„Unser Papst“, als Joseph Alois Ratzinger geboren, erwählte den Namen „Benedikt“ zu seinem Papstnamen. Als Benedikt XVI. wird er also in die Geschichte eingehen. Zur Begründung seiner Namenswahl wies er explizit auf den heiligen Benedikt von Nursia, den Begründer des christlichen Mönchtums im Westen, und auf Papst Benedikt XV. hin. Das sind also gewissermaßen seine Vorbilder, denen er nacheifern möchte.
In der bekannten, per Internet allen zugänglichen Wikipedia wird Benedikt XV., der von 1914 bis 1922 das Oberhaupt der katholischen Kirche war, als „Friedenspapst“ dargestellt, „der während des Ersten Weltkrieges zum Frieden ermahnt hatte“. Persönlich stand er „eher auf Seiten Frankreichs“, „aber in seinen Positionen“ wahrte er „strikte Neutralität“.
Die Autoren dieses Wikipedia-Artikels haben umfangreich recherchiert, zitieren Rundschreiben, Friedensnoten und die Exhortatio (lat. „Ermunterung“) vom 28. Juli 1915, doch aus seiner Enzyklika „Ad beatissimi Apostolorum principis“ vom 1. November 1914 zitieren sie leider nicht. Es gibt zwar einen Verweis auf dieses erste Rundschreiben, doch auch dort wird der Inhalt lediglich möglichst „neutral“ zusammengefaßt. Dabei ist gerade diese Enzyklika von Interesse, wenn man wissen möchte, wie neutral dieser Papst wirklich war, wessen Interessen er vertrat.
In dieser Enzyklika verurteilt Benedikt XV. die Erscheinungen, die seiner Meinung nach den 1. Weltkrieg verursacht hatten. Zum einen ist das die Nichtbeachtung der christlichen Weisheit, und zum anderen – damit in Zusammenhang stehend – der allgemeine Verlust an Autorität. Dies sei die Folge der modernen Lehre über den Ursprung staatlicher Gewalt. Die Auffassung, die Autorität habe ihren Ursprung im freien Willen der Menschen und sei somit nicht von Gott, erklärte er als falsch. Aus dieser falschen Auffassung entstehe die Verachtung aller Gesetze und Autoritäten, entstehe die Kritik an der Ordnung und das Verbrechen am Eigentum.
Benedikt XV. sah es als seine Verpflichtung, daran zu erinnern, „daß jegliche Gewalt von Gott ist und das die bestehenden Gewalten von Gott auserwählt“ seien. Diesen Gewalten müsse jeder gewissenhaft gehorchen, es sei denn, die Autoritäten werden gegen die Gesetze Gottes und seine Kirche mißbraucht. Die Interessenlage des politischen Katholizismus dürfte damit klar sein.
Aus dem Fehlen der gegenseitigen Liebe und der bindenden Anerkennung der über allen stehenden Autorität erklärte sich Benedikt XV. die Spaltung der Gesellschaft in antagonistische Klassen. Deshalb sei die Bevölkerung jeder Nation in zwei Lager gespalten, „als handele es sich um feindliche Armeen, die sich unablässig und bitter bekämpfen; auf der einen Seite die Eigentümer, auf der anderen Seite das Proletariat, die Arbeiter“.
Das Proletariat, so Benedikt XV., solle sich doch nicht von Gefühlen des Hasses leiten lassen und die Wohlhabenden nicht beneiden, denn sonst, so der katholische Agitator, würde es eine leichte Beute der Agitatoren. Denn, so sein „Argument“, „die Tatsache, daß die Menschen von Natur gleich sind, bedeutet nicht, daß sie alle den gleichen Rang in der Gesellschaft einnehmen müssen“. Die Armen sollten die Reichen nicht als Diebe betrachten und sich nicht gegen sie erheben. Täten sie das, so wären sie nicht nur ungerecht und unbarmherzig, es wäre auch unvernünftig. Die Folgen des Klassenhasses beschreibt der Papst als schrecklich, und Streiks könne man nur bedauern, desorganisieren sie doch das gesamte nationale Leben. Und er verweist auf Papst Leo XIII., der bereits die Irrtümer des Sozialismus aufgedeckt habe.
Die Bischöfe fordert Benedikt XV. in dieser Enzyklika auf, brüderliche Liebe zu predigen. Diese könne zwar niemals „die unterschiedlichen Bedingungen und damit die Klassen beseitigen, aber sie kann zuwege bringen, daß jene, die höhere Positionen einnehmen, sich in gewisser Weise zu den in niedrigeren Positionen herablassen und sie nicht nur gerecht …, sondern auch freundlich und in einem geduldigen und freundlichen Geist behandeln. Die Armen werden dann am Reichtum der Reichen Freude haben und sich vertrauensvoll auf ihre Hilfe verlassen.“
Die Armen, so belehrt der Papst, die den schädlichen, gottlosen Lehren der Agitatoren erliegen, wünschten Reichtum. Da dieser jedoch nicht gleichmäßig verteilt sei und der Staat der Wegnahme des Reichtums Grenzen setze, hassen die Armen den Staat. „Auf diese Weise nimmt der Kampf einer Klasse von Staatsbürgern gegen eine andere seinen Fortgang, wobei der eine Teil mit allen Mitteln zu bekommen versucht und sich nehmen will, was er wünscht, während der andere darauf besteht, zu behalten und zu vermehren, was er besitzt.“
Die sozialen Unruhen am Vorabend des 1. Weltkrieges veranlaßten den Vatikan, sich mit der Frage der Autorität und der des Klassenkampfes zu beschäftigen. Strikte Neutralität legte Benedikt XV. dabei offensichtlich nicht an den Tag. Er stand auf der Seite der herrschenden Klasse, auf der der Katholizismus immer stand.
Seine „Ratschläge“ und Parolen – wie Stärkung der Autorität, blinder Gehorsam, Kampf gegen alle Theorien des Klassenkampfes – verhallten, wie wir wissen, nicht ungehört. Sie gehörten nur wenige Jahre später zum ideologischen Arsenal der faschistischen Parteien. Und als im Ergebnis des 1. Weltkrieges der bis dahin nur theoretisch existierende Sozialismus in Rußland zur realen und drängenden Gefahr für die herrschende Klasse wurde, da berief sich der politische Katholizismus gern auf die Erklärungen Benedikts, und hetzte gegen die Kräfte, die nach Meinung der katholischen Kirche an den Unruhen überall auf der Welt schuld waren.
Soviel zu einem der Vorbilder des derzeitigen „deutschen“ Papstes.
Noch zwei Anmerkungen:
Der unmittelbarer Nachfolger Benedikts XV. – Pius XI. – hatte in seiner Antritts-Enzyklika „Ubi Arcana Dei“ (1922) übrigens nichts eiligeres zu tun, als die Demokratie zu verurteilen. In den Schuhen seines Vorgängers stehend, kam er damit den faschistischen Diktatoren zuvor.
Benedikt XVI. – also „unser“ Papst – „stellte sich 2005 bewusst in die Tradition des Friedenspapstes Benedikt XV.“, heißt es in der Wikipedia. Doch nur den angeblichen „Friedenspapst“ und nicht zugleich auch den religiös verbrämten Apologeten des kapitalistischen Systems zu zeigen, das wirft ein bezeichnendes Licht auf den wirklichen Charakter der Wikipedia. Nach eigenem Verständnis will sie „keine Propagandaküche“ sein und ihre „Artikel sollten einen neutralen Standpunkt einnehmen“. Doch auch hier gilt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Klaus Wallmann sen.
Quellen: http://de.wikipedia.org; Avro Manhattan, Der Vatikan und das XX. Jahrhundert, Verlag Volk und Welt, Berlin, 1950