Faschismus gab es in vielen Ländern. War der Nationalsozialismus in Deutschland etwas Besonders oder hatte er gemeinsame wesentliche Merkmale, die auch die faschistischen Bewegungen und Herrschaftssystem anderer Länder aufwiesen?
Natürlich kann man zu bestimmten Erkenntniszwecken die Besonderheiten des Vogelbeerbaums gegenüber anderen Bäumen hervorheben, wie man zu einem anderen Zweck die Merkmale betonen kann, die allen Bäumen gemeinsam sind, den Vogelbeerbaum also als eine Erscheinungsform des Baumes auffassen. Mangelnde Abstraktionfähigkeit, die vor lauter Einzelnem das Ganze, vor lauter Besonderheiten das Allgemeine nicht zu sehen vermag, führt schnell zu einer falschen Auffassung vom Wesen des Nationalsozialismus, die bei vielen bürgerlichen „Historikern“ anzutreffen ist. Natürlich war der „Gröfaz“ und der extreme Antisemitismus eine Einmaligkeit, doch dem Wesen des Nationalsozialismus kommen wir damit nicht näher. Nur wenn man den Nationalsozialismus als Form des Faschismus begreift, kann man dessen Wesen erkennen, und nur auf dieser Basis zeigt sich, ob der Historiker begriffen hat, was im Geschichtsprozeß das Wesentliche ist.
Das Wesen des Faschismus äußert sich primär in seinen Taten und in seiner realen Politik. Seine Ideologie umstandslos als Wesen zu nehmen, würde bedeuten, daß man nachträglich noch einmal auf seine Propaganda hereingefallen ist. Faschismus an der Macht – das erst zeigt, was er wirklich ist.
Die Herrschaftssysteme die z.B. 1922 in Italien, 1933 in Deutschland, 1934 in Österreich, 1935 in Japan, 1939 in Spanien, 1973 in Chile und 1980 in der Türkei errichtet wurden, hatten wesentliche gemeinsame soziale Inhalte. Den Massen wurde jede Möglichkeit genommen, ihre Interessen zu organisieren oder zu artikulieren. Arbeiterorganisationen wurden zerschlagen, ihre aktivsten Kämpfer eingesperrt oder ermordet, ihre politischen Ideen als Verbrechen deklariert. Den Kapitalbesitzern wurde die „Führerschaft“ über die Arbeiter übertragen. Den Interessen des Großkapitals wurden in all diesen Systemen optimale Chancen geboten. Während sich die soziale Lage der Massen deutlich verschlechterte, erhöhten sich die Gewinne der Privatwirtschaft, insbesondere der großen Konzerne.
All dies hatte der deutsche Nationalsozialismus mit den anderen faschistischen Systemen gemeinsam, und daß dies eine sehr wesentliche Gemeinsamkeit ist, dürfte wohl nicht zu bestreiten sein.
In ökonomisch starken Ländern äußerte sich der soziale Inhalt des Faschismus auch in der starken Tendenz zu Rüstung und Krieg, also zur militärischen Expansion, zum Krieg. Darin unterschied sich der deutsche Nationalsozialismus nicht von den faschistischen Systemen in Italien und Japan. Immer ging es dabei um neue Rohstoffe, Exportmärkte und billige Arbeitskräfte.
Die Methoden der Herrschaftsausübung entsprachen immer den inhaltlichen Zielen. Die Ausschaltung der Massen von der politischen Mitgestaltung erforderte die Anwendung offenen, systematischen Terrors. Mit dieser Methode ist die Herrschaft der Faschisten in den industriell wenig entwickelten bzw. abhängigen Länder ausreichend beschrieben.
In Deutschland, Italien und Japan kam zur Methode des Terrors noch eine ganz spezifische Form der Mobilisierung der Massen hinzu. Massenorganisationen und eine aktivistische Ideologie und Propaganda waren ein Mittel zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung. Den größten Erfolg hatten dabei zweifellos die deutschen Faschisten, was aber nicht bedeutet, daß die Massenbasis eine singuläre deutsche Erscheinung war. Der Nationalsozialismus unterscheidet sich zwar quantitativ von den anderen faschistischen Regimen, aber nicht prinzipiell.
Haben wir die Verwandschaft des Nationalsozialismus mit den anderen Varianten des Faschismus hinsichtlich des politischen Inhalts wie der Herrschaftsmethoden einmal erkannt, so kann man erwarten, daß wir diese auch in der Ideologie zu erkennen vermögen.
Leicht zu erkennen ist der Zusammenhang von Antikommunismus und der politischen Stoßrichtung gegen die Arbeiterbewegung. Der Zusammenhang zwischen der Ideologie des Führertums und der Autorität und dem Kampf gegen den demokratischen und parlamentarischen Staat ist ebensowenig zu übersehen. Rassenideologie und militaristische Ideologie hängen zusammen mit der auf Krieg und Eroberung ausgerichteten Politik. Die Lehre von den höherwertigen und minderwertigen Menschen verschärfte den Sozialdarwinismus des 19.Jh. und spiegelte das kapitalistische Prinzip der Konkurrenz mit aller Konsequenz wider.
Komplizierter ist die Ideologie von der Abschaffung der Klassenunterschiede und der Herstellung der Volksgemeinschaft zu erklären, wobei diese Ideologie nicht auf die Legitimierung, sondern auf die Verschleierung der realen Politik zielt. Mit der Herausbildung der Arbeiterbewegung hatten sich die Massen als historisches Subjekt konstituiert, sie griffen zunehmend bewußter in den Gang der Geschichte ein. In schweren Krisen, wie z.B. der großen Weltwirtschaftskrise nach 1929, mußten Parteien, wollten sie die Massen gewinnen, die Abschaffung der Klassenunterschiede und die „Volksgemeinschaft“ fordern. Sogar antikapitalistische und „sozialistische“ Töne waren angebracht. Das taten die deutschen Nationalsozialisten ebenso wie die italienischen Faschisten, das taten zumindest in Hinsicht auf die nationale Gemeinschaft, auch alle anderen faschistischen Bewegungen und Regime.
Die Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und den anderen Varianten des Faschismus sind unübersehbar, und sie sind keineswegs Äußerlichkeiten oder Randerscheinungen. Besonderheiten gab es natürlich auch. So war z.B. die Massenbasis quantitativ wie qualitativ so hoch entwickelt wie in keinem anderen faschistischen Staat. Die Ursache liegt in den Besonderheiten der deutschen Geschichte.
Kein anderes faschistisches System hat den Terror und die Vernichtung in so einem Ausmaß praktiziert. Der Grund liegt in seiner weltherrschaftlichen Zielsetzung.
Der extreme Rassismus, der Versuch der vollständigen Ausrottung des Judentums ist sehr wohl eine besondere Eigentümlichkeit gegenüber den anderen Formen des Faschismus. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, daß diese besondere Steigerung des Rassismus sich aus den allgemeineren Formen entwickelte, die grundlegende Wesensverwandschaft also ebenfalls vorhanden ist.
Die Besonderheiten sind demnach extreme Steigerungen solcher Strukturen und Triebkräfte, die auch andere Formen des Faschismus kennzeichnen.
Aus all dem wird deutlich, daß kein Grund besteht, den Nationalsozialismus aus dem allgemeinen Phänomen des Faschismus auszugrenzen, oder gar den Faschismus ausschließlich auf Italien zu begrenzen. Das es nationale Besonderheiten gibt, ist eine triviale Feststellung.
Für die Begriffsbildung ist nur entscheidend, ob die unterschiedlichen Formen Wesentliches gemeinsam haben. Den hohen Grad der Gemeinsamkeiten glaube ich dargestellt zu haben, wenn auch sehr verkürzt.
So muß ich denn den Leserbriefschreiber zurückweisen. Egal ob ich in meinen Beiträgen den Begriff Faschist, Nazi, Neofaschist oder Neonazi verwende – ich verwende immer einen richtigen Begriff, der auch immer das von mir Gemeinte ausdrückt.
Zum Schluß komme ich noch einmal auf die Demokratie zurück. Nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Systems zogen die Parteien – von der KPD bis zur CDU – durchaus Schlußfolgerungen aus der Geschichte. Man hatte erlebt, wie sich die Aktivitäten der faschistischen Partei aus spärlichen Anfängen in relativ kurzer Zeit zu sehr umfassenden Aktionen steigern konnten. Daraus resultierte die Erkenntnis, daß es ein ganz falscher Begriff von Demokratie wäre, wenn man ihn so verstünde, daß alle politischen Kräfte sich frei entfalten dürfen. Wohin das führt, hatte man 1933 gesehen. Deshalb faßte man den Demokratiebegriff inhaltlich, wobei die Schlußfolgerung, daß keinerlei Aktivitäten des Faschismus zugelassen werden dürfen, auch in der Gesetzgebung ihren Niederschlag fand.
Im Vergleich mit der realen Entwicklung Deutschlands treten die Defizite der Demokratie ebenso zutage, wie die Einbruchstellen, die sich den Neofaschisten in jüngster Zeit wieder bieten.
Klaus Wallmann sen.