Ein Interview von Dorothea Jauernig mit Alexander Sinowjew im Jahr 1991
Die „Rote Fahne“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 18.05.2006 dieses Interview, in dem sich Sinowjew „als Wissenschaftler“ über die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Industrialisierung, die Hetze gegen Stalin und die Ursachen des Zerfalls der Sowjetunion äußert. Zweimal stellt er darin explizit fest: „Ich bin kein Kommunist“. Er bezeichnet sich als Antistalinisten, der den Kommunismus seit seiner Jugend kritisiert hat. „Aber jetzt bin ich ein alter Mensch“, fügt er hinzu, „ich will nicht während meines Lebens lügen.“ Dies macht seine Äußerungen angesichts der unzähligen bürgerlichen antikommunistischen Veröffentlichungen so interessant, und deshalb finden Sie dieses Interview nun auch auf rz.
Zur Person Sinowjew
Alexander Alexandrowitsch Sinowjew, geboren am 29. Oktober 1922 in Pachtino im Oblast Kostroma, gestorben am 10. Mai 2006 in Moskau, war russischer Dissident, Philosoph und Schriftsteller.
Er entstammte einer russischen Arbeiterfamilie. 1939 begann er sein Philosophiestudium an der Philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau. Schon damals geriet er in Konflikt mit der kommunistischen Führung. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, da er den Stalin-Kult kritisierte. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Kampfflieger in der Roten Armee. Aufgrund seiner militärischen Auszeichnungen durfte er 1950 sein Studium fortsetzen, das er mit einer Promotion über die Philosophie von Karl Marx abschloß. Später wurde Sinowjew Professor für Philosophie und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Wegen seiner fortgesetzten Kritik am Stalinismus wurde Alexander Sinowjew 1978 nach der Veröffentlichung seines Romans „Gähnende Höhen“, einer Abrechnung mit dem totalitären Kommunismus, aus der damaligen Sowjetunion ausgebürgert. Er lebte bis zu seiner Rückkehr nach Russland im Jahr 1999 in München.
Die Kritik am bürokratischen System der Sowjetunion, später auch Russlands unter Michail Gorbatschow beherrschte weiter sein schriftstellerisches Schaffen. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang seine Werke „Homo sovieticus“, „Lichte Zukunft“ und „Katastroika: Gorbatschows Potemkinsche Dörfer“. Sinowjew blieb seiner Linie als unbequemer Querdenker treu und ging auch mit Gorbatschows Perestroika scharf ins Gericht. Bei den Präsidentschaftswahlen 1996 unterstützte er Sjuganow, den kommunistischen Widersacher Jelzins.
„Wenn sie mich 1939 zum Tode verurteilt hätten, wäre das die richtige Entscheidung gewesen. Ich hatte geplant, Stalin zu töten und das war ein Verbrechen, oder? Als Stalin noch lebte, sah ich das anders, aber jetzt, wo ich das ganze Jahrhundert überblicken kann, sage ich: Stalin ist die größte Persönlichkeit dieses Jahrhunderts gewesen, das größte politische Genie. Ein wissenschaftlicher Standpunkt jemanden gegenüber, muss nicht dem persönlichen Verhalten entsprechen.“
Sinowjew, 1993
Quelle: www.wikipedia.de
Das Interview
Dorothea Jauernig (D.J.): Sie lebten mit Ihrer Familie auf dem Land zur Zeit der Kollektivierung. Wie haben Sie die Kollektivierung erlebt? Wie beurteilen Sie sie heute?
Alexander Sinowjew (A.S.): Man muss zwei verschiedene Seiten in meiner Position unterscheiden. Meine persönliche Einstellung zu verschiedenen Ereignissen und die Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Arbeit. Unser Dorf ist ganz verschwunden. Wenn wir die Kollektivierung nur von diesem Standpunkt aus betrachten, dann kann man sagen, dass die Kollektivierung ein Verbrechen oder ein Fehler war. Aber man muss die ganze Situation im Land in Betracht ziehen. Die Industrie brauchte Arbeiter. Das Land brauchte nicht nur Arbeiter, es brauchte Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Offiziere usw. Ohne Kollektivierung wäre es unmöglich gewesen, so viele Leute für die Entwicklung des Landes zu holen. Wir haben auf dem Land alles verloren. Und unsere Familie hat das Land verlassen. Aber ich wurde Professor. Mein Bruder wurde Oberst. Mein älterer Bruder Direktor einer Fabrik. Andere meiner Brüder wurden Ingenieure usw. Viele Millionen russischer Familien haben so eine Entwicklung durchgemacht. Für viele Millionen Familien war daher die Revolution unsere Revolution. Die Stalin’sche Zeit war natürlich eine große Tragödie. Aber gleichzeitig waren diese Jahre die besten Jahre in der sowjetischen Geschichte. Sie können nicht verstehen, in welchen Lebensbedingungen wir lebten. Unsere Familie lebte in einem Zimmer von 10 qm. Und in diesem Zimmer lebten wir zu acht, manchmal zu zehnt. Und wir waren glücklich. Warum? Wir besuchten die Schule. Alles war für uns, die ganze Kultur war offen für uns.
Eine andere Seite: Alle behaupten, dass die Produktivität der Kolchosen sehr niedrig und die Privatparzellenproduktion viel höher war. Das ist eine Lüge. Alle, die das sagen, machen einen falschen Vergleich. Sie nehmen z.B. eine kleine Parzelle und sagen: Sehen Sie, auf dieser Parzelle arbeitet eine Frau oder zwei und sie verkaufen so und soviel Gemüse usw. Aber auf der Kolchose arbeiten 300 Menschen. Nun untersuchen sie, wie diese Menschen auf der kleinen Parzelle arbeiten, wie viele Kräfte sie auf der kleinen Parzelle brauchen. In der Kolchose waren die Lebensbedingungen viel leichter, kürzere Arbeitszeit und vor allem als Hauptresultat: Der Staat hat genug Brot bekommen. Ohne Kolchosen wäre das unmöglich.
D.J.: Die Kollektivierung wird hier oft als ein Verbrechen Stalins bezeichnet.
A.S.: Ich bin gegen Kollektivierung. Meine Familie litt darunter. Aber als Wissenschaftler muss ich sagen, das war die einzige Möglichkeit für das Land, um zu überleben. Wenn Stalin diese Politik nicht durchgeführt hätte, dann wäre das Land während des Kriegs sofort zerstört worden. Und auch die Industrialisierung und sogar auch diese Repressionen waren unvermeidlich.
Sehen Sie die heutige Situation in der Sowjetunion, versuchen Sie die Ordnung wieder herzustellen, ohne Verhaftungen, das ist unmöglich. Jetzt sind schon viele verhaftet und werden mehr und mehr. Zu Stalins Zeiten war die Situation in Russland noch schlimmer.
Es ist eine falsche Ideologie zu behaupten: Alle Leute waren unschuldig und nur der böse Mensch Stalin und einige böse Leute haben alle Menschen vergewaltigt. Das ist eine Lüge, eine ideologische Lüge. Es war ein Kampf ums Überleben, um Leben und Tod.
Es ist vielleicht die größte Ungerechtigkeit in der Geschichte, wenn Stalin so verleumdet wird – besonders schlimm sieht es aus, wenn sowjetische Leute selbst ihre eigene große Geschichte vergessen. In der russischen Geschichte waren diese Jahre die größten Jahre überhaupt
Ich wiederhole, ich bin kein Kommunist. Ich kritisierte den Kommunismus seit meiner Jugend. Ich war immer Antistalinist. Aber jetzt bin ich ein alter Mensch, ich will nicht während meines Lebens lügen.
Warum hassen so viele Menschen Stalin und die Sowjetunion überhaupt? Weil die Entwicklung dieses Landes ungeheuer schnell, unvergleichbar schnell war. Alle kapitalistischen Länder hatten Angst. Sie waren überzeugt, dass dieses System überall erkämpft werden könnte. Und da begann der Krieg gegen den Kommunismus. Der II.Weltkrieg war gegen die Sowjetunion. Der Westen hat Hitler gegen die Sowjetunion gerichtet. Das war nicht Hitler allein. Jetzt sagen alle, Stalin sei schuld. Das ist auch eine ideologische Lüge. Praktisch war der Westen schuld an diesem Krieg. Der Westen hat alles gemacht, um Hitler gegen die Sowjetunion zu richten. Vor dem Krieg, nach dem Krieg und im Krieg.
Die Entwicklung der Sowjetunion heute ist Ergebnis nicht nur der inneren Entwicklung, sondern auch ein Ergebnis der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen. Der kalte Krieg war ein echter Krieg, nicht weniger als der II.Weltkrieg. Die Sowjetunion wurde besiegt. Diese Situation ist nicht einfach die Krise des Kommunismus. Das ist die Zerstörung des Kommunismus, von innen, aber von außen auch.
Ich denke, die Hauptursache ist der Verrat der Bürokraten unter Führung Chruschtschows. Er zerstörte die Ideologie und allmählich auch die Wirtschaft des Sozialismus. Es fand ein Wechsel der Herrschaft statt, nämlich von der Herrschaft der Arbeiterklasse zur Herrschaft der Bürokratie als neuer Kapitalistenklasse.
D.J.: Aber noch eine weitere Frage: Sie arbeiteten lange Zeit an der Universität von Moskau. Wie war der Unterricht an den Universitäten in den 50er Jahren und wie war das später? Stimmt es, dass die Marxisten-Leninisten in den 70er Jahren aus den Universitäten rausgeschmissen wurden, wie uns in Moskau berichtet wurde?
A.S.: Die Entwicklung war vielschichtig. Einerseits war die ideologische Arbeit unter Suslow (er war unter Breschnew für Ideologie zuständig, die Red.) ungeheuer stark. Aber gleichzeitig wurde die sowjetische Ideologie, die marxistische Grundlage verlassen. Formal war die sowjetische Ideologie marxistisch-leninistisch. Nur in Worten, Behauptungen usw. Aber tatsächlich hatte die sowjetische Ideologie schon ihre marxistisch-leninistische Grundlage verloren. Und das war eine der Bedingungen der heutigen Krise.
D.J.: Wie verstehen Sie das – eine der Bedingungen der heutigen Krise?
A.S.: Schon in den 60er Jahren existierte die Krise. Sie begann nicht in der Wirtschaft, sondern zuerst in der Ideologie und im moralischen Zustand der höheren Schichten. Wie sagt man im Russischen: Ein Fisch beginnt am Kopf zu stinken.
Doch an der jetzigen Situation in der Sowjetunion sind die Leute wie Gorbatschow, Schewardnadse, Jelzin, Jakowlew, Sobtschak usw. schuldig. Das ist ein Resultat ihrer Tätigkeit. Sie sind Verbrecher. Ich bin sicher, dass die zukünftigen Generationen diese Menschen gnadenlos verurteilen werden.
Diese Perestroika-Leute haben jetzt nur noch Angst um ihre eigene Haut. Sie haben unser Land und unser Volk verraten. Wenn es möglich ist, ihre Position zu behalten, sind sie bereit, das Land zu verkaufen. Praktisch spielen sie die Rolle einer 5. Kolonne des Westens.
Ich bin kein Kommunist. Ich sage das nur als Wissenschaftler. Das ist das Ergebnis meiner wissenschaftlichen Forschung.
D.J.: Vielen Dank für das Gespräch
Bücher:
- Gähnende Höhen (1976). (Roman) Deutsch von G. von Halle. Nachdichtung der Verse von Eberhard Storeck und G. von Halle, ISBN 3-257-21548-7
- Homo sovieticus (1978). (Roman) Aus dem Russischen von G. von Halle ISBN 3-257-21458-8
- Lichte Zukunft (1983), ISBN 3-257-21133-3
- Katastroika: Gorbatschows Potemkinsche Dörfer (1988), ISBN 3-550-07645-2