In wenigen Tagen jährt sich wiedereinmal der Tag, an dem der Widerstand der Attentäter um Stauffenberg gefeiert wird. Angesichts der Tatsache, daß das Fach Geschichte an deutschen Schulen immer weniger Beachtung findet, und angesichts der Tatsache, daß die seit Jahrzehnten stattfindende Geschichtsfälschung wohl auch in diesem Jahr fortgesetzt wird, wenn in den Feiertagsreden der “Mut” der Attentäter und ihre “richtigen Schlußfolgerungen” betont wird, und damit die wahren historischen Hintergründe verschleiert werden, ein paar Anmerkungen. (siehe auch: frontal21: Zum “Heldengedenktag”)
“Die Aktion am 20. Juli 1944 ist der Ausdruck der Gegensätze im Lager der Bourgeoisie, die ihre Ursache in der rapiden Entwicklung der deutschen Niederlage, in der Aussichtslosigkeit eines erfolgreichen Abschlusses des Krieges hat. (…)
Die Bourgeoisie ist in der Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft außerordentlich beweglich und manövrierfähig. Wird ihre Klassenherrschaft bedroht, sucht sie sofort nach einem geeigneten Ausweg aus der bedrohlichen Lage. Kann sie mit der einen Herrschaftsform ihre Herrschaft auf Dauer nicht aufrechterhalten, benutzt sie eine andere. Als 1918 die Monarchie in den Massen diskreditiert war, wechselte die Bourgeoisie zur bürgerlichen Demokratie über und rettete mit Hilfe der opportunistischen Sozialdemokratie ihre Klassenherrschaft. Und als 1932, infolge der durch die Weltwirtschaftskrise bedingten Notmaßnahmen (Notverordnungen) zum Entgegensteuern der völligen Zerrüttung der Wirtschaft, die Massen revolutionierten und die kapitalistische Herrschaft gefährdeten, führte die Bourgeoisie die faschistische Diktatur ein, weil die bürgerliche Demokratie nicht mehr in der Lage war, dieser revolutionären Entwicklung zu begegnen. Sie wechselte wieder einmal die Form, um den kapitalistischen Inhalt zu erhalten. (…)
Hätte hinter der Aktion der Generäle am 20. Juli 1944 das Finanzkapital gestanden, wäre der Erfolg nicht ausgeblieben; der Faschismus wäre liquidiert worden. Hinter dieser Aktion stand jedoch nur ein Teil, eine Schicht der Bourgeoisie, die Großagrarier, die keinen ausschlaggebenden Einfluß haben. Sie wurden zu der Aktion getrieben, weil sie sich unmittelbar bedroht fühlten. Durch den überraschenden, schnellen Vormarsch der Roten Armee bis an die Grenzen Deutschlands sahen sie nicht nur das endgültig verloren, was Hitler ihnen für ihre Gefolgschaft zugesichert hatte, nämlich Güter in Polen, in der Ukraine, in Weißrußland und den Baltenländern, sondern ihren eigenen Besitz bedroht. Vor allem war ihnen klar: Wenn die Rote Armee den ostdeutschen Raum besetzt, ist es mit ihrer Herrschaft aus! Zu dieser Bedrohung von außen kommt noch eine Bedrohung von innen. Die deutschen landwirtschaftlichen Arbeiter wurden im Verlaufe des Krieges fast restlos durch ausländische, vornehmlich Ostarbeiter ersetzt, die auf das fürchterlichste ausgebeutet und unterdrückt werden. Unter ihnen macht sich eine starke revolutionäre Gärung bemerkbar, die mit dem Vordringen der Roten Armee auf deutsches Gebiet zur Entladung kommen wird.
Diese unmittelbare Bedrohung trieb die aktiven Kreise der Großagrarier an, nach einem Ausweg zu suchen. Sie sahen ihn in der Konzentrierung aller verfügbaren militärischen und wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands auf das eine Ziel: die Aufrechterhaltung des Dammes gegen die Rote Armee, was nur durch Verständigung und Einstellung des Kampfes mit den Alliierten und dies wiederum nur durch die Liquidierung des Faschismus möglich war. So kam es zum 20. Juli 1944.”
(zitiert aus: Willi Dickhut, “Proletarischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg”, S. 689 ff.)
Klaus Wallmann sen. (18.07.2005)