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ARCHIV 2003 – 2017

Das Massaker von Katyn

„Stalinsche Morde“ oder „Stalinsche Verbrechen“ gehören zu den Schlagworten des Antikommunismus und sind eng mit dem Begriff „Massaker von Katyn“ verbunden. In der Bundesrepublik lernen viele Schüler im Geschichtsunterricht, daß in Katyn ca. 10.000 polnische Offiziere von Stalins Schergen brutal ermordet wurden. Was Auschwitz für Hitler, das ist Katyn für Stalin. Diese Behauptung bildet den Kerngedanken dieser antikommunistischen Legende über den „bolschewistischen Terror“.

Tatsache ist, daß es in den Wäldern bei Katyn ein Massengrab mit tausenden Leichen polnischer Offiziere gab, die nach dem Einrücken der Roten Armee in die Gebiete der Westukraine und des westlichen Weißrußlands gefangengenommen, und nicht wie die einfachen polnischen Soldaten sofort wieder freigelassen wurden. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands im Sommer 1941 gerieten diese Gefangenen der Roten Armee genauso wie die sowjetische Zivilbevölkerung dieses Gebiets unter die Herrschaft der Faschisten.

Mitte April 1943 verbreitete die berüchtigte Goebbelsche Giftküche, das sogenannte Ministerium für „Volksaufklärung und Propaganda“, die Meldung, deutsche Truppen hätten in den Wäldern von Katyn, in der Nähe der Stadt Smolensk mehrere Massengräber mit den Leichen polnischer Offiziere gefunden, die im März 1940, also drei Jahre zuvor, von den Russen erschossen worden seien.

Goebbels Falschmeldung sollte von den eigenen grausamen Verbrechen ablenken und diese Untat den „bolschewistischen Untermenschen“ in die Schuhe schieben. Nach der vernichtenden Niederlage von Stalingrad hatte sich die Lage der Nazis so sehr verschlechtert, daß sie befürchteten auch den Raum von Katyn aufgeben zu müssen. Zum anderen sollte diese Meldung die Beziehungen zwischen der UdSSR und der polnischen Exilregierung in London verschlechtern, was auch gelang. Die Exilregierung der polnischen Obristen schluckte diese Meldung begierig und sorgte für ihre Verbreitung. Dies führte schließlich dazu, daß die Regierung der UdSSR die Beziehungen zur polnischen Exilregierung abbrach.

Die sowjetische Prawda vom 16. und 19.04.1943 widerlegte Goebbels Falschmeldungen sofort:
„Die Goebbelsche Lügenpropaganda hat in den letzten zwei oder drei Tagen empörende und verleumderische Behauptungen über angebliche Massenerschießungen durch sowjetische Organe im Raum Smolensk im Frühjahr 1940 verbreitet. Die deutsche Erklärung läßt keinen Zweifel über das tragische Schicksal der früheren polnischen Kriegsgefangenen, die 1941 in den Räumen westlich Smolensk bei Bauarbeiten beschäftigt waren und zusammen mit vielen Sowjetbürgern, Bewohnern der Provinz Smolensk, den deutschen Henkern nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Smolensk in die Hände fielen ( … )
Doch das ist nicht der erste Fall dieser Art: Schon 1941 inszenierten sie in Lwow das Theater mit den ‚Opfern des bolschewistischen Terrors‘. Hunderte von Zeugen entlarvten dann die deutschen Lügen.
In dem Bewußtsein, daß die ganze fortschrittliche Menschheit ihre Massaker an friedlichen Bürgern und besonders an Juden verurteilt, suchen jetzt die Deutschen, den Haß der Leichtgläubigen gegen die Juden zu schüren: aus diesem Grund erfanden sie eine ganze Kollektion geheimnisvoller jüdischer Kommissare‘, die, wie sie behaupten, an der Ermordung der 10000 polnischen Offiziere teilgenommen hätten. Für so ausgekochte Fälscher war es nicht schwierig, die Namen von Leuten zu erfinden, die niemals existierten – Lew Rybak, Avraam Borisowitsch, Paul Brodninskiy, Chaim Finberg. Diese Personen existierten weder in der ‚Sektion Smolensk der OGPU‘ noch in irgendeiner anderen Abteilung des NKWD.“

Außer der polnischen Exilregierung zweifelte außerhalb Deutschlands niemand daran, daß die sowjetische Gegendarstellung richtig war.
In einem Brief an J.W. Stalin schrieb der britische Premier Winston Churchill zu Goebbels Vorschlag, unter dem Schutz der Wehrmacht eine Untersuchungskommission des Roten Kreuzes zuzulassen:
„Eine solche Untersuchung wäre ein Betrug, und ihre Ergebnisse würden durch Terror zustande kommen. Herr Eden wird heute mit Sikorski (dem Chef der polnischen Exilregierung) zusammentreffen und ihn so energisch wie nur möglich drängen, jeder Untersuchung unter dem Schutze der Nazis die Unterstützung zu entziehen“.
(Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman, S. 152, Berlin 1961)

Doch die damaligen Alliierten sollte bald der „Eiserne Vorhang“ trennen. Der „Kalte Krieg“ begann und im Jahre 1951 gruben amerikanische Politiker dieses Machwerk aus Goebbels Giftküche wieder aus. Im amerikanischen Repräsentantenhaus wurde eigens ein Untersuchungsausschuß „über Katyn“ gebildet, dem neben dem berüchtigten Kommunistenjäger McCarthy auch alle Vertreter des extremen Antikommunismus der USA angehörten. Wider besseren Wissens legten sie die Goebbelspropaganda neu auf, denn zu diesem Zeitpunkt war die ganze Wahrheit über das Massaker von Katyn seit Jahren bekannt.

Als die Rote Armee Ende August 1943, vier Monate nach Goebbels Kampagne, Smolensk wieder von den Nazi-Truppen befreiten, organisierten die sowjetischen Behörden sofort einen Untersuchungsausschuß: die „Sonderkomission zur Feststellung und Untersuchung des Tatbestandes der Erschießung kriegsgefangener polnischer Offiziere im Wald von Katyn“ (im folgenden Text als „Sonderkomission“ bezeichnet), unter Vorsitz des Chefchirurgen der Roten Armee, Burdienko.

Der Sonderkomission gehörten auch der Schriftsteller Alexej Tolstoj, der Metropolit von Moskau, Nikolaj, der Vorsitzende des Allslawischen Komitees, Gundorow, der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Verbandes der Organisationen des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds, Kolessnikow, der Volkskommissar für Bildungswesen der RSFSR Potjemkin, führende sowjetische Gerichtsmediziner und eine große Zahl weiterer Sachverständiger an.
Die Existenz dieser Sonderkomission wurde in den fünfziger Jahren bezeichnenderweise von den bürgerlichen Massenmedien vollständig verschwiegen. Daher wurde nach der Gründung des o.g. sogenannten Untersuchungsausschusses des amerikanischen Repräsentantenhauses der Untersuchungsbericht der Sonderkomission im Jahre 1952 in verschiedenen Sprachen erneut veröffentlicht. In der Zeitschrift „Neue Zeit“, Ausgabe Nr. 10 vom 05.05.1952, erschien er als Beilage in deutscher Sprache, der auch die folgenden Angaben entnommen wurden.
Erstmalig wurde der Bericht der Sonderkomission nach Abschluß der Untersuchung im Januar 1944 veröffentlicht.

Die Aussagen von mehr als 100 Zeugen, zahlreiche Beweisstücke sowie die Untersuchung der Leichen entlarvten das Verbechen als Verbechen der Nazis.

Die Zeugenaussagen erwiesen, daß die polnischen Offiziere beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht noch lebten. Danach durfte der Wald von Katyn, der ein beliebtes Ausflugsziel der Smolensker war, nicht mehr ohne Passierschein betreten werden. Ein abgeriegeltes Gebiet aber ist die Hauptvoraussetzung für einen heimlichen Massenmord.

Frauen, die beim Stab der Gestapo in einem Waldhaus bei „Kosij Gory“ arbeiteten, bestätigten nicht nur die Tatsache, daß die polnischen Offiziere zu Beginn der deutschen Besatzung noch am Leben waren, sondern auch deren Erschießung durch die Nazis. Zahlreiche weitere Zeugen bestätigten diese Aussagen, unter ihnen ein Herr Basilewski, Professor der Astronomie und Direktor der Sternwarte von Smolensk, den die Nazis zwangsweise zum stellvertretenden Bürgermeister von Smolensk ernannt hatten.

Auch die Methode der Nazis, Delegationen zu den Gräbern zu schicken und mit angeblichen Zeugen für die russischen Verbrechen aufzuwarten, wurde entlarvt. Mit Drohungen, Folter und Belohnungen zwangen sie die Menschen, als „Augenzeuge“ für die Erschießung von polnischen Offizieren aufzutreten, die angeblich von den Bolschewisten vorgenommen wurden.

Um die Gräber der Polen öffentlich vorzeigen zu können, zwangen die Nazis 500 russische Kriegsgefangene die Leichen entsprechend zu präparieren. Anschließend wurden auch diese ermordet. Nur wenigen gelang die Flucht, und ihre Aussagen bestätigten, was aus den Aussagen zahlreicher anderer Zeugen bereits rekonstruiert worden war.

Mit den sogenannten Exkursionen, die die Nazis vor allem für dubiose „polnische Delegationen“ und die einheimische Bevölkerung organisierten, hatten sie wenig Erfolg. Unvoreingenommene Besucher stellten einen teilweise noch sehr frischen Eindruck der Leichen fest. Ohne auseinanderzufallen konnten sie transportiert werden, Kleidung, metallische Teile und Schuhe waren noch gut erhalten. In der Folgezeit verfolgten die Nazis die Menschen, die diese Dinge erzählten.
Daher wurden die Exkursionen nach zwei Monaten wieder eingestellt.

Im August 1943, als sich die Wehrmacht zurückziehen mußte, versuchten die Nazis alle Spuren zu verwischen. Das Landhaus, in dem der Stab der Gestapo untergebracht war, wurde niedergebrannt, die vorher präsentierten Zeugen wurden zum großen Teil ermordet oder verschleppt.

Doch es gab Zeugen, es gab Beweisstücke und es gab die Leichen der Opfer dieses Massenmordes.

Als die Sonderkommission im Januar 1944 in Moskau die Exhumierung von 925 der gefundenen Leichen vornahm, tat sie das in aller Öffentlichkeit und lud dazu die gesamte westliche Presse ein. Über drei Dutzend Berichterstatter dieser Presse folgten der Einladung, darunter waren auch sachverständige Beobachter.

Die sowjetische Regierung setzte damit nur fort, was sie auch schon bei der Anhörung der Zeugen praktiziert hatte. Unter den zahlreichen unabhängigen Beobachtern war auch Kathie Harriman, die Tochter des US-Botschafters Averell Harriman, in ihrer Funktion als Korrespondentin der amerikanischen Presse. Unter allen diesen Anwesenden gab es keinerlei Zweifel über die Richtigkeit des Berichts der sowjetischen Sonderkommission.
Auch die amerikanische Presse, die nur wenige Jahre später eine wüste Hetzkampagne gegen die UdSSR wegen ihrer angeblichen „Morde von Katyn“ starten sollte, berichtete damals ausschließlich in diesem Sinn.

Der abschließende Bericht der Sachverständigen über die medizinische Untersuchung der Leichen der Opfer des Nazi-Terrors, den die Sonderkommission veröffentlichte, stellte fest, daß sich die Leichen nur kurze Zeit im Boden befanden:

„Vergleicht man aber den Zustand der Leichen in den Gräbern auf dem Gelände von ,Kosji Gory‘ mit dem Zustand der Leichen an anderen Grabstätten in der Stadt Smolensk und in ihrer nächsten Umgebung – in Gedeonowka, Maga-lenschtschina, Readowka, im Lager Nr. 126, in Krassny Bor usw., (siehe Protokoll der gerichtsmedizinischen Sachverständigenkommission vom 22. Oktober 1943), so muß festgestellt werden, daß die Leichen der polnischen Kriegsgefangenen auf dem Gelände von ,Kosji Gory‘ vor etwa zwei Jahren begraben wurden. Das findet seine volle Bestätigung in den Dokumenten, die in der Kleidung an den Leichen gefunden wurden, und die frühere Begrabungstermine ausschließen (siehe Punkt e, Artikel 36 und Verzeichnis der Dokumente).
Die gerichtsmedizinische Sachverständigenkommission, die die Tatsachen und Ergebnisse der Untersuchungen zur Grundlage nimmt, betrachtet es als festgestellt, daß kriegsgefangene Offiziere und zum Teil Soldaten der polnischen Armee durch Erschießung getötet wurden;
konstatiert, daß diese Erschießung in eine Zeit fällt, die etwa zwei Jahre zurückliegt, d. h. zwischen September und Dezember 1941 stattfand;
erachtet die Tatsache, daß die gerichtsmedizinische Sachverständigenkommission in der Kleidung der Leichen Wertsachen und Dokumente fand, die mit dem Jahr 1941 datiert sind, als Beweis dafür, daß die faschistischen deutschen Behörden, die im Frühjahr und Sommer 1943 eine Durchsuchung der Leichen vornahmen, diese Durchsuchung nicht sorgfältig durchführten, die aufgefundenen Dokumente hingegen zeigen, daß die Erschießung nach dem Juni 1941 vorgenommen wurde;
stellt fest, daß die Deutschen im Jahre 1943 nur eine verschwindend kleine Anzahl Obduktionen von Leichen der erschossenen polnischen Kriegsgefangenen vornahmen;
stellt fest, daß das Verfahren bei der Erschießung polnischer Kriegsgefangener völlig identisch ist mit der Art der Erschießung friedlicher Sowjetbürger und sowjetischer Kriegsgefangener, die von den faschistischen deutschen Behörden auf dem vorübergehend besetzten Gebiet der Sowjetunion, darunter in den Städten Smolensk, Orel, Charkow, Krassnodar und Woronesh, weitgehend angewandt wurde.“

Noch einmal: Unter allen den Anwesenden gab es 1944 über die Richtigkeit der Feststellungen dieses Berichts keinerlei Zweifel, auch nicht bei der amerikanischen Presse.
Zweifel wurden damals nur von einer Seite laut: von der Exilregierung der polnischen Obristen in London, die bereits die Nazi-Verleumdung bereitwillig aufgegriffen hatten. Sie nutzten diese Hetze, um das wachsende Ansehen der Roten Armee und der UdSSR wegen ihres Kampfes gegen Hitler-Deutschland unter dem polnischen Volk zu schmälern.

Selbst ein Alexander Werth, einer der wenigen Autoren, die die sowjetische Darstellung anzweifeln, kam nicht umhin, eine Reihe von Tatsachen anzuführen, die ihm zwar nicht in sein antisowjetisches Konzept passen, aber selbst ihn dazu bringen zu glauben, daß die Darstellung wohl doch richtig sei.

„Zunächst war die Technik der Massenmorde, was immer auch die Deutschen sagen mochten, eher deutsch als russisch. An zahllosen anderen Orten hatte die Gestapo eben diese Technik angewandt. Was den NKWD angeht, so war es eher wahrscheinlich, daß die in seiner Obhut befindlichen Menschen an Überarbeitung, Unterernährung oder Kälte starben, nicht aber, weil man sie in Massen hinmordete. Zweitens das Motiv: Warum hätten die Russen die Polen 1940, in Friedenszeiten also, töten sollen, da es ja kaum einen Anlaß gab, sie zu liquidieren?
Dann war da die Frage der Kugeln, mit denen man die Opfer erschossen hatte. Die Polen waren mit deutschen Geschossen umgebracht worden – eine Tatsache, die Goebbels sehr verwirrt hatte. General Anders zitiert einen Zeugen, der behauptet hatte, daß diese Geschosse von den Deutschen in großen Mengen in die baltischen Staaten verkauft worden seien. Aber dieses Argument vermag nicht völlig zu überzeugen:
Angeblich hatten die Russen die polnischen Offiziere doch im März 1940 erschossen; die vollständige Besetzung der baltischen Staaten durch die Russen hatte aber erst drei Monate später stattgefunden.“
(Alexander Werth, Rußland im Kriege 1941-1945, S. 449, München 1965)

So bleibt nichts anderes festzustellen als die Tatsache, daß das sowjetische „Massaker von Katyn“ nichts anderes ist als eine der vielen schmutzigen Lügen aus dem Hause Goebbels, eine Lüge, die damals von niemandem geglaubt wurde.
Erst als es als politisch nützlich betrachtet wurde, holten die US-amerikanischen Ideologen die antikommunistische Propaganda wieder aus der Versenkung und verbreiteten sie in allen Medien. Heute wird diese Lüge als historische Wahrheit von allen reaktionären Kräften präsentiert.

Doch die einzige Wahrheit ist, daß der Massenmord von Katyn eines der zahllosen Verbrechen der Nazis war.

Klaus Wallmann sen.

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