Der Hauptschuldige am Ausbruch der Krieges 1941 war Stalin – so heißt es in interessierten Kreisen.
Die Hauptanschuldigungen sind zum einen das vollkommene Unvorbereitetsein der UdSSR auf den Krieg, und zum anderen die Behauptung, daß die UdSSR der eigentliche Aggressor war, der Deutschland angreifen wollte (Resun-Suworow). Daß sich beide Anschuldigungen gegenseitig ausschließen, dürfte auch dem Dümmsten klar sein.
Nachdem Chruschtschow in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag erklärte:
„Wenn unsere Industrie rechtzeitig und ausreichend zur Versorgung der Armee mit Waffen und nötigem Gerät mobilisiert worden wäre, dann hätten wir unermeßlich weniger Opfer in diesem Krieg davongetragen. Eine solche Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig vorgenommen …“, wurde die erste Anschuldigung lange und nachhaltig in das gesellschaftliche Bewußtsein gehämmert.
Die historischen Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache, auch wenn ihre Wertung immer auch einem subjektiven Einfluß unterliegt. Ich gehe davon aus, daß die sowjetischen 5-Jahres-Pläne unter Berücksichtigung der maximalen Ausnutzung aller Ressourcen aufgestellt, und unter Einsatz aller Kräfte realisiert wurden. Wie sonst wäre die Um- und Ausrüstung der Roten Armee mit der modernsten Kampftechnik möglich gewesen, wie sonst hätte man neue Arten mechanisierter und technischer Truppenteile aufstellen können?
Von Januar 1939 bis Juni 1941 erhielt die Rote Armee von der „nicht mobilisierten Industrie“ ca. 18.000 Kampfflugzeuge, davon 2.700 der neuesten Typen, über 7.000 Panzer, davon etwa 1.900 KW und T34. Zwischen 1940 und 1941 wurde die Bewaffnung und Ausrüstung um das Anderthalbfache und die Ausstattung mit Munition um das Dreifache erhöht. Nur wenn man dies außer Betracht läßt, kann man zu solchen Anschuldigungen kommen.
Daß es der Sowjetunion aus Mangel an Zeit nicht gelang, die Armee vollständig mit neuer Ausrüstung und Technik auszustatten, die Grenzregionen weiter zu befestigen oder neue Luftwaffengeschwader zu schaffen – was zur Abwehr des sich abzeichnenden Angriffs des faschistischen Aggressors eindeutig erforderlich war – ist eine ganz andere Sache. Aus diesem Aspekt erklärt sich zum großen Teil der für die Sowjetunion nicht erfolgreiche Beginn des Krieges, doch die Pläne der deutschen Blitzkriegs-Strategen wären nicht schon kurz nach Kriegsbeginn gescheitert, wenn Chruschtschow mit seiner Behauptung der „nicht mobilisierten Industrie“ Recht hätte.
Kommen wir zur Behauptung, daß die Rote Armee sich auf einen vorbeugenden Schlag gegen Deutschland vorbereitet haben soll, einer Behauptung, die der „absolut fehlenden Vorbereitung der Roten Armee“ zur Abwehr der faschistischen Aggression in krassem Widerspruch gegenübersteht. Trotzdem haben beide Lügen große Verbreitung gefunden.
Die historischen Dokumente zeigen, daß sich die UdSSR weder für den 5. Mai noch für den 15. Mai 1941 – wie Resun-Suworow behauptet, der damit den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion rechtfertigen will – auf irgendwelche aggressive Handlungen gegen Deutschland vorbereitet hat. Im Gegenteil. Der damalige Volkskommissar für Verteidigung Timoschenko erteilte in diesem Zeitraum allen westlichen Wehrbezirken die Aufgabe, Verteidigungspläne(!) für die Westgrenzen der UdSSR auszuarbeiten.
Und als der Leiter der persönlichen Aufklärung Stalins, Generaloberst Lawrow, am 12. Juni nach seinem Bericht über die Konzentration von deutschen Truppen an der Westgrenze die unverzügliche Mobilmachung der Roten Armee vorschlug, antwortete Stalin:
„Die Mobilmachung erklären, sagst Du? Das ist doch gleichbedeutend, als wenn man Deutschland unsererseits den Krieg erklärt. Gerade davon träumen die anglo-amerikanischen Imperialisten, die alles unternehmen, daß die Sowjetunion und Deutschland aufeinander stoßen und miteinander Krieg führen.“
(Stalin, J. W. Band 15, Moskau 1997, Seite 49).
Auch für die Behauptung Resun-Suworows und seiner Anhänger, daß der Angriff der Roten Armee auf Mitte Juli verschoben wurde, und Stalin beabsichtigt habe, Berlin innerhalb von drei bis vier Monaten einzunehmen, gibt es keinerlei dokumentarische Belege.
All dies sind schlicht antikommunistische Erfindungen, die allein schon deshalb unhaltbar sind, weil die sowjetischen Politiker und Militärs den Stand der Vorbereitung der Armee in Bezug auf einen großen Krieg durchaus realistisch einschätzten und daher alle Anstrengungen auf die Erhöhung der Kampfkraft zur Abwehr der faschistischen Aggression richteten. Das war auch für Stalin die wichtigste Aufgabe, seine Entscheidungen fielen in diesem Sinne, und all seine Bestrebungen richteten sich darauf, den unvermeidlichen Zusammenstoß mit dem Feind möglichst lange hinauszuzögern, um diese Aufgabe weitestgehend zu erfüllen.
In seiner Geheimrede behauptete Chruschtschow auch, daß Stalin angeblich die zahlreichen Warnungen über die drohende Gefahr nicht beachtete habe. Stalin habe sogar die Weisung gegeben, derartigen Informationen keinen Glauben zu schenken, um den Beginn von Kampfhandlungen nicht zu provozieren. Auch deshalb sei das Land gegenüber der Agression unvorbereitet gewesen.
Stalin erhielt nicht nur Informationen darüber, daß der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion unmittelbar bevorstand, er erhielt auch Informationen, daß dieser Angriff im Juni 1941 nicht stattfindet. Davon findet sich in Chruschtschows angeführten Beispielen jedoch kein Wort. Wie Churchill bezeugte, sagte Stalin ihm: „Ich brauchte keinerlei Warnungen. Ich wußte, daß der Krieg beginnen wird, aber ich dachte, daß es mir gelingen könnte, noch sechs Monate und mehr an Zeit zu gewinnen.“ Auch dies belegt zum einen die o.g. Intentionen Stalins, zum anderen entlarvt es die Niederträchtigkeit, mit der Chruschtschow in seiner Geheimrede den „Tatsachen in dieser Angelegenheit“ angeblich auf den Grund geht.
Klaus Wallmann sen.