Regelmäßig werden wir in den bürgerlichen Medien mit Berichten und Filmen konfrontiert, die uns über den „Vandalismus der Roten Armee“ nach ihrem Einmarsch in Deutschland „aufklären“. Indem man sie auf die gleiche Stufe mit den Gräueltaten der faschistischen Wehrmacht zu stellen versucht, spielt man gleichzeitig die Verbrechen im „Namen des deutschen Volkes“ herunter. Auf die Methoden dieser „Historiker“ muß ich nicht weiter eingehen, jeder von uns kennt solche „Dokumentationen“, in denen Frauen interviewt werden, die auf der Flucht vor den „russischen Untermenschen“ mißhandelt und vergewaltigt wurden.
Und selbstverständlich wird immer suggeriert, daß diese Untaten auf Befehl von „oben“ geschahen, also auf Befehl des Oberkommandos der Roten Armee, an dessen Spitze bekanntlich Stalin stand.
Natürlich hat diese Lüge – nichts anderes ist es – einen Grund. Sie zielt darauf, die Bestialität des Überfalls Nazi-Deutschlands auf andere Länder, und insbesondere auf die UdSSR, herunterzuspielen – ganz nach dem Motto: „Ausschreitungen gibt es überall“. Betrachtet man jedoch Ausmaß und Charakter dieser „Ausschreitungen“, so wird die ganze Demagogie dieser Behauptung deutlich.
Der Überfall der Nazis hat ca. 20.000.000 Sowjetbürgern das Leben gekostet. Mindestens 1.200.000 Sowjetbürger wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, nur 10 Prozent kehrten lebend in die Heimat zurück.
Das sind allgemein bekannte Tatsachen, die allerdings von interessierten Stellen möglichst verschwiegen werden.
Der materielle Schaden, hinter dem sich ebenfalls unendliches menschliches Leid verbirgt, wurde ebenfalls festgestellt.
Am 13. September 1945 legte die „Außerordentliche Staatliche Kommission der UdSSR zur Feststellung und Untersuchung der Greueltaten der deutschen Eindringlinge und ihrer Verbündeten auf dem Territorium der Sowjetunion“ einen abschließenden Bericht vor. Darin heißt es: Deutschland und seine Satelliten „haben 1.710 Städte und über 70.000 Dörfer vollständig oder teilweise zerstört und eingeäschert, über 6 Millionen Gebäude niedergebrannt und zerstört und etwa 25 Millionen Menschen obdachlos gemacht.
Unter den zerstörten und am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Städten befinden sich die größten Industrie- und Kulturzentren: Stalingrad, Sewastopol, Leningrad, Kiew, Rostow am Don und viele andere.
(…) haben 31.850 Industriebetriebe zerstört, in denen etwa 4.000.000 Arbeiter beschäftigt waren; sie zerstörten oder verschleppten 239.000 Elektromotoren, 175.000 Werkzeugmaschinen.
Sie zerstörten 65.000 km Eisenbahngeleise, 4.100 Eisenbahnstationen, 36.000 Post-, Telegraphen- und Fernsprechämter sowie andere dazu gehörige Betriebe. Sie zerstörten oder demolierten 40.000 Krankenhäuser und andere Heilanstalten, 84.000 Schulen, Techniken, Hochschulen, wissenschaftliche Forschungsinstitute, 43.000 öffentliche Bibliotheken.
Sie verwüsteten und plünderten 98.000 Kollektivwirtschaften, 1.876 Sowjetwirtschaften und 2.890 Maschinen- und Traktorenstationen; sie schlachteten, requirierten oder schafften nach Deutschland 7 Millionen Pferde, 17 Millionen Stück Rindvieh, 20 Millionen Schweine, 27 Millionen Schafe und Ziegen, 110 Millionen Stück Geflügel.“1
Der gesamte materielle Schaden der UdSSR wurde auf die enorme Summe von 679 Milliarden Rubel berechnet.
Das Leid der Obdachlosen, der Verhungernden, der Gequälten und Geschlagenen läßt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Und auch meine Worte wären dafür viel zu schwach.
Angesichts dieser schrecklichen Tatsachen kann es nur eine Lüge sein zu behaupten, die Rote Armee habe in Deutschland genau so „gehaust“ wie die Wehrmacht, die SS und die Gestapo in der Sowjetunion. Wenn diese Behauptung keine Lüge wäre, wenn sie nur annähernd stimmen würde, so wäre von Deutschland nichts mehr übrig geblieben.
Für diese Kriegsverbrechen war die Nazi-Clique in Berlin und das Oberkommando der Wehrmacht verantwortlich. Erinnert sei an die wahnwitzige Rückzugspolitik der „verbrannten Erde“.
Doch diese unmenschliche Politik verfolgte man schon von Anfang an. Bereits am 20. November 1941 erließ Feldmarschall von Manstein folgenden Befehl, der den ganzen faschistischen Ungeist enthält:
„Das jüdisch-bolschewistische System muß ein für allemal ausgerottet werden. Nie wieder darf es in unseren europäischen Lebensraum eingreifen.
Der deutsche Soldat hat daher nicht allein die Aufgabe, die militärischen Machtmittel dieses Systems zu zerschlagen, er tritt auch als Träger einer völkischen Idee und Rächer für alte Grausamkeiten, die ihm und dem deutschen Volk zugefügt werden, auf (…) Die Ernährungslage der Heimat macht es erforderlich, daß sich die Truppe weitestgehend aus dem Lande ernährt und daß darüber hinaus möglichst große Bestände der Heimat zur Verfügung gestellt werden. Besonders in den feindlichen Städten wird ein großer Teil der Bevölkerung hungern müssen. Trotzdem darf es aus mißverstandener Menschlichkeit nichts von dem, was die Heimat unter Entbehrungen abgibt, an Gefangene und Bevölkerung – soweit sie nicht im Dienst der deutschen Wehrmacht stehen – verteilt werden.“2
Wer alt genug ist, um sich noch daran erinnern zu können und sich auch ehrlich erinnern will, der weiß, daß die Rote Armee bei der Besetzung Ostdeutschlands neben den Kanonen auch immer Gulaschkanonen bei sich führte, und nach Möglichkeit die hungernde Bevölkerung aus Beständen der Sowjetarmee verpflegte.
In einem von Feldmarschall Keitel unterzeichneten Befehl vom 16. Dezember 1942 (Partisanenbefehl) wird der faschistische Terrorgeist der Wehrmacht noch deutlicher:
„Wenn dieser Kampf gegen die Banden sowohl Im Osten wie auch auf dem Balkan nicht mit den allerbrutalsten Mitteln geführt wird, so reichen in absehbarer Zeit die verfügbaren Kräfte nicht mehr aus, um dieser Pest Herr zu werden. Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es zum Erfolg führt. Rücksichten, gleich welcher Art, sind ein Verbrechen gegen das deutsche Volk.“3
Wer alt genug ist, um sich noch daran erinnern zu können und sich auch ehrlich erinnern will, weiß noch von den sogenannten Kampfgruppen des „Werwolfs“, faschistischen Verbrechergruppierungen, die teilweise bis zum Jahre 1947 mordeten und raubten und vor allem versuchten, eine Bodenreform zuungunsten der Junker zu verhindern. In diesem Zusammenhang ist kein Fall ist bekannt, und wurde bisher auch nicht von bürgerlichen „Historikern“ erlogen, daß die Rote Armee wegen dieser faschistischen Terrorgruppen deutsche Dörfer niedergebrannt oder die Einwohnerschaft völlig liquidiert hätte. In der UdSSR geschah das in deutschem Namen sehr oft.
Es mag bürgerlichen Geschichtswisenschaftlern generell nicht gegeben sein, den Charakter der Roten Armee als einer revolutionären, sozialistischen Armee auch nur entfernt zu verstehen, doch das kann diese Herren nicht entschuldigen. Das Ziel der Roten Armee war so grundverschieden von dem der faschistischen Wehrmacht, daß man schon mehr als blind sein muß, um das nicht zu erkennen. Ihr ging es nicht darum, das deutsche Volk zu terrorisieren, sondern die deutschen Nazis zu schlagen. Die Befehle des Oberkommandos der Roten Armee zeigen, wie anders diese Armee im Vergleich mit der deutschen Nazi-Wehrmacht war.
Belege dafür sind z.B. ein Befehl Stalins anläßlich des Überschreitens der eigenen Landesgrenzen durch die Rote Armee und auch ein Artikel der „Prawda“ vom 9. Februar 1945, der nur einer unter vielen ist.
„Offiziere und Rotarmisten aller Truppen! Wir gehen jetzt in feindliches Land. Von jedem wird Selbstbeherrschung verlangt, jeder hat tapfer zu sein, wie es einem Kämpfer der Roten Armee gebührt. Die auf von uns besetztem Gebiet zurückgebliebene Bevölkerung, unabhängig davon, ob es Deutsche, Tschechen oder Polen sind, soll nicht belästigt und beleidigt werden, denn die Schuldigen werden nach Kriegsgesetzen bestraft. Im besetzten Feindgebiet darf kein intimer Verkehr mit Frauen stattfinden. Für Mißhandlungen und Vergewaltigungen werden die Schuldigen erschossen.“4
In der „Prawda“ hieß es: „Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein alter Spruch. Aber man muß ihn nicht wörtlich nehmen. Wenn die Deutschen marodierten und unsere Frauen schändeten, heißt das nicht, daß wir dasselbe tun müssen. Es war niemals so und wird niemals so sein. Unsere Soldaten werden nicht zulassen, daß so etwas geschieht, nicht aus Mitleid mit dem Feind, sondern aus dem Gefühl für ihre persönliche Würde.“5
Damit setzte Stalin nur jene Politik fort, mit der die UdSSR in den Krieg eingetreten war. Am 3. Juli 1941, in seiner ersten Rundfunkansprache nach dem deutschen Überfall sagte Stalin:
„Dieser Vaterländische Volkskrieg gegen die faschistischen Unterdrücker hat nicht nur das Ziel, die über unser Land heraufgezogene Gefahr zu beseitigen, sondern auch allen Völkern Europas zu helfen, die unter dem Joch des deutschen Faschismus stöhnen. In diesem Befreiungskrieg werden wir nicht alleine dastehen. In diesem Krieg werden wir treue Verbündete an den Völkern Europas und Amerikas haben, darunter auch am deutschen Volk, das von den faschistischen Machthabern versklavt ist.“6
Am 23. Februar 1942 verlangte Stalin in seinem Tagesbefehl anläßlich des 24. Jahrestages der Gründung der Roten Armee folgende Haltung:
„Es wäre lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staate gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte sagen, daß die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“7
Alexander Werth führt schließlich in seinem Buch auch die Rede Molotows vom Tage des deutschen Überfalls an:
„( … )Dieser Krieg ist nicht ein Krieg, der vom deutschen Volk geführt wird, von den deutschen Arbeitern, Bauern und Intellektuellen, über deren Leiden wir voll informiert sind …“8
Trotz allem hat es Übergriffe und Ausschreitungen gegeben.
Ihren ganzen Umfang kann man den wenigen Zeilen entnehmen, die Werth in seinem 700-Seiten-Buch „Rußland im Krieg“ diesen Vorfällen widmet.
„Im ersten Rausch brannten die russischen Soldaten zahlreiche Häuser nieder, ja, manchmal ganze Städte nieder – nur, weil es deutsche Städte waren. Es wurde geplündert, geraubt und vergewaltigt. Gerade in dieser Beziehung kam es ziemlich häufig zu Scheußlichkeiten.“9
Werth, der trotz seiner bekannten antikommunistischen Einstellung ehrlich bleibt, vergißt aber auch nicht die Beweggründe der so handelnden sowjetischen Soldaten zu erwähnen.
„Nahezu jede befreite Stadt, jede befreite Ortschaft in Rußland, Weißrußland oder der Ukraine hatte eine furchtbare Geschichte zu erzählen. ( … )
In allen Städten war die Gestapo am Werk gewesen und hatte erschossen und gehängt. Die Einsatzkommandos und andere Verbände hatten keinen Augenblick nachgelassen in ihrem Eifer, Partisanen und deren angebliche Komplizen zu liquidieren, oft ganze Ortschaften mit Frauen und Kindern. In Hunderten von Städten waren die Juden systematisch umgebracht worden. In Kiew beispielsweise töteten die Deutschen Zehntausende von Juden in einem Graben außerhalb der Stadt, der Babij Jar hieß.
Aber auch jede andere ukrainische und weißrussische Stadt hatte von Greueln zu berichten. Als die Rote Armee nach Westen vorrückte, hörte sie täglich diese Geschichte des Terrors, der Erniedrigungen und der Verschleppungen. Sie erlebte die zerstörten Städte, sah die Massengräber mit ermordeten oder verhungerten russischen Kriegsgefangenen, sah Babij Jar mit seinen zahllosen Männer-, Frauen- und Kinderleichen. So lernten die russischen Soldaten die Wahrheit über das nationalsozialistische Deutschland kennen, mit seinem Hitler und seinem Himmler, seiner Theorie vom Untermenschen und seinem unbeschreiblichen Sadismus.
Was Alexej Tolstoj und Scholochow und Ehrenburg über die Deutschen geschrieben hatten, war nichts im Vergleich zu dem, was die russischen Soldaten mit ihren eigenen Ohren hören, mit ihren eigenen Augen sehen – und mit ihrer eigenen Nase riechen konnten.
Denn wo immer auch die Deutschen gewesen waren, hing der Geruch verwesender Leichen in der Luft. Babij Jar aber war ein Kinderspiel gemessen an Majdanek, dem Vernichtungslager bei Lublin, das die Russen im August 1944 besetzten. In Majdanek waren innerhalb von wenigen Jahren eineinhalb Millionen Menschen umgebracht worden. Mit dem Geruch Majdaneks in den Nasen erkämpften sich Tausende russischer Soldaten ihren Weg nach Ostpreußen. Es gab den gewöhnlichen ‚Fritz‘ des Jahres 1944, und es gab Tausende von Himmlers Berufsmördern – aber konnte man zwischen ihnen eine klare Trennungslinie ziehen? Hatte nicht der gewöhnliche ‚Fritz‘ ebenfalls an der Liquidierung der ‚Partisanendörfer‘ teilgenommen? Und billigte der gewöhnliche ‚Fritz‘ nicht das, was seine Kollegen von der SS und der Gestapo taten? Hier bestand ein psychologisches und politisches Problem, das der Sowjetregierung und dem Kommando der Roten Armee besonders 1944 und 1945 beträchtliche Sorgen bereitete.10
Diese „beträchtlichen Sorgen“ hatte die Partei und Führung von Staat und Armee wirklich, und daher beließen es deren Verantwortliche auch nicht bei Aufrufen und Aufklärungsarbeit in den Reihen der Soldaten. Wenn dies jedoch nichts nutzte, wenn Verstöße gegen menschliche Normen und Gesetze der Kriegsführung der Roten Armee vorkamen, wurde mit strengen Befehlen und Bestrafungen dagegen vorgegangen. Während die Kommandeure der deutschen Wehrmacht ihre Soldaten per Befehl zum Terror trieben, schritten die Kommandeure der Roten Armee bei Ausschreitungen ein.
Vergewaltiger und Plünderer wurden standrechtlich erschossen. Militärangehörige mit geringeren Vergehen wurden degradiert oder in Strafbataillone versetzt.
Während Hitler die Gestapo in die UdSSR schickte, um das sowjetische Volk zu terrorisieren, schickte Stalin den Sicherheitsdienst NKWD in die besetzten Gebiete, um Ausschreitungen der eigenen Truppe zu verhindern.
Dies bestätigt selbst der „Spiegel“, der berichtete, daß „Rußlands gefürchtetes Innenministerium, das NKWD, Sondereinheiten entsandte, die mit den Schuldigen hart umgingen, wo sie gefaßt wurden. Auch Gerichtsoffiziere wurden verstärkt eingesetzt. Sobald sie ihre Tätigkeit beginnen, wird nicht mehr gestohlen und geraubt, denn die schweren Strafen wirken abschreckend.“11
Die Oberbefehlshaber der Roten Armee, die Marschälle Rokossowski, Konew, Shukow oder Sokolowskij schritten energisch gegen Übergriffe ein.
„Marschall Rokossowski befahl seiner 2. Belorussischen Heeresgruppe am 22. Januar, diese für die Rote Armee schändlichen Erscheinungen mit ‚glühendem Eisen auszumerzen‘.
Rokossowski: ‚Ich verlange in kürzester Frist eine musterhafte Ordnung und eiserne Disziplin in allen Einheiten.‘
Marschall Konew von der 1. Ukrainischen Heeresgruppe ordnete am 27. Januar Sofortmaßnahmen gegen Brandstiftungen und sinnlose Zerstörungen des vom Feinde zurückgelassenen Eigentums an. Der Streifendienst der Armeen wurde verstärkt. Plünderungen und Vergewaltigungen erneut unter Todesstrafe gestellt.(…) Die Militärstaatsanwälte erhielten Order, mit ihren Untersuchungsrichtern zu jeder Tages- und Nachtzeit überraschende Besuche in Militärquartieren zu unternehmen. Oberstleutnant der Justiz, Maljarow, ermahnte die Militärstaatsanwälte der 48. Armee: Gegen die Erschießungen von Kriegsgefangenen ist entschieden vorzugehen.“12
Kein Historiker, so er sich denn als ernsthaften Wissenschaftler bezeichnen will, kann dieses Vorgehen der Führung der Roten Armee bestreiten. Nicht einmal der gutbürgerliche „Spiegel“ bestreitet dies, auch wenn sein Zugeständnis in übliche antikommunistische Ausfälle gebettet ist.
Die Ausschreitungen verschiedener Angehöriger der Roten Armee – gegen die Befehle der Oberkommandierenden – waren nach all dem, was die einzelnen Soldaten erlebt hatten, naheliegend. Deshalb ist die große Voraussicht des Oberkommandos der Roten Armee und sein schnelles uns konsequentes Einschreiten hervorzuheben. Im Gegensatz zur Wehrmacht, wo befohlenen Terrorakte mit Orden belohnt wurden, wurden Ausschreitungen sowjetischer Soldaten rigoros bestraft.
Provoziert wurden solche Ausschreitungen auch durch die faschistischen Durchhalteparolen, die zur Vernichtung der „von England aus den Steppen Asiens herangeholten Horden“, zum Kampf bis zum bitteren Ende aufriefen.
Horrormeldungen über sowjetische Greueltaten versetzte deutsche Soldaten und Zivilisten in Angst und Schrecken, um sie zu Wahnsinnstaten zu motivieren. A. Werth berichtet auch darüber:
„Die Furcht vor den Russen war so groß, daß in und um Danzig sogar zahlreiche Zivilisten Selbstmord begingen. Ich sah später ein deutsches Flugblatt, das während der letzten Tage des Kampfes um Danzig gedruckt worden war, es rief zum Widerstand bis zum Letzten auf und berichtete von angeblichen Grausamkeiten, die Russen begangen hatten. Eine große deutsche Offensive wurde angekündigt.“13
Um das eindeutige Verhalten der sowjetischen Führung im Kampf gegen die Ausschreitungen ihrer Soldaten in Frage zu stellen, weisen die „Wissenschaftler“ gern auf Artikel in der sowjetischen Presse hin, die zum Deutschenhaß aufriefen und sogar die Ausrottung der Deutschen verlangten.
Diese Artikel hat es gegeben. Es waren wenige und sie stammten alle von einem Autor.
„Die Deutschen haben keine Seele. Ein englischer Politiker hat gesagt, die Deutschen seien unsere Brüder. Nein! Es ist eine Blasphemie, wenn man diese Kindermörder zu der großen Völkerfamilie rechnet ( … )
Wir vergessen nichts. Wenn wir durch Pommern ziehen, haben wir das verwüstete, blutgetränkte Weißrussland vor Augen ( … ) Manche sagen, die Deutschen vom Rhein seien anders als die Deutschen an der Oder. Ich weiß nicht, warum wir so feine Unterschiede machen sollten. Ein Deutscher ist überall ein Deutscher. Die Deutschen wurden bestraft, aber nicht genug. Immer noch sind sie in Berlin. Der Führer steht noch, anstatt daß er hängt. Der Fritz läuft noch, anstatt daß er tot am Boden liegt. Wer kann uns aufhalten? General Model? Die Oder? Der Volkssturm? Nein, Deutschland, es ist zu spät, Du kannst Dich drehen und wenden und in Deinem Todeskampf brüllen: die Stunde der Rache hat geschlagen.“14
Der eklatante Widerspruch zu allem, was die sowjetische Führung, ihre Partei und Stalin lehrte, ist unübersehbar. Genüßlich zitiert jeder, der die damalige Sowjetunion diffamieren will, diese Passagen. Zitiert wird jedoch nicht die scharfe Kritik der „Prawda“ vom 14.04.1945 am Autor dieser chauvinistischen Tiraden, in der darauf hingewiesen wird, daß solche Äußerungen dem Marxismus völlig fremd sind und sie eine totale Entstellung der Stalinschen Friedenspolitik seien.
Und es blieb nicht bei dieser öffentlichen Rüge. Der Autor durfte seine Berichterstattung nicht fortsetzen, er wurde von seinem Posten entbunden.
Dabei war der Autor nicht irgendwer. Der Autor war Ilja Ehrenburg. Derselbe Ehrenburg, der nach Stalins Tod zum großen Demokraten wurde und über den angeblichen stalinistischen Terror parlierte. Das konsequente Verhalten der KPdSU, die ihn kritisierte und absetzte, machte ihn im Nachhinein zum „Märtyrer“ und zum willkommenen „Zeugen“ gegen Stalin. In seinen Memoiren jammert er darüber, daß seine Absetzung auf direkte Weisung Stalins erfolgte. Für mich ein, wenn auch unfreiwilliges, weiteres Zeugnis der korrekten internationalistischen Haltung Stalins.
Ehrenburg ist nur ein Beispiel für viele sogenannte „Kronzeugen“, wie sie von den bürgerlichen Demagogen und auch den heute in Rußland Herrschenden immer wieder gegen Stalin und die KPdSU aufgefahren werden. Ihre Politik hatte damals keine Chance sich in der UdSSR durchzusetzen, denn Partei- und Armeeführung verfolgten auch weiterhin die marxistisch-leninistische Linie, die Stalin zu Beginn des Krieges wie folgt charakterisierte:
„In der ausländischen Presse wird manchmal darüber geschwätzt, daß die Sowjetmenschen die Deutschen als Deutsche haßten, daß die Rote Armee die deutschen Soldaten eben als Deutsche, aus Haß gegen alles Deutsche, vernichte, daß die Rote Armee darum deutsche Soldaten nicht gefangennehme. Das ist natürlich ebenfalls eine dumme Lüge und eine törichte Verleumdung der Roten Armee. Die Rote Armee ist vom Gefühl des Rassenhasses frei. Sie ist frei von solch einem unwürdigen Gefühl, weil sie im Geist der Gleichberechtigung der Rassen und der Achtung der Rechte anderer Völker erzogen Ist. Man darf außerdem nicht vergessen, daß in unserem Lande jede Äußerung von Rassenhaß gesetzlich bestraft wird. Gewiß ist die Rote Armee vor die Notwendigkeit gestellt, die faschistischen deutschen Okkupanten zu vernichten, da sie unsere Heimat unterjochen wollen, oder wenn sie – eingekesselt von unseren Truppen – sich weigern, die Waffen zu strecken und sich gefangenzugeben. Die Rote Armee vernichtet sie, nicht weil sie deutscher Abstammung sind, sondern weil sie unsere Heimat unterjochen wollen.“15
Klaus Wallmann sen.
Anmerkungen:
1) Molotow, Reden zur Außenpolitik, S. 141f., Moskau 1949
2) Alexander Werth, Rußland im Kriege 1941-1945, S. 475f, München
3) A. Werth, a.a.O., S. 487
4) Der Spiegel, Nr. 20/1975, S. 76
5) A. Werth, a.a.O., S. 646 (Artikel der „Prawda“ vom 9. Februar 1945)
6) Stalin, Werke, Bd. 14, S. 241
7) Stalin, Ausgewählte Werke Bd. 14, S. 266
8) A. Werth, a.a.O., S. 132
9) A. Werth, a.a.O., S. 643
10) A. Werth, a.a.O., S. 514f.
11) Spiegel, a.a.O., S. 76
12) Spiegel, a.a.O., S. 78
13) A. Werth, a.a.O., S. 641
14) A, Werth, a.a.O., S. 645f.
15) Stalin, Werke, Bd. 14, S. 241