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ARCHIV 2003 – 2017

Erzengel Gabriel segnet Katar

Bundeswirtschaftsminister und Vize-Kanzler Gabriel – ein „Sozialdemokrat“ – hat nun auch Katar besucht – als Klinkenputzer und Türöffner der Wirtschaftsbosse. Angesichts weltweiter massiver Empörung über die Behandlung tausender Gastarbeiter, die in diesem Land auch auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft 2022 schuften, kam Herr Gabriel offensichtlich nicht darum herum, sich so eine Baustelle anzusehen. Dazu später.

Im September 2013 deckte britische “Guardian” auf, daß zwischen dem 4. Juni und 8. August 2013 auf den Mammutbaustellen in Katar 44 Arbeiter aus Nepal zu Tode gekommen sind. Mehr als die Hälfte starb an Herzattacken oder Arbeitsunfällen. Die Auswertung von offiziellen Angaben der Behörden in Katar ergab, daß 2012/2013 insgesamt mindestens 382 Bauarbeiter aus Nepal ums Leben kamen, davon 185 im Jahr 2013. Mindestens 36 starben in den Wochen nach dem „Guardian“-Bericht. Über die Toten anderen Nationalitäten liegen keine Sterbezahlen vor.

Im November forderte der DGB das Emirat und den Weltfußballverband FIFA auf, für ein „sofortiges Ende der Zwangsarbeit“ auf den Baustellen für die Fußball-WM zu sorgen. 1,5 Millionen Wanderarbeiter hätten “kein Recht, sich zu wehren” oder “sich einer Gewerkschaft anzuschließen”.

Auch der ver.di-Landesbezirksvorstand Nordrhein-Westfalen verabschiedete am 28. November 2013 eine Resolution. „Im Emirat Katar leben offiziell 1,7 Millionen Menschen. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gibt es dort zusätzlich 1,5 Millionen Wanderarbeiter. Sie müssen ihre Pässe abgeben und unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Sie haben kein Recht, sich zu wehren, sie haben kein Recht, sich einer Gewerkschaft anzuschließen. 1,5 Millionen Menschen werden unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Zwangsarbeit gezwungen.“ Falls diese Arbeitsbedingungen nicht sofort geändert werden, solle man Katar die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft entziehen.
Der erwähnte „Amnesty“-Bericht sprach von einem „alarmierenden Ausmaß an Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit“ in Katar. Auch der Internationale Gewerkschaftsbund hat Katar für die groben Verletzungen grundlegender Arbeiterrechte scharf verurteilt.

Im April 2014 dokumentierte „Amnesty International“ in einer Studie die Lage von Arbeitsimmigrantinnen in Katar „schockierende Fälle von Zwangsarbeit, Gewalt und Betrug“. Viele Frauen sind mit falschen Versprechungen nach Katar gelockt worden, um dort zu Sieben-Tage-Wochen mit Arbeit fast rund um die Uhr gezwungen zu werden. „Sie sind Opfer eines diskriminierenden Systems, das sie schutzlos Ausbeutung und Missbrauch ausliefert, inklusive Zwangsarbeit und Menschenhandel“, so Amnesty-Direktorin Gaughran. In Katar arbeiteten etwa 84.000 ausländische Frauen, vor allem aus Asien. Die Frauen berichten, sie seien geschlagen und Treppen heruntergestoßen worden und von Vergewaltigungen.

Die ehrenwerten Herren der FIFA beschrieben die Kritik zu Anfang als überzogen, hätten die Behörden Katars ihnen doch versichert, daß der Prozeß zur Veränderung der Arbeitsschutzgesetze bereits angelaufen sei. Nach dem „Guardian“-Bericht und dem darauf folgenden internationalen Protest, wurde FIFA-Präsident Blatter ein wenig vorsichtiger. Er erklärte, daß der internationale Fußball keineswegs die Augen vor den Bedingungen auf den Baustellen der Fußball-WM verschließen werde. Doch Todesfälle könne es auf jeder großen Baustelle geben. Dieser Zynismus sorgte für weitere Kritik und Empörung. Schließlich erklärte Blatter im Mai 2014, daß das FIFA-Exekutivkomitee sehr wohl von den Problemen in Katar wußte. Daß man dennoch die Fußball-WM 2022 an Katar vergeben habe, bezeichnete Blatter als „Fehler“. Diese Erklärung ist zum einen eine grobe Verharmlosung der extremen Ausbeutung der Arbeitskräfte sowie der zahlreichen Todesfällen auf den Baustellen der WM. Zum anderen verschleiert es das Naheliegende: Katar, eines der reichsten Länder der Welt, dürfte sich die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft schlicht gekauft haben.

Es ist wohl davon auszugehen, daß Herr Gabriel bei seinem Besuch in Katar eine nicht ganz unvorbereitete Baustelle aufsuchte. Auf der die zwei, drei Bauarbeiter, mit denen der deutsche Wirtschaftsminister seinen menschenrechtsaffinen Small Talk abhielt, sicher ebenfalls ein wenig präpariert waren. Früher nannte man das „Potemkinsche Dörfer“ – der gelernte DDR-Bürger weiß, was ich meine. Nur so konnte Gabriel zu der Ansicht gelangen, daß sich im feudalen Katar schon viel verbessert habe. Weswegen man mit dem Land einen fairen Umgang pflegen müsse. „Ich finde, das gehört auch zur Wahrheit.“ Was soll ein bürgerlicher Politiker, der als Klinkenputzer der Bosse unterwegs ist, auch anderes sagen. Schließlich ist das Emirat u.a. Großaktionär bei Deutscher Bank, bei Siemens, VW, Hochtief, Solarworld …

Klaus Wallmann sen.

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