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ARCHIV 2003 – 2017

Die Kollektivierung der Landwirtschaft

Im Rahmen der ersten beiden Fünfjahrpläne in den 30er Jahren fand in der Sowjetunion die Kollektivierung der Landwirtschaft statt.
Unglaubliche Dinge werden darüber berichtet und die erstaunlichsten Gerüchte ranken sich um dieses Ereignis. Glaubt man diesen, so wurden die Bauern massenhaft in die Kollektivwirtschaften gepreßt und anschließend hungerte ganz Rußland. Sich objektiv gebende Autoren fügen gewöhnlich hinzu, daß die Kollektivierung zwar ein enormer Fortschritt gewesen sei, doch wurde dieser unter riesigen Opfern der Bevölkerung erzielt.
Sehen wir uns auch hier die historischen Fakten an.

Die kollektivierte Landwirtschaft ist eine Übergangsform vom kleinen bäuerlichen Privatbetrieb zum Gemeineigentum. Der Boden ist verstaatlicht und die wichtigsten Produktionsmittel sind bereits Gemeineigentum.
Daneben gibt es auch noch – je nach der Stufe der Kollektivierung – privates landwirtschaftliches Eigentum. Für den einzelnen Bauern bedeutet dies, auf größeren Feldern wesentlich mehr zu produzieren, die Hilfe des Staates zur Mechanisierung zu nutzen, um die Produktion zu steigern. Er war nicht mehr der Konkurrenz der Großbauern ausgesetzt, die versucht hatten, ihn zu ruinieren.

Für das Land bedeutet die Kollektivierung der Landwirtschaft die Beseitigung der landwirtschaftlichen Kleinproduktion und ihre Ersetzung durch die Großwirtschaft. Sie bedeutete die umfassende Mechanisierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion und damit einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung. Die entsprechenden Zahlen von 1913 bis 1937 beweisen, daß die Kollektivierung für die Bevölkerung der Sowjetunion insgesamt positive Folgen hatte.

Zur selben Zeit, als sich in der Sowjetunion die Landwirtschaft so gewaltig entwickelte, als die westliche Presse eine große Propagandakampagne gegen die Kollektivierung entfaltete, wurden in den USA und in Frankreich die Anbauflächen um jeweils 8 Prozent verkleinert, wurde in Brasilien die halbe Jahresproduktion von Kaffee ins Meer geschüttet, wurden in den USA Lokomotiven mit Getreide geheizt, weil die Landwirtschaft angeblich zu viel produzierte, die Waren so zu billig geworden wären. Diese landwirtschaftliche Krise in fast allen kapitalistischen Ländern – zur selben Zeit, als in der UdSSR dieser große Umschwung geschah – war denn auch einer der Hauptgründe für die Propagandakampagne gegen die Kollektivierung.

Und die Entwicklung der Kollektivierung ging ganz rapide vor sich. Von allen Bauernwirtschaften waren Kolllektivwirtschaften im Jahre:
1929: 3,9 Prozent, 1930:23,6 Prozent, 1931: 52,7 Prozent, 1932: 61,5 Prozent, 1933:65,6 Prozent; 1937: 93,0 Prozent.1
Die Jahre 1930 und 1931 waren demnach die Jahre, in denen die kollektivierte Landwirtschaft den Durchbruch erzielte.

Die Verleumder Stalins reiten gewöhnlich auf zwei Fragekomplexen herum. Beim ersten dreht es sich darum, warum der Prozeß der Kollektivierung nicht schon früher eingeleitet wurde, schon einige Jahre früher. Ist das nicht als Beweis für Stalins Unfähigkeit in der Wirtschaftspolitik zu werten? Und hatte er nicht selbst noch ein, zwei Jahre zuvor gesagt, daß es zu früh für die beschleunigte Kollektivierung sei?
Im zweiten Komplex geht es darum, wie die Kollektivierung vor sich ging. War da Zwang und wer wehrte sich dagegen?

Die Kollektivierung der Landwirtschaft begann schon kurz nach der Revolution. Eine echte Massenbewegung wurde sie erst nach dem Beschluß des Fünfjahrplans und nachdem die KPdSU(B) am 5. Januar 1930 den Beschluß faßte, alle Möglichkeiten zu nutzen und zu schaffen, damit die Kollektivierungsbewegung beschleunigt werde.

Eine Voraussetzungen dafür war das Anwachsen der Produktion der wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte durch die bäuerlichen Einzelwirtschaften im Vergleich zu der Produktion durch die Wirtschaften der Großbauern (Kulaken genannt), also derjenigen, die noch andere Menschen für sich arbeiten ließen. Dieses war Ende der 20er Jahre erreicht, man war also nicht mehr auf die Produktion der Großbauern angewiesen.

Eine weitere Voraussetzung war, daß bei den Mittelbauern selbst der Drang nach den Kollektivwirtschaften wuchs und sich durchsetzte – was man im Jahre 1929 festellen konnte, als die Zahl der mittleren Bauern, die in die Kollerktive eintraten, sich von nicht ganz 1 Prozent auf beinahe 5 Prozent erhöht hatte. Eine Politik des Zwangs verbot sich von selbst, denn niemand wollte die Bauern gegen den Staat aufbringen.

Die dritte Voraussetzung war das Vorhandensein der technischen Möglichkeiten der Großproduktion. Diese wurden mit dem Fünfjahrplan geschaffen, mit landwirtschaftlichen Großmaschinen, der Errichtung von staatlichen Maschinen- und Traktorenstationen (MTS genannt), die den Kollektivwirtschaften zur Verfügung standen, und der Ausbildung Zehntausender von Agrarwissenschaftlern aus der Bauernschaft, die die wissenschaftliche Produktionsweise einführen konnten.

Damit wird deutlich, daß der Prozeß der Kollektivierung genau zu dem Zeitpunkt beschleunigt wurde, als die notwendigen Voraussetzungen existierten.

Die Zahl der Kulaken war zwar bis Ende 1929 durch die wirtschaftliche Entwicklung und die Gesetzgebung der Sowjetregierung, die ihre Entfaltung durch Steuergesetze und neue Arbeitsgesetze behinderte, noch weiter zurückgegangen, aber ihre Besitzverhältnisse bestanden immer noch. Sie waren es, die durch die Kollektivierung zu verlieren hatten. Denn zu einem durften sie ja im Kollektiv niemanden für sich arbeiten lassen, da sie ja keine privaten Eigentümer mehr waren, zum anderen mußte jedes Kollektivwirtschaftsmitglied selbst arbeiten.

Die Entwicklung der Bewegung zur Kollektivierung beschreibt der französiche Schriftsteller Henri Barbusse 1935:
„Am Ende des vierten Planjahres – die Anbaufläche für Getreide war um 21 Millionen ha gewachsen – waren 224 000 Kolchose und 5000 Sowchose geschaffen! Ende 1934 betrug die Zahl der Kolchose 240 000. 65 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe der Sowjetunion und 70 Prozent des bebauten Bauernlandes (man kann heute sagen drei Viertel) sind der Anziehungskraft der Kolchose erlegen. In Prozenten ausgedrückt vollzog sich diese Umwandlung der Bauernwirtschaften in Kollektivbetriebe folgendermaßen: 1929 – 4 Prozent; 1930 – 23 Prozent; 1931 – 52 Prozent; 1932 – 61 Prozent; 1933 – 65 Prozent (die mehr als 2 Millionen Bauernwirtschaften darstellen). In großen Wellen ergoß sich die planmäßige Kollektivierung erobernd über die unabsehbaren Ebenen der Sowjetunion. Heute gehört 85 Prozent des Getreidelandes in der UdSSR den Kolchosen und Sowchosen.
Und diese Betriebe sind von erstaunlichem Umfang: Während in den den Vereinigten Staaten nur der fünfte Teil der Farmen über mehr als 100 ha verfügt, beträgt in der Sowjetunion der Durchschnittsumfang der Kolchose 434 ha und der Sowchose 2000 ha.
Die materiellen Vorteile der Kollektivierung sind im Laufe dieser epochemachenden Eroberung des flachen Landes durch den Sozialismus durch mannigfaltige charakteristische Tatsachen bewiesen worden. Wir wollen nur eine von ihnen anführen: Es ist heute allgemein anerkannt, daß in der Ukraine erst die Erschließung der großen Hilfsmittel des gemeinschaftlichen Betriebes die Eindämmung der großen Gefahren erlaubt hat, die der Ernte durch die Dürre drohen. Nur die Kollektivierung hat der ganzen Union im Jahre 1934 ungeachtet der ungünstigen Witterungsverhältnisse eine bessere Ernte eingebracht, als das Jahr 1933.
Der Sowjetstaat ist den Bauern bei der Umgestaltung der Landwirtschaft entgegengekommen, indem er 2 860 Maschinen- Traktorenstationen im Werte von 2 Milliarden Rubel geschaffen und den Kolchosen Kredite eröffnet hat, die im verflossenen Jahr 1 Milliarde 600 Millionen Rubel betrugen. (Man muß verstehen, daß das Kredite sind, die aus einem Zweig der kollektiven Wirtschaft in einen anderen geleitet werden, Kredite aller an alle, und nicht, wie die Kredite der französischen Staatsbank an die Eisenbahn oder die Transatlantische Schiffahrtsgesellschaft, herrliche Subventionen von Ministers Gnaden, von denen ein guter Teil – von anderen Wirtschaftszweigen ganz zu schweigen – bei den Aufsichtsräten hängenbleibt.) Der Sowjetstaat hat den Kollektivbauern weiter geholfen, indem er ihnen Saat- und Brotgetreide zur Verfügung stellt, 42 Millionen Doppelzentner im vergangenen Jahre, und indem er für die armen Bauern Herabsetzung der Steuern und Versicherungsgelder durchführte, die im vergangenen Jahr 370 Millionen Rubel betrugen.
Die Gegenleistung: im Jahre 1929 haben die Einzelbauern dem Staat 780 Millionen Pud und die Kolchose 120 Millionen Pud Getreide geliefert. Im Jahre 1933 war das Bild umgekehrt: die Kolchose 1Milliarde Pud und die Einzelbauern 130 Pud. Zu alledem kommt noch die planmäßig fortschreitende Einrichtung einer Unmenge von Instituten, Laboratorien, Fachhochschulen, agranomischen Kursen und Expeditionen für landwirtschaftliche Zwecke. Diese wohldurchdachte Organisation der Landwirtschaft mit ihren Riesenbetrieben, mit den Forschungen, Verbesserungsmaßnahmen und Experimenten für die Hebung der Landbebauung und Düngung ist schon an und für sich ein erhebendes Bild.“2

Gegen die Kollektivierung gab es auch Widerstand, dessen Quelle vor allem die Kulaken waren, denn sie konnten durch diese neue Revolution nur verlieren. Denn es war eine Revolution zur Abschaffung der letzten großen Ausbeuterklasse in der Sowjetunion.

Doch diese Kulaken hatten durchaus noch eine gewisse Macht. Ihr Viehbestand und die Verfügung über fast ein Drittel der Anbaufläche machten sie nach wie vor zu einem Faktor. Und da sie zum Zeitpunkt der Beschleunigung der Kollektivierung immer noch etwa 5,8 Millionen Menschen zählten, und es immer noch mehrer Millionen Menschen gab, die von ihnen abhängig waren, war dieser Faktor recht groß.

Sie organisierten eine große Kampagne gegen die Kollektivierung, wobei sie propagierten daß die Kollektivierung den Ruin aller Bauern bedeute. Doch diese Propaganda war nur der Auftakt ihres verzweifelten Kampfes um ihre Existenz. Den Worten folgte schon bald massive Wirtschaftssabotage. Sie schlachteten ihr Vieh, das sie ja in verhältnismäßig großen Mengen besaßen. Sie schlachteten mindestens 10 Millionen Pferde und noch mehr Kühe. Mittelbauern, die ihnen glaubten, taten es ihnen nach. Sie rechneten damit, daß ohne das Kulakenvieh die Wirtschaft ins Stocken geraten würde.
Sie versteckten und horteten ihr Getreide, um nach Möglichkeit eine Lebensmittelknappheit in den Städten zu provozieren und dadurch Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik des Sowjetstaates zu erzeugen.
Sie sabotierten auch direkt die Getreideproduktion der Kollektivwirtschaften. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 1931 wurden mehr als 270 Getreidespeicher der Kollektivwirtschaften in Brand gesteckt.
Viele gingen noch weiter und bildeten regelrechte Banden, die Kollektivbauern terrorisierten und Jagd auf Mitglieder der kommunistischen Partei machten, die für die Kollektivierung arbeiteten. Anfang 1931 wurden mehr als 100 Kommunisten erschossen!

Wenn ich oben schrieb, daß sich eine Politik des Zwangs von selbst verbot, so wurde dieser Fehler dennoch gemacht. Dies machten sich die Kulaken natürlich zunutze. In einer ganzen Reihe von Fällen versuchten Kommunisten und Behörden mittels Druck und Zwang Erfolge bei der Kollektivierung zu erzielen. Hinzu kam, daß dieser Zwang auf die Mittelbauern angewandt wurde, also auf die, von denen viele noch immer auf die Kulaken-Propaganda hörten.

Deshalb verfaßte Stalin im März 1930 seinen Artikel „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“, in dem er dieses Vorgehen scharf kritisierte und nochmals nachdrücklich betonte, daß keinerlei Zwang für den Zusammenschluß in Kollektivwirtschaften ausgeübt worden dürfe, wenn dieser nicht völlig den Sinn verlieren sollte. Mit diesem Artikel führte er einen weiteren Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU herbei, der einerseits jeden Kommunisten davor warnte, gegen die Politik der Partei zu verstoßen, und der andererseits eine Reihe von Maßnahmen vorsah, um der Bewegung zur Kollektivierung weiter zu helfen. Zugleich wandte er sich gegen noch vorhandene innerparteiliche Kritiker an der Kollektivierung, die meinten, das ganze rentiere sich nicht.

Dazu berichtet Barbusse: „Es hat ernste Widerstände gegeben. Die Triebkraft dieses Widerstandes war die verzweifelte und wütende Gegenwehr der Kulaken. Und man hat bei den ersten Versuchen der Durchsetzung dieses großen Werkes auch nicht wenig Lehrgeld zahlen müssen. Es gab einen Augenblick, wo man aus dem Tritt kam. Man war zu schnell vorwärtsgegangen. Der Artikel Stalins: ‚Erfolge steigen zu Kopf‘ (dieser Artikel ist beinahe legendär geworden), führte die Wendung herbei und korrigierte die Abweichung. Danach mußte etwas geschehen. Also führte man eine Mobilisierung von Kommunisten und Spezialisten durch, die auf das Land hinausgeschickt wurden. Man ging dabei von dem Grundsatz aus, daß man, um eine verfahrene Sache, welcher Art sie auch sein möge, wieder in die richtige Bahn zu bringen, die Leitung von neuem fest in die Hand nehmen und von vorne anfangen muß, indem man unten bei der Basis beginnt und sie verstärkt. Jede Traktorenstation wurde zu einer ideologischen Festung, von der aus man in das Gehirn der Bauernmassen aufklärend vorstieß. Auf diese Weise wurden 25 000 erprobte Kommunisten, 110 000 Spezialisten und zu gleicher Zeit 190000 Traktorenführer und Mechaniker den Kolchosen zur Hilfe geschickt. Und sie sind mit ihrer Aufgabe fertig geworden.
Aber die Kritik kommt nicht zum Schweigen. Ein großer Teil der Kolchose ist nicht rentabel. Einige Kommunisten schlagen sogar, das ganze kostspielige Experiment aufzugeben.
Wieder einmal zeigt unser großer Leiter seine großzügige Voraussicht, indem er sich mit bitterer Heftigkeit diesem gewaltsamen Vorschlag der Kurzsichtigen engegenstellt. In ihr Geschrei hinein tönt sein Ruf: Nicht rentabel? So war es auch mit den Industriebetrieben im Jahre 1927. Wir haben sie rentabel gemacht. Und, sie sind vor allem die Grundlage des Ganzen, des Systems …
Man darf die wirtschaftliche Rentabilität nicht vom rein geschäftsmäßigen Standpunkt der augenblicklichen Konjunktur aus betrachten. Die wirtschaftliche Rentabilität muß vom Standpunkt der Gesamtheit unseres Wirschaftslebens für eine Periode von mehreren Jahren betrachtet werden. Nur eine solche Betrachtungsweise kann wirklich leninistisch, wirklich marxistisch genannt werden.‘
Und darum ist dies auch der Standpunkt Stalins. Wenn Stalin einerseits sich die Liquidatoren, die ‚Pfuscher‘ von rechts vornimmt, so packt er andererseits auch die ‚Phrasenmacher‘ von links an und jene, die sich von dem schnellen Gang der Ereignisse überholen lassen. So beschuldigte er schonungslos jene Kommunisten in den Agrargebieten, die es nicht verstanden haben, im Jahre 1932, wo eine gute Ernte zu verzeichnen war, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die staatliche Getreideaufbringung durchzuführen, bevor die für den Bauern gewinnbringenderen Verkäufe auf dem Kolchosenmarkt erfolgten.
Er kritisierte selbst den Rat der Volkskommissare, der in dieser Frage zwar entsprechende Verfügung erlassen, aber nach seiner Meinung nicht genug zu ihrer Bekanntgabe und Durchsetzung getan hat.
Die bei dem Aufbau der Kolchose erreichten Resultate sind bedeutend, stellt er fest, es wäre aber ein großer Irrtum, sich einzubilden, man könne nun einfach die Hände in den Schoß legen. Noch bestehen große Schwierigkeiten.“3

In dieser insgesamt sehr schwierigen, weil auch völlig neuen Situation mußten zwangsläufig auch harte Maßnahmen gegen Kulaken angewandt werden, die gegen die Gesetze verstoßen, die gemordet, gebrandschatzt und gestohlen hatten. Sie landeten im Gefängnis oder wurden ausgewiesen, eine Reihe auch erschossen. Gegen die, die sich fügten, gab es keine solchen Maßnahmen, sondern das Angebot zur Mitarbeit. Viele dieser Kulaken taten das.
Viele andere, die sich Vergehen hatten zuschulden kommen lassen, zogen es dagegen vor, freiwillig in eine andere Gegend der UdSSR zu fliehen, um dort in eine Kollektivwirtschaft einzutreten. Entweder um Ruhe zu haben oder aber, wie es einige tausend taten, um auf die „Stunde der Rache“ zu warten.
Aus dieser Flucht von ungefähr 30.000 Kulaken und der Ausweisung weiterer 20.000 wird in der bürgerlichen Presse gewöhnlich die „Vertreibung Hunderttausender sowjetischer Bauern“.
In Wirklichkeit verlief die Entwicklung ganz anders. Bereits am 7. Januar 1933 konnte Stalin feststellen:
„Die Partei hat erreicht, daß das Kulakentum als Klasse zerschmettert, wenn auch noch nicht vernichtet ist, daß die werktätige Bauernschaft von der Knechtung und Ausbeutung durch die Kulaken befreit ist und daß für die Sowjetmacht im Dorfe eine feste wirtschaftliche Basis geschaffen wurde, die Basis der kollektiven Wirtschaft.
Die Partei hat erreicht, daß die Sowjetunion aus einem Lande der kleinbäuerlichen Wirtschaft bereits zum Lande der größten landwirtschaftlichen Betriebe der Welt geworden ist.“4

Die armen Bauern und die mittleren Bauern begriffen mehr und mehr, daß sie von der Kollektivierung nur zu gewinnen hatten. Deshalb folgten sie dem Ruf der Partei zum Kampf gegen die Kulaken.
Der Kampf gegen diese letzte Ausbeuterklasse war somit auch nicht nur ein Kampf zwischen Kommunisten und Kulaken, sondern zwischen den breitesten Teilen der Bauern und ihren ehemaligen Ausbeuter. Die Bauern, gestützt auf die Sowjetmacht, nahmen ihnen das Land, das Vieh und die Maschinen ab, so wie die Arbeiter im Oktober 1917 den Kapitalisten die Werke, Fabriken und Banken abgenommen hatten.

Über die Auswirkung der Kollektivierung der Landwirtschaft auf die asiatischen Republiken der UdSSR berichtet ein des Kommunismus sehr unverdächtiger Zeuge, der Dekan von Canterbury:
„Die nächste Etappe mußte durch den Traktor erobert werden. Es war schwer für die Bauern, das Land, in dessen Besitz sie eben erst gelangt waren, von neuem hergeben zu müssen und sich in größeren Gruppen zu Kollektivfarmern zusammenzuschließen. Es bestand die Gefahr, daß Einzelbauern durch das Zusammenraffen von Land Reichtum erwerben und daß die eben beseitigten Übel von neuem beginnen würden. Der Traktor rettete sie vor sich selbst. Das Frühjahr 1930 brachte den Höhepunkt der Krise. Der Frühling kam spät ins Land. Die Zeit zur Aussaat war kurz bemessen. Die Bauern quälten sich auf ihren kleinen Wirtschaften mit Holzpflügen, um die Erde aufzukratzen, während jenseits der schmalen Furche, die ihr kleines Feld von den Staatsgütern trennte, das riesige Stahlroß den harten Boden im Gewalttempo tief aufriß. Vergeblich warnten die Mullahs die Bauern, daß die mit Traktoren umgepflügten Felder keinen Erntesegen brächten‘. Das Wunder hatte sich vor ihren erstaunten Augen vollzogen, und der Traktor hatte gesiegt. Die Bauern strömten in die Kollektive. Die Zeit war reif für eine geplante Baumwollindustrie in Zentralasien“.5

Dabei muß man sich bewußt machen, daß die Bauern in den asiatischen Republiken zum Teil erst 1927 von der Herrschaft der Feudalen befreit worden waren, also erst drei Jahre unter der Sowjetmacht lebten.

In seinem bereits erwähnten Bericht vom 7. Januar 1933 sagte Stalin: „Bei der Verwirklichung des Fünfjahrplans in der Landwirtschaft hat die Partei die Kollektivierung in beschleunigtem Tempo durchgeführt. Hat die Partei richtig gehandelt, als sie die Politik des beschleunigten Kollektivierungstempos betrieb? Ja, sie hat unbedingt richtig gehandelt, obwohl es hier nicht ohne einen gewissen Übereifer abgegangen ist. Bei der Durchführung der Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse und bei der Vernichtung der Kulakennester konnte die Partei nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Sie mußte dieses Werk zu Ende führen.“6

So sah die Politik der Kollektivierung der Landwirtschaft aus, die den Völkern der Sowjetunion die Sicherheit ihrer Versorgung gewährleistete, ihnen mehr Brot als je zuvor beschaffte und den Bauern in seiner Existenz sicherte. Es war zugleich der siegreiche Kampf gegen die letzte Ausbeuterklasse, die Kulaken, die Großbauern.

Klaus Wallmann sen.

Anmerkungen:

1) W.A. Karpinski: „Wie der Bauer in der Sowjetunion lebt“, S. 20, Berlin 1946
2) Henri Barbusse, „Stalin – eine neue Welt“, S. 222f., Paris 1935
3) Henri Barbusse, ebenda, S. 228 ff.
4) Stalin, Werke, Bd. 13, S. 171
5) Hewlett Johnson, „Ein Sechstel der Erde“, S. 304, Berlin 1948
6) Stalin, Werke, Bd. 13, S. 174f.

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