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ARCHIV 2003 – 2017

„Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion“ von Willi Dickhut – Eine Rezension mit Vorgeschichte

Als „gelernter“ DDR-Bürger, geboren 1954, habe ich die Ereignisse im Jahre 1989 – die Proteste in Leipzig und anderen Orten, den Besuch Gorbatschows, die „Abstimmung mit den Füßen“ und nicht zuletzt die Reaktionen der Regierungen der DDR und der Sowjetunion – mit sehr ambivalenten Gefühlen betrachtet. Noch mehr: ich zog mich auf die Position eines stillen Beobachters zurück.
Der „Anschluß“ an die BRD, die „Wiedervereinigung“ und die danach erfolgte bewußte Zerstörung aller wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der DDR, brachte mich zu der Überzeugung, daß die Machtergreifung des westdeutschen Kapitals nichts anderes war als eine „friedliche“ Annexion. Mochte der bundesdeutsche Kanzler und Doktor der Geschichte über „blühende Landschaften“ fabulieren, für mich stand spätestens 1991 fest, daß wir für ein paar D-Mark und ein paar Bananen alle sozialistischen Errungenschaften verkauft hatten. Auch von dem, was kommen würde, hatte ich schon gewisse Vorstellungen – schließlich kannte ich sowohl die Schriften des alten Marx, wie auch seit meinem siebenten Lebensjahr das Westfernsehen -, doch diese Vorstellungen wurden bis heute weit übertroffen.

Der Hauptgrund für meine Resignation, für meinen Rückzug ins Private, waren jedoch nicht diese Fakten, sondern die für mich damals unbeantwortete Frage, warum der Sozialismus in der DDR – denn ich ging verständlicherweise davon aus, daß bei uns der Sozialismus existierte -, in der Sowjetunion und den anderen Staaten der „sozialistischen“ Gemeinschaft scheiterte. Dieses „innere Exil“ dauerte bis Ende 2003, eine Tatsache, die ich heute bedaure. Ein unscheinbares, nahezu lächerliches Ereignis beendete meinen politischen Schlaf. Die Ironie des Schicksals bescherte mir einen Leitartikel in unserer bürgerlichen Lokalpresse, der mich derart empörte, daß ich mit einem Leserbrief darauf antworteten mußte. Daraus wurde nur wenige Tage später aufgrund meiner Tätigkeit als Webdesigner eine Webseite, auf der ich mich bis heute zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen unserer Gesellschaft äußere. Verbunden damit ist natürlich eine intensive Internet-Recherche, die mich auch auf Webseiten mit „linken“ Inhalten führte.

Zur Klärung der für mich noch immer unbeantworteten Frage kam es dadurch aber nicht, im Gegenteil. Bürgerliche „Experten“ wußten schon immer, daß das sozialistische System nicht überlebensfähig war und Leute wie Gysi behaupteten, daß nicht der Sozialismus, sondern der „stalinistische Sozialismus“ gescheitert sei. Den einen traute ich aufgrund meines Klasseninstinkts nicht, den anderen konnte ich nicht folgen, weil ich mit Stalin nichts anfangen konnte, denn dieser Mann kam in meinem Geschichtsunterricht nur am Rande und im Philosophieunterricht bis zum Abitur überhaupt nicht vor. Erst nach einem weiteren zufällig im Internet gefundenen Artikel, der sich positiv mit Stalin befaßte, fiel mir auf, daß ich alles, was ich über ihn wußte, aus bürgerlichen Quellen geschöpft hatte. Und das war zu 99 Prozent negativ. Zum ersten Mal entstand in mir ein vager Verdacht, daß der Sozialismus der DDR und den anderen sozialistischen Staaten gar kein Sozialismus im Sinne Marxens, Engels und Lenins gewesen sein könnte, daß meine Fragestellung eventuell eine ganz falsche Fragestellung ist.

Über einen Genossen der MLPD, einer Partei, die ich bis dahin nicht kannte, kam ich an das umfangreiche Buch „Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion“ von Willi Dickhut in der Ausgabe von 1988. Ich habe es das erste Mal in zwölf Stunden durchgelesen, was schon darauf hindeutet, wie sehr es mich gefesselt haben muß.
Überrascht mußte ich feststellen, daß die erste Auflage bereits 1972 erschienen war, also zu einer Zeit, in der ich gerade mein Abitur ablegte. Allein das Erscheinungsdatum und die Tatsache, daß den Menschen in der DDR diese Literatur bewußt vorenthalten wurde, sind bereits Indizien dafür, wie sehr die Regierenden ihre Entlarvung durch dieses Buch gefürchtet haben müssen. Es erübrigt sich darüber zu spekulieren, welchen Verlauf die Geschichte der DDR genommen hätte, wenn den Massen diese Erkenntnisse über den Charakter des Gesellschaftssystems der Sowjetunion und der DDR vor Augen gekommen wären. Trotzdem ist dieses Buch ein entscheidender Beitrag für den weiteren Kampf der Arbeiterklasse, denn woraus sollten wir lernen, wenn nicht aus unseren Fehlern?

Hat dieses Buch nun meine Frage beantwortet?
Ich denke, schon aus meinen vorausgehenden Sätzen ist abzulesen, daß Dickhut das mit seinem Buch getan hat. Er widerlegt sowohl die bürgerlichen Ideologen aller Couleur, die dem Sozialismus jede Lebenschance absprechen, wie auch diejenigen, die den Untergang des Sozialismus Stalin in die Schuhe schieben wollen.

Überzeugend belegt Dickhut die Entwicklung der Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion seit der Machtübernahme der bürokratischen Kapitalisten unter Chruschtschow bis hin zu Gorbatschow, mit dem diese Entwicklung ihren „erfolgreichen“ Abschluß fand. Sie waren es, die das revolutionäre Erbe Lenins und Stalins verraten haben, die Diktatur des Proletariats aufhoben und eine neue Form des Kapitalismus installierten. Aus einer kleinbürgerlichen Schicht, der Bürokratie, wurde unter ihrer Führung eine neue herrschende bürgerliche Klasse, eine Bourgeoisie neuen Typs.
Dickhut zeigt auf, wie ihnen das gelang, er zeigt auf, warum Chruschtschow und seine Clique Stalin zu einem größenwahnsinnigen Verbrecher stempeln mußten – Legenden, die noch heute zum Arsenal des Antikommunismus gehören -, er zeigt auf, daß die Revision des Marxismus-Leninismus unabdingbar war, um die Diktatur des Proletariats zu beseitigen, und er entlarvt die „linken“ Phrasen, mit denen sich die Revisionisten ein „sozialistisches“ Mäntelchen umhängten, weil sie den offenen Weg nicht gehen konnten. Das Volk hätte sie sofort hinweggefegt.

In einem weiteren Kapitel setzt sich Dickhut mit den politischen Voraussetzungen der kapitalistschen und sozialistischen Wirtschaft auseinander. Nachdem die neue Bourgeoisie den Staat in ihre Hände nahm, wurde der Sozialismus durch einen staatsmonopolistischen Kapitalismus neuen Typs ersetzt. Im Unterschied zu den anderen imperialistischen Mächten beruht dieser nicht auf dem Privatkapitalismus, sondern auf einem gemeinschaftlichen Kapitalismus der herrschenden Bürokratie, die als Gesamtkapitalist fungiert. Neben der Revision der ideologischen Grundlagen des Sozialismus kommt es zu einer „Reform“ des Wirtschaftssystems, die sozialistischen Prinzipien werden durch kapitalistische ersetzt. Auch die Wirtschaftstheorie mußte einer revisionistischen „Modernisierung“ unterzogen werden, denn das Wertgesetz des Sozialismus widerspricht nun einmal dem kapitalistischen Wertgesetz. Die Warenproduktion erlebte ihre Wiederauferstehung, genauso wie der kapitalistische Profit wieder zum Hauptprinzip der sowjetischen Wirtschaft wurde, in dessem Gefolge zwangsläufig die Ausbeutung der Werktätigen stand. Mit den sozialistischen Prinzipien der gesellschaftlichen Produktion mußten die Revisionisten natürlich auch das sozialistische Verteilungsprinzip aufheben.

Dickhut weist nach, daß sich der von den Revisionisten eingeführte Kapitalismus zum Imperialismus, zum Sozialimperialismus entwickelte, der sich in den Grundzügen nicht vom monopolistischen Kapitalismus der westlichen Staaten unterschied. In Kapitel 3 deckt er auf, daß auch diesem Imperialismus der Drang nach wirtschaftlicher Expansion, nach Kapitalexport und nach Unterjochung anderer Länder innewohnt, was gesetzmäßig zum Drang nach Aggression und Krieg führt. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Abschnitt über den RGW, in dem Dickhut beindruckende Fakten anführt, die meine bisherige Meinung völlig änderten. Sie beweisen, daß dies letztendlich kein „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ war, sondern ein Instrument zur neokolonialistischen Ausbeutung der anderen Mitgliedsstaaten durch den dominierenden sowjetischen Sozialimperialismus.
Genauso erschreckend für jemanden, der bisher von der „uneigennützige Wirtschaftshilfe“ der Sowjetunion für die jungen Nationalstaaten ausging, sind die Belege dafür, daß es den revisionistischen sowjetischen Machthabern dabei um nichts anderes ging, als sich selbst ein Kolonialreich über die Grenzen der RGW-Staaten hinaus zu schaffen. Doch die Zahlen Dickhuts sind so überzeugend, daß man nach dem Erschrecken nur noch die Tatsache konstatieren kann, daß sich die Ziele des US-Imperialismus und des sowjetischen Imperialismus gleichen wie ein Ei dem anderen.

Hochinteressant ist auch der Abschnitt, der sich mit der ideologischen Integration der „sozialistischen“ Staaten in das imperialistische Weltsystem befaßt. Dickhut beschreibt die Mittel und Methoden, mit denen der Ideologie des Kapitalismus, der ideologischen Diversion die Türen und Tore weit geöffnet wurden. Ziel war die Zerstörung der sozialistischen Ideologie und Kultur und deren Ersetzung mit der bürgerlichen Ideologie. Auch das ist ein Beweis für den Charakter der Sowjetunion seit der Machtergreifung Chruschtschows. Die herrschende Ideologie ist immer die Ideologie der herrschenden Klasse.

Willi Dickhut schreibt: „Vor allem wird oft nicht begriffen, was eigentlich wirklich vor sich gegangen ist.“ Mit diesem Satz hat er sicher nicht nur mein Problem beschrieben. Auch die politischen Führer der DDR waren gezwungen sich in demagogischer Weise auf Marx, Engels und Lenin zu berufen, um sich an der Macht zu halten. Aus eigener Erfahrung kann ich Dickhut auch zustimmen, wenn er zu der Feststellung kommt, daß „nicht wenige ehrliche sowjetische Kommunisten von dieser Demagogie irregeführt“ wurden. Wie in der Sowjetunion spürten auch in der DDR viele Menschen, daß vieles nicht mehr so war wie früher. Doch auch wenn sie mit vielen Maßnahmen der inzwischen als revisionistisch entlarvten Führung nicht einverstanden waren, so glaubten sie doch, daß die DDR ein sozialistisches Land sei, in dem die Arbeiter die Macht in den Händen hielten. Und viele glaubten es bis zum bitteren Ende.

Dickhuts grundlegendes und fundiertes Buch beweist, daß es nicht so war. Es beweist, daß 1989 nicht der Sozialismus gescheitert ist, sondern der bürokratische Kapitalismus, der sich unter dem Deckmantel des „realen Sozialismus“ verbarg. Es beweist auch, daß der Kampf um eine bessere Gesellschaftsordnung nicht zu Ende ist und die Verarbeitung der historischen Erfahrungen mit dem bürokratischen Kapitalismus zu wichtigen Lehren für diesen Kampf führt.

Klaus Wallmann sen., 02.04.2005

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