Randzone

ARCHIV 2003 – 2017

Aus dem Abfallhaufen historischer Legenden

Eine weitere antikommunistische Lügengeschichte*

Beim „Spiegel“ „peitschen“ in der „Blutnacht von Jekaterinburg“ – dem 17. Juli 1918 – Schüsse durch „den Keller“, und „Schreckensschreie hallen von den Wänden des Verlieses wider“, als der russische Zar Nikolai II. „und seine gesamte Familie“ samt vier Bediensteten „Opfer des Massakers“ wurden, das die Bolschewiken an ihnen verübte.

Der „Stern“ weiß zu berichten, daß das Massaker an Nikolai II., dessen Gattin Alexandra Fjodorowna, die Töchter Olga, Tajana, Maria, Anastasia, Alexej und eben die vier Angestellten „20 Minuten“ dauerte. Anschließen wurden „die elf Leichen in einen Bergwerksschacht“ geworfen. In der folgenden Nacht wurden sie geborgen, tiefer im Wald mit Benzin übergossen und verbrannt. Die Asche vergub man. „Die sterblichen Überreste der anderen Erschossenen“ legten die Bolschewiken „in eine Lehmgrube und übergossen sie mit Schwefelsäure“. Ein Lastwagen fuhr mehrmals über das Grab, das „schließlich mit Baumstämmen“ abgedeckt wurde.

Nachdem zarentreue Truppen Jekaterinburg eingenommen hatten, bekam „schon bald“ der Beamte Nikolai Sokolow den Auftrag, die Zarenfamilie zu finden. Er fand den Bergwerksschacht, „zahlreiche persönliche Gegenstände der Zarenfamilie, Revolverkugeln, Knochenstücke und Asche“, und schloß daraus, daß die Familie erschossen und verbrannt wurde. Die Fundstücke brachte er ins Ausland. 1924 veröffentlichte er in Paris seinen Untersuchungsbericht.

Laut „Welt“ wurde die russische Zarenfamilie nicht nur erschossen und deren Leichen verbrannt, sie wurden vorher auch noch „zerstückelt“. Auch hier fallen elf Menschen den brutalen Bolschewiken zum Opfer. Die Leichen wurden – nachdem man sie geplündert hat – „auf eine Waldlichtung beim Dorf Koptjaki geschafft, zerstückelt und verbrannt“. Im Bericht der „Welt“ übergießt man die Gesichter „zusätzlich mit Schwefelsäure“.

Laut „Süddeutsche Zeitung“ tötete ein „Mordkommando“ in einem „Kellerraum“ zunächst „den Zaren, dann dessen Frau, die fünf Zarenkinder, den Leibarzt und drei Bedienstete“ – natürlich „auf Lenins Befehl“. (Für diesen gibt es jedoch keinen Beweis. In einem Interview erklärte Sergej Mironenko, Leiter des russischen Staatsarchivs, dazu: „Alle fordern: Geben Sie das Telegramm Lenins her. Es gibt aber keins – zu 99,9 Prozent zumindest.“) Die Leichen wurden in ein Waldstück gebracht, zwei mit Säure übergossen und angezündet. Da dies aber zu zeitaufwändig war, wurden die anderen Leichen einfach verscharrt.

Auch das ARTE Journal verbreitet die Geschichte von der Erschießung Niklaus II., seiner Frau und fünf seiner Kinder am 17. Juli 1918 in einem „Keller“ in Ekaterinburg.

Natürlich muß auch das Staatsfernsehen ZDF in diesen Chor einstimmen – Gleichschaltung ist heutzutage nicht mehr nötig. Laut „TerraX“-Sendung „wurden die Gefangenen in den Keller geführt … Kurz nach Mitternacht: Hastig verließt Jurowskij ein fingiertes Todesurteil – im Namen der Revolution und des Volkes. Dann stürmt das Exekutionskommando herein und eröffnet sofort das Feuer. Die sterblichen Überreste der Opfer werden verscharrt …“ Für das Staatsfernsehen „erscheint es sicher“, daß der Exekutionsbefehl „von der Führung in Moskau gekommen ist – das heißt letztlich von Lenin“.

„3sat Kulturzeit“ in diesem Jahr: „Bolschewistische Revolutionäre ermordeten den letzten Zaren Nikolaus II. und dessen Familie … in der Nacht zum 17. Juli 1918.“ Ort des Geschehens: Der „Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg“. „Zwanzig lange Minuten dauert das Blutbad.“

Gehen wir nun ein paar Jahre zurück.

Bereits 1978 vermeldete die „Zeit“ (DIE ZEIT Archiv, Jahrgang: 1978, Ausgabe: 14, 31. März 1978), daß „diese gesichert erscheinende Grundtatsache des Familienmordes“ sich „auf dem Abfallhaufen historischer Legenden“ wiederfindet, nachdem zwei britische Journalisten des staatlichen britischen Rundfunksenders BBC – Antony Summers und Tom Mangold – 1976 ihr Buch „Die Zarenakte“ veröffentlicht hatten. Unter dem Titel „Der Zarenmord. Das Ende der Romanows“ lag es seit 1977 auch in deutscher Sprache vor. (Antony Summers, Tom Mangold: Der Zarenmord. Das Ende der Romanows; Bertelsmann Verlag, München 1977; 399 S.)

Summers und Mangold entdeckten in der Harvard-Universität die siebenbändigen Zeugenprotokolle des bereits oben erwähnten weißrussischen Untersuchungsbeamten Sokolow, der auf deren Grundlage dieser 1924 in Paris ein Buch verfaßte, das zur Grundlage der diesbezüglichen bürgerlichen Geschichtsschreibung wurde. „Eine fast geglückte Fälschung“, resümierten die Journalisten nach der Prüfung der Unterlagen. Diese ergab, daß Sokolow alles „unberücksichtigt gelassen hat, was gegen den Kollektivmord in der Villa sprach“. Eindeutig geht aus diesen Protokollen hervor, daß die ehemalige Zarin sowie ihre vier Töchter noch Ende 1918 in Perm inhaftiert waren. Dafür spricht auch die Tatsache, daß die russische Regierung noch im Herbst dieses Jahres mit Deutschland über einen Austausch der Romanows gegen die inhaftierten Kommunisten Jogiches und Liebknecht verhandelten.

Die Enthüllungen des Buches sorgten damals weltweit für ein großes Medienecho, enthüllte es doch eine Lehrmeinung des Antikommunismus als Fälschung. Genau aus diesem Grund wird dieses Buch heute totgeschwiegen und ist nur noch antiquarisch zu bekommen. Statt dessen findet das Gemetzel, das Massaker im „Keller“ des Ipatjew-Hauses – das es nach den Recherchen der beiden BBC-Journalisten nie gegeben hat – in den Spalten der bürgerlichen Medien weiterhin statt. Alle oben angegebenen Stellen aus Spiegel, Stern, Welt etc. entstammen Beiträgen, die nach dem Erscheinen des Buches, nach dem Bericht in der „Zeit“ veröffentlicht wurden. Es ist kaum anzunehmen, daß die Mitarbeiter dieser „Qualitätsmedien“ diesen Bericht und das Buch nicht kennen.

Doch auch die Macher der „Zeit“ haben ihren eigenen Artikel „vergessen“. 1992 heißt es dort schon wieder: „Der Mord an der Zarenfamilie am 17. Juli 1918 durch Bolschewikij in Jekaterinburg wird heute kaum noch bestritten.“ 1993 kann man dort lesen: „Zwölf Personen, darunter der letzte russische Zar Nikolaj II., seine Frau und fünf Kinder sowie enge Bedienstete der Familie, waren im sibirischen Ekaterinburg von einem bolschewistischen Kommando erschossen worden.“ Und 1998 schilderte man noch einmal das Gemetzel, in dessen Verlauf Nikolaus II., seine Frau Alexandra, der Sohn Alexej, die Töchter Anastasija, Tatjana, Maria und Olga „im Kugelhagel zusammenbrachen“.

Wie soll man eine Zeitung nennen, die so etwas schreibt, obwohl sie es besser weiß?

Mangold und Summers darf man auch als guter Staatsbürger vertrauen, stehen doch beide in keinerlei Verdacht, irgendwelche linken Sympathien zu hegen. Ihr gut recherchiertes und sachlich geschriebenes Buch deutet eher darauf hin, daß sie es im Gegensatz zu den vorher genannten Journalisten mit ihrer Berufsehre durchaus ernst nahmen.

Sie entlarven den monarchistischen Staatsanwalt Sokolow, der von seinem weißgardistischen Vorgesetzten General Dieterichs zur Untersuchung des Verschwindens der Zarenfamilie eingesetzt wurde, als einen Fälscher. Er wurde eingesetzt, nachdem zwei zuvor beauftragte Untersuchungsbeamte nicht die gewünschten Ergebnisse vorweisen konnten. „Es lag klar im Interesse der ‚Weißen‘, zu behaupten, daß die gesamte Familie im Haus Ipatjew getötet worden war. Als Propaganda diente das dem doppelten Zweck, die Bolschewiki als verderbte Mörder von hilflosen Frauen und Kindern zu entlarven und gleichzeitig die Romanows in den Rang von Märtyrern zu erheben“, so Mangold und Summers (S. 98 – die Seitenzahlen beziehen sich auf die Buch-Ausgabe des Bastei-Lübbe Verlags von 1979). So erklärte Sokolow Gerüchte zu Tatsachen, genauso wie Zeugenaussagen, die unter der Folter entstanden. Der Leiter der Außenwache Pawel Medwedew bezeugte so zwar, daß er das Massaker mit eigenen Augen angesehen habe (S.123 ff). Doch der einzige Kronzeuge Sokolows verstarb bei den Verhören (S.133).

In diesem Stil verliefen die weiteren Untersuchungen Sokolows. Obwohl das damals gar nicht möglich war, identifizierte er Blutspritzer im „Keller“ – der in Wirklichkeit kein Keller war – als Blut der Zarin bzw. als Blut einer der Großfürstinnen. Zwei Einschußlöcher im Fußboden ordnete er den Geschossen zu, die den Zarewitsch getötet hätten (S.146). Alles, was der erwünschten These widersprach, ließ Sokolow bewußt unberücksichtigt. Und das waren nicht nur Indizien. Dazu gehört z.B. der Bericht von Terentji Tschemodurow, einem Diener des Zaren, auf dem ein Artikel von Carl Ackerman, einem renommierten Journalisten der „New York Times“, beruht. Danach wurde der Zar am 15. Juli 1918 aus dem Haus in Jekaterinburg gebracht und vor ein Standgericht des regionalen Sowjets gestellt. Dieses verurteilte ihn zum Tode (S.355). Genau dies berichtete damals auch die Parteizeitung „Prawda“ – doch wer glaubt schon diesem Bolschewisten-Blatt.

Die ehemalige Zarin und ihre Kinder wurden laut Tschemodurow am folgenden Tag mit unbekanntem Ziel fortgebracht. Laut verschiedenen Aussagen, darunter die des damaligen stellvertretenden britischen Konsuls Arthur Thomas, brachte man sie nach Perm. Auch für diesem Aufenthalt gab es Aussagen von Augenzeugen (S.372), genauso wie für mindestens einen Fluchtversuch der Romanow-Tochter Anastasia (auf den auch „Die Zeit“ hinweist). Nachdem der mit Deutschland verhandelte Austausch der Romanows aufgrund der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts obsolet wurde, verlieren sich die Spuren der Romanows. Es ist unbekannt, was aus ihnen wurde.

Spätere Knochenfunde wurden mehrfach untersucht. So z.B. 1994 im Engelhardt-Institut für Molekularbiologie in Moskau von Pavel Ivanow. Dieser kam zu dem Ergebnis, daß die Gebeine nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 700 zu 1 nicht von der Zarenfamilie stammen. Alec Knight von der Stanford-Universität und seine Kollegen erklärten im Fachmagazin „Annals of Human Biology“, daß die DNA-Tests Ivanows völlig mangelhaft gewesen seien, so daß es fraglich sei, ob die Gebeine wirklich von der Zarenfamilie stammten. Ivanow bezeichnete die Vorwürfe als „Nonsens“. (wissenschaft.de, 04.02.2004)

Um ein größtmögliches Maß an „Neutralität“ zu gewährleisten wurden spätere Untersuchungen an der Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Innsbruck, an einem Institut der US-Armee im Bundesstaat Maryland und an einer Forschungseinrichtung in Glasgow durchgeführt. Der Innsbrucker Projektleiter, der Molekularbiologen Walther Parson, verwies zwar auf den schlechten Zustand der nur fingernagelgroßen Gewebeproben, die noch dazu Brandmale aufwiesen (ORF, 16.07.08), teilte der Öffentlichkeit aber mit, daß die Ergebnisse trotzdem eindeutig seien.

Nachdem die Geschichtklitterung des Herrn Sokolow in unseren Medien alljährliche fröhliche Urständ feiert, möge man es mir verzeihen, daß ich der „Neutralität“ dieser Untersuchungen nicht vertrauen kann. An der massiven Geschichtsfälschung auf der Grundlage des Sokolowschen Dossiers ändern sie ohnehin nichts, und sie ändern auch nichts daran, daß die bürgerlichen Medien trotz der Gegenbeweise an der antikommunistisch motivierten Geschichtsfälschung festhalten. Der bereits erwähnte Sergej Mironenko, Leiter des russischen Staatsarchivs, ist stolz darauf, daß er und seine Kollegen „zur Wahrheitsfindung einiges beigetragen“ hätten. Zum einen wiederholt er dabei die Geschichte des verbrecherischen Mordes an der Zarenfamilie, zum anderen entschlüpft ihm die Anmerkung, daß es noch zu klären sei, „wie aber die Familie starb und die Leichen versteckt wurden“.

„Hingerichtet – heilig gesprochen – rehabilitiert“ titelt 2010 das ARTE Journal. Das Oberste Gericht Russlands hatte den Zaren und seine Familie rehabilitiert, der russische Präsident Jelzin verneigte sich vor ihr.

Russland ist heute ein kapitalistisches Land. Und das macht den Antikommunismus, wie die daraus resultierende Geschichtsschreibung nur allzu verständlich. In allen kapitalistischen Ländern wühlen die Herrschenden weiter im „Abfallhaufen historischer Legenden“.

Klaus Wallmann sen.

 

Verwandte Artikel