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ARCHIV 2003 – 2017

Patriotismus und Nation – Zur Begriffsbestimmung

Die Patriotismus-Thesen des Ex-Staatsminister Rößler in enger Zusammenarbeit mit dem Politikwissenschaftler Jesse, sowie vor allem deren Auftreten am 27.03.2006 vor einer großen Anzahl von Abiturienten des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums Zwickau, veranlassen mich zu diesem Artikel, dessen Erkenntnisse und Schlußfolgerungen natürlich nicht allein auf meinem Mist gewachsen sind. Neben Marx, Engels und Lenin stand mir auch ein dickes philosophisches Wörterbuch zur Verfügung. All das habe ich hier komprimiert, und hoffe damit, vor allem den Abiturienten entgegenzukommen.

In medias res:

Wenn man über das Gefühl des Patriotismus reden will, so muß man über die Nation reden, denn erst mit der Nation entwickelte sich auch der Patriotismus.

Die Nation ist eine Struktur- und Entwicklungsform der menschlichen Gesellschaft. Sie entsteht historisch gesetzmäßig mit der Herausbildung der ökonomischen Gesellschaftsformation des Kapitalismus als Produkt ökonomischer Entwicklungsprozesse, und als Produkt darauf beruhender sozialpolitischer und ideologischer Entwicklungsprozesse.

Die geschichtliche Funktion der Nation im Entwicklungsprozeß der Gesellschaft besteht darin, Menschen mittels nationaler Beziehungen zu großen, lebensfähigen und beständigen Gemeinschaften zusammenzuschließen, einen Rahmen zu bilden, in dem sich Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Kultur und Wissenschaft weiter entwickeln können. Sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Als Entwicklungsform der Gesellschaft wird ihr Inhalt vor allem durch die ökonomischen, sozialen, politischen und ideologischen Prozesse bestimmt, durch die Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Gesellschaftsformation, wie auch durch die Interessen der herrschenden Klasse und den Klassenkampf.
Solange Klassen existieren treten die großen Menschengruppen als Klassen in geschichtliche Aktion und entwickeln untereinander nationale Beziehungen – ökonomische, sozialpolitische, ideologische Beziehungen.
Dies vollzieht sich auf einer historisch geprägten ethnischen Grundlage: auf einem bestimmten Territorium, auf dem der Zusammenschluß der nationalen Gebiete und die Errichtung des Nationalstaats erfolgt; in einem bestimmten Sprachgebiet, denn Sprache ist das wichtigste Mittel des Verkehrs; und in einem bestimmten kulturellen Milieu.
All dies bewirkt den Zusammenschluß der Menschen zu einer nationalen Gemeinschaft, wobei den ökonomischen Beziehungen die bestimmende Rolle zukommt.

Nationen unterscheiden sich voneinander durch zwei Gruppen von gesellschaftlichen Erscheinungen:
Zur ersten Gruppe gehören die Aspekte der sozialölon. und kulturellen Entwicklung, wie Niveau und Besonderheiten der Ökonomie, Eigenarten der Sozialstruktur und der politischen Organisation, und das Niveau des kulturellen und geistigen Lebens.
Die zweite Gruppe enthält die spezifische Unterschiede in Sprache, Kultur, Lebensweise, Sitten, Gebräuche, Traditionen und der Sozialpsyche.

Die erste Gruppe enthält in sich keine spezifisch nationalen Züge, denn sie ist nur ein jeweils besonderer Ausdruck der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung und unterliegt deren allgemeinen Gesetzmäßigkeiten.
Die zweite Gruppe enthält spezififische nationale Züge, die mit der ethnischen Grundlage der Nation zusammenhängen, und sich größtenteils bereits lange vor der Entstehung der Nation mit der Formung der Nationalitäten herausgebildet haben. Daß ethnische Gemeinsamkeiten allein keine nationale Gemeinschaft entstehen lassen, beweist ein einfacher Blick auf Deutsche, Österreicher, Schweizer, französische Elsässer, Lothringer.

Die Erscheinungen der ersten Gruppe – die soziale Seite der Nation – unterliegen einem Prozeß der Annäherung und Internationalisierung im Rahmen der jeweiligen ökonomischen Gesellschaftsformation.
Die Erscheinungen der zweiten Gruppe – die ethnische Seite der Nation – zeigen eine große Beständigkeit. Sie verändern sich nur langsam innerhalb einer Nation, aber auch dabei unter dem bestimmenden Einfluß der sozialen Seite.

Von bürgerlichen „Wissenschaftlern“ gern geleugnet, üben die Interessen der herrschenden Klassen, der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Feudaladel, später zwischen Proletariat und Bourgeoisie, einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der nationalen Beziehungen und der nationalen Gemeinschaft aus. Da diese nationale Gemeinschaft im Verlauf ihrer Geschichte durch eine zunehmende Klassendifferenzierung und einen sich verschärfenden Klassenkampf gekennzeichnet ist, kann diese nationale Gemeinschaft nur eine relative sein.

Bereits die Aristokratie stellte sich in Gegensatz zur realen Entwicklung der Nation, als sie sich als Nation bezeichnete. Denn die Nation entstand auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise, des Austausches und der Herausbildung des inneren Marktes – war also im wesentlichen das Werk der aufstrebenden Bourgeoisie und der werktätigen Massen.
Nachdem die Bourgeosie ökonomisch erstarkt war und politisches Bewußtsein entwickelt hatte, erklärte sie sich schließlich zum alleinigen Repräsentanten der Nation.
Solange die Bourgeoisie eine historisch progressive Rolle spielte, war das richtig, doch infolge der sich gesetzmäßig entwickelnden antagonistischen Widersprüche und des Klassenkampfes zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, hörte die Bourgeoisie auf, Repräsentant der Mehrheit der Nation zu sein. Objektiv wurde die Arbeiterklasse und besonders ihr revolutionärer Teil zum entschiedensten Repräsentanten der Nation, auch wenn die herrschende Klasse immer wieder versucht diesen Teil der Nation als anti-national zu diffamieren.

Die verschiedenen bürgerlichen Theorien in Philosophie, Soziologie und Geschichtsschreibung haben eine gemeinsame Grundlage und einen gemeinsamen Charakter. Indem die bestimmenden ökonomischen Grundlagen ignoriert werden, entpuppt sich dieser als idealistisch. Abgeleitete bzw. zweitrangige Faktoren, wie z.B. der Wille, das Nationalbewußtsein, der Nationalcharakter, die Kultur, die Sprache etc., werden verabsolutiert. Doch jeder wirkliche Wissenschaftler kommt nicht umhin, diese wichtigen Faktoren selbst aus den materiellen Existenzbedingungen der Nation, d.h. in letzter Konsequenz aus ihrer ökonomischen Entwicklung zu erklären.
Die übliche bürgerliche Auffassung der Nation vor allem als Kulturgemeinschaft greift bewußt zu kurz, denn letztendlich beruht auch die kulturelle Entwicklung auf der ökonomischen Entwicklung. Und selbst die Kulturgesellschaft ist in jeder Klassengesellschaft eine relative, denn es „gibt zwei nationale Kulturen in jeder nationalen Kultur“. (Lenin, Bd. 20, S.17)

Das Nationale ist in seiner gesamten historischen Entwicklung eine dialektische Einheit von ökonomischen, sozialen, politischen, ideologischen und ethnischen Faktoren, innerhalb welcher die klassenmäßig bestimmten Faktoren entscheidend sind.
Im allgemeinen konstituiert sich die Nation zunächst als kapitalistische Nation, die mit der Herausbildung der kapitalistischen Gesellschaftsformation im Schoß der Feudalgesellschaft aus den Nationalitäten hervorgeht. Die entscheidende Triebkraft ist dabei die Entwicklung der kapitalistischen Produktions- und Austauschweise, von Marx und Engels im Manifest hervorragend beschrieben. (MEW, Bd. 4, S.466-467)

Solange sich der Kapitalismus im Aufstieg befindet, kann er der Nation eine Entwicklungsperspektive bieten, weil die Klasseninteressen der Bourgeosie weitgehend mit den nationalen Interessen übereinstimmen. Im Stadium des Niedergangs, des Imperialismus, kommt es zum Konflikt zwischen den Interessen der Nation und denen der herrschenden Monpolkapitalisten, die einen großen Teil der Produktivkräfte in Destruktivkräfte verwandeln. Dieser Konflikt spitzt sich zu bis zur Bedrohung der Existenz der Nation selbst.
Zur selben Beurteilung muß man kommen, wenn man den ihrem obektiven Wesen nach progressiven Prozeß der Internationalisierung betrachtet. Infolge der real existierenden kapitalistischen Klassenherrschaft erfolgt dieser Prozeß jedoch in antagonistischer Form, ist er den Klasseninteressen des Monopolkapitals unterworfen. Daraus folgt ihre reaktionäre Politik, die vor gewaltsamer Angliederung, Unterwerfung und Ausbeutung schwächerer Nationen nicht haltmacht. Daraus folgt zwangsläufig die Ideologie des Nationalismus und des Kosmopolitismus.

Die deutsche Nation hat sich in einem langen Prozeß als kapitalistische Nation mit einem bürgerlichen Nationalstaat herausgebildet. Die deutsche Bourgeoisie hat die deutsche Nation durch ihre Kriegspolitik zweimal in die nationale Katastrophe geführt. Nach der zweiten spaltete die deutsche Bourgeoisie und ausländische Imperialisten lieber die Nation, um wenigstens in einem Teil Deutschlands ihre ökonomischen und politischen Machtpositionen zu erhalten. Das beweisen die historischen Fakten. Daß sich auf dem Gebiet der DDR keine sozialistische Gesellschaft formierte, wie immer noch gern von bürgerlichen Experten wider besseren Wissens behauptet wird, ist ein anderes Thema.

Dennoch zum Schluß ein Wort zum Verhältnis der Arbeiterklasse zur Nation. Dieses ergibt sich zum einen aus den objektiven Existenzbedingungen und den historischen Zielen dieser Klasse, zum anderen natürlich aus ihrer theoretischen Einsicht in das Wesen und die geschichtliche Rolle der Nation. Da diese Klasse ihrem Wesen nach sowohl eine nationale wie auch eine internationale Klasse ist, hat sie zwei Aufgaben. Eine soziale, die darin besteht, die Werktätigen von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien, und eine nationale, die darin besteht, die Nation von der Bedrohung durch den Imperialismus zu befreien und auf diesem Weg eine friedliche Zukunft zu sichern. Ihr Wesen als internationale Klasse weist dabei über den nationalen Rahmen hinaus.

Bei der Erfüllung dieser Aufgaben bleibt natürlich die ethnische Grundlage der Nationen – Sprache, Besonderheiten der Kultur, Sitten, Gebräuche, Lebensgewohnheiten – erhalten, während sich die soziale Natur der Nation – ihre ökonomischen und politischen Beziehungen, der Inhalt der Ideologie und Kultur – grundlegend verändert. Ein weiterer Beweis dafür, wie unwissenschaftlich Leute arbeiten, die die bestimmenden ökonomischen Grundlagen hinter einem Vorhang von Gefühlsduseleien bewußt verstecken.

Der Patriotismus, die Liebe zur Heimat, die Liebe zum Vaterland, kann nach all dem nur eine gesellschaftlich-historische Erscheinung sein, die sich in Abhängigkeit von der Entstehung und Entwicklung der Nation entwickelt. Auch hier gilt es sorgfältig zu unterscheiden, denn auch der Patriotismus hat unterschiedliche soziale und Klasseninhalte. In Klassengesellschaften trägt er zwangsläufig stets Klassencharakter. Der Patriotismus der Volksmassen steht dabei im Gegensatz zum bürgerlichen Nationalismus, der in der bürgerlichen Philosophie stets als wahrer Patriotismus ausgegeben wird, in Wahrheit aber ein Pseudopatriotismus ist, der im Imperialismus in Form des Chauvinismus, des Rassismus und des Antikommunismus auftritt.

Das Aufleben von Patriotismus-Debatten hatte und hat immer nur ein Ziel: das Volk für die Profitinteressen der herrschenden Klasse zu aktivieren und ihren Verrat an Nation und Vaterland zu verhüllen. Darum geht es, wenn plötzlich die „Schicksalsgemeinschaft der Nation“ beschworen wird, wenn die herrschende Klasse die „emotionale Hingabe und Opferbereitschaft“ des Einzelnen fordert, dessen Interessen angeblich „mit dem Anspruch des Staates einen gemeinsamen Sinnzusammenhang“ bilden. Darum will man „positive nationale Wallungen“ erzeugen und „Momente kollektiver Erhebungen“ schaffen. Das hatten wir schon mal.

Klaus Wallmann sen.

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