der mit Berlin oder Tokio zusammenarbeiten könne. „Eines Tages“, so Litwinow, „wird die Welt begreifen, daß wir unsere Regierung vor dem drohenden Verrat schützen mußten … Wir leisten der ganzen Welt einen Dienst, indem wir uns gegen die Bedrohung durch Hitler und die nazistische Weltherrschaft verteidigen und die Sowjetunion als Bollwerk gegen die nazistische Aggression intakt erhalten.“

Wenn der amerikanische General Douglas Mac Arthur am 23.02.1942 vor seinen Landsleuten feststellte: „In der gegenwärtigen Weltlage stützen sich alle Hoffnungen der Zivilisation auf die ruhmvollen Banner der tapferen Roten Armee“, so bestätigte er damit die von Litwinow geäußerte Vorhersage.

Was die von Chruschtschow hervorgehobenen Spanien-Kämpfer unter den Militärkadern angeht, so wurden diese natürlich nicht bestraft, weil sich Stalin an ihnen als Veteranen des Spanienkrieges störte. Unter ihnen gab es Menschen wie N.G. Kusnezow, dessen Kriegsflotte den ersten faschistischen Angriff abwehrte. Es gab aber auch führende Militärs wie Smuschkewitsch – im spanischen Bürgerkrieg als General Douglas bekannt – die durch ihr Verhalten militärische Erfolge der Nazis zuließen. Ihr Verrat am ganzen Sowjetvolk mußte bestraft werden.

Lassen Sie mich zum Schluß noch einmal auf den Fall Tuchatschewski zurückkommen. Im Zusammenhang mit seinem geplanten Militärputsch schrieb sein Mitverschwörer Krestinski in einem Brief an Trotzki: „Es wird notwendig sein, die wahren Ziele des Putsches zu verschweigen. Wir werden der Bevölkerung, der Armee und dem Ausland eine Erklärung geben müssen … vor allem wird es angezeigt sein, in unseren Bekanntmachungen an die Bevölkerung nicht zu erwähnen, daß wir mit unserem Putsch die Beseitigung der bestehenden sozialistischen Ordnung beabsichtigen … wir (sollten) uns als sowjetische Rebellen gebärden, die eine schlechte Sowjetregierung stürzen und eine gute Sowjetregierung an ihre Stelle setzen wollen …“

Es ist nicht verwunderlich, daß Chruschtschow, Breshnew, Gorbatschow und Co. sich genau an diese politische Taktik, die Taktik von Verrätern hielten.

Klaus Wallmann sen.

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