Die „Welt am Sonntag“ zitierte am 2. März Nariman Dscheljalow, den stellvertretenden Vorsitzenden des Medschlis (Verwaltungsorgan der Krim-Tataren): „Wir waren von Anfang an auf der Seite der europäischen Integration.“ Es wird nicht deutlich, ob der Herr für die Mehrheit seines Volkes spricht.
Der „Spiegel“ berichtete am 28. Februar von E-Mails des Vize der Krimtataren-Vertretung, Aslan Omer Kirimli, aus denen ersichtlich wird, „dass führende Funktionäre des rechtsextremen ‚Rechten Sektors‘ die Krimtataren zur Unterstützung bei Terrorakten gegen Russen auf der Krim anstiften wollen“. Die Führer des faschistischen „Rechten Sektor“ stehen ebenfalls auf der Seite der „europäischen Integration“, und die Führer der Krim-Tataren haben offensichtlich keinerlei Berührungsängste. Dabei haben sie doch schon einmal mit Faschisten zusammengearbeitet und hätten aus dieser Geschichte lernen können.
Es war ebenfalls der „Spiegel“, der 1967 den Kampf der Krim-Tataren an der Seite der faschistischen deutschen Wehrmacht schilderte. Ganz deutlich schrieb man damals: „Die Krim-Tataren hatten mit den Deutschen kollaboriert.“
Die Tataren, so der „Spiegel“, hatten die Deutschen als Befreier begrüßt. Deren von Hitler bereits befohlene Aussiedlung wurde von Himmler jedoch zurückgestellt, wollte er doch vorerst keine Unruhe in dieses „zu uns hinneigende und uns vertrauende Volkstum bringen“. Und Feldmarschall von Kleist befahl am 17. Februar 1943, daß die Krim-Tataren „als Bundesgenossen zu behandeln“ seien. Tatsächlich kämpften diese „Bundesgenossen“ in „Freiwilligen“-Verbänden auf der Seite der deutschen Faschisten gegen ihr Heimatland. „Sechs rein krimtatarische Bataillone kämpften gegen Sowjet-Partisanen.“
Der amerikanische Journalist und Pulitzer-Preisträger Ian Johnson schreibt in seinem Buch „Die vierte Moschee“ (S. 46): „Anfang 1942 leiteten das Ostministerium und die Wehrmacht eine Kampagne zur Anwerbung von Tataren auf der Krim ein, mit einem sensationellen Resultat: Etwa 200.000 Tataren lebten auf der Krim, und rund 10.000 waren von der Roten Armee eingezogen worden. Doch erstaunlicherweise meldeten sich nun sage und schreibe 20.000 Männer freiwillig zur deutschen Wehrmacht – im Grunde die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 18 und 35 Jahren, die noch nicht auf der Seite der Sowjets kämpften.“
Wer mag es der sowjetischen Regierung verdenken, daß sie die Krim-Tataren wegen dieser erwiesenen Kollaboration mit dem Feind als Verräter betrachtete. Zumal das Goebbelsblatt „Das Reich“ am 21.02.1943 laut „Spiegel“ dafür selbst das Argument lieferte. Darin grüßte man die verbündten Tataren, „die beim planmäßigen Rückzug der deutschen Truppen als fünfte Kolonne zurückblieben“. Der Artikel wurde nach fünf Tagen zurückgezogen, weil er „die Existenz verschiedener Nationalitäten gefährdet“. Doch auch ohne diesen Artikel dürfte der sowjetischen Regierung und der Militärführung klar gewesen sein, daß sie eine derartige „fünfte Kolonne“ im Hinterland der vorrückenden Armee nicht weiter agieren lassen konnte. Die militärische Notwendigkeit der Umsiedlung wurde von allen Unterstützern der Anti-Hitler-Koalition mitgetragen.
(Eine historische Parallele war der Beschluß der Alliierten – nicht nur der „Russen“ – zur Umsiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland. Eine nicht geringe Rolle dürfte dabei die Erinnerung an das Verhalten der deutschen Minderheiten in diesen Ländern während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gespielt haben, als das sogenannte Dritte Reich die Aggression gegen diese Länder vorbereitete, sowie während der Besatzungszeit, als diese Minderheiten die politische und militärische Rolle einer „Fünften Kolonne“ übernahmen.)
Doch an diesem Punkt ist es beim „Spiegel“ mit der Tatsachenschilderung vorbei. Es beginnt das, was Thomas Mann* als „die Grundtorheit unserer Epoche“ bezeichnete. „Stalins NKWD vollbrachte, was Hitlers SS nicht mehr erreicht hatte.“ Diese Gleichstellung von Stalin und Hitler ist seit diesem Spiegel-Artikel von 1967 inzwischen zum guten antikommunistischen Ton geworden. „Die Tataren wurden von der Krim nach Sibirien und Mittelasien verbannt, viele liquidiert.“ Nachdem Ian Johnson von etwa 200.000 auf der Krim lebenden Tataren spricht, werden im „Spiegel“ daraus „etwa 300 000“. Doch auch Wikipedia spricht von 202.000 (1936), obwohl man dort eine Zeile zuvor „Schätzungen“ kolportiert, nach denen durch den „Stalinschen Terror nahezu die Hälfte der Krimtataren ums Leben (kamen), etwa 150.000 Menschen“. Das würde nun wieder den „Spiegel“ bestätigen – doch es ist nur Wikipedia …
Inzwischen redet der „Spiegel“ sogar seine eigenen Erkenntnisse klein. Vor einigen Tagen konnte man unter „einestages.spiegel.de“ lesen, daß doch nur „ein kleiner Teil der Krimtataren mit den deutschen Besatzern kollaboriert“ hätte. Johnson erwähnte die „gesamte männliche Bevölkerung zwischen 18 und 35 Jahren“. Der „Spiegel“ weist auch darauf hin, daß doch sogar „60.000 Krimtataren in der Roten Armee gekämpft hatten“. Der Pulitzer-Preisträger weiß nur von 10.000 zu berichten. Die Differenzen dürften darauf zurückzuführen sein, daß bürgerliche Medien faschistische Kollaborateure gern als Opfer darstellen möchten, in diesem Fall als Opfer „weiterer Grausamkeiten“ Stalins. Die „Deportation“ der Krim-Tataren fand (im Krieg) kritikwürdigerweise nicht in bequemen Personenzug-Abteilen, sondern in „überfüllten Viehwaggons“ statt. Ein „Großteil der Krimtataren“ überlebte laut „Spiegel“ die Fahrt nicht – aber auch das war nur „Teil des Kalküls“.
Den Startschuß für derlei antisowjetische und antikommunistische Geschichtsfälschung gab Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956. Um den Sozialismus in der Sowjetunion zugunsten eines bürokratischen Staatskapitalismus zu vernichten, griff er in seiner berühmt-berüchtigten Geheimrede Stalin an. Die Aussiedlung auch der Krim-Tataren bezeichnete er als ungerechtfertigte Maßnahme. Eine Äußerung, die von den Antikommunisten weltweit gern aufgenommen wurde. Um das „Unrecht wiedergutzumachen“, rehabilitierte der sowjetische Staatspräsident Podgorny 1967 die Krim-Tataren. Auch dieser begründete dies damit, daß die „Kooperation einzelner mit der deutschen Besatzung“ nicht dazu berechtige, „der gesamten Tatarenbevölkerung der Krim die Schuld zu geben“. (Zur Erinnerung noch einmal Johnson: die „gesamte männliche Bevölkerung zwischen 18 und 35 Jahren“.)
Das war der Zeitpunkt, an dem der „Spiegel“ seinen Artikel veröffentlichte und darin feststellte: „Die Krim-Tataren hatten mit den Deutschen kollaboriert.“ Gemeint waren selbstverständlich die deutschen Faschisten.
Heute sind es ukrainische Faschisten, wie Alexander Musitschko, der „Juden, Kommunisten und russischen Abschaum bekämpfen“ will, „solange noch Blut durch meine Adern fließt“. Sie stehen in der Tradition des faschistischen Kollaborateurs Bandera und nehmen inzwischen Schlüsselpositionen in der neuen ukrainischen Regierung, in den Streitkräften, der Justiz, der Polizei und den Geheimdiensten ein. In guter alter Tradition versuchen sie nun, die Tataren auf der Krim erneut zu ihrer „fünften Kolonne“ zu machen. Die Billigung der herrschenden Klasse in den USA und der EU ist ihnen gewiß, während die bürgerlichen Medien – die man nicht gleichschalten muß – die Konflikte bewußt anheizen. Jüngstes Beispiel: „Krimtataren zittern vor der Stunde Null“ (n-tv).
Die Krim-Tataren sind erneut zum Spielball imperialistischer Interessen geworden. Angesichts ihrer „Führer“ dürfte es unwahrscheinlich sein, daß die Mehrheit der 300.000 Tataren auf der Krim die Manöver zu ihrer Irreführung erkennt. Es wäre schon höchst positiv zu werten, wenn sie den „Angeboten“ der ukrainischen Faschisten widerstünden.
Klaus Wallmann sen.
* Thomas Mann (1875-1955)
Ich glaube, ich bin vor dem Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein. Trotzdem kann ich nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen Welt vor dem Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergläubisches und Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche. Der Kommunismus ist als Vision viel älter als der Marxismus und enthält auch wieder Elemente, die erst einer Zukunftswelt angehören. Älter ist er, weil schon die religiösen Volksbewegungen des ausgehenden Mittelalters einen eschatologisch-kommunistischen Charakter hatten: schon damals sollten Erde, Wasser, Luft, das Wild, die Fische und Vögel allen gemeinsam gehören, auch die Herren sollten um das tägliche Brot arbeiten, und alle Lasten und Steuern sollten aufgehoben sein. So ist der Kommunismus älter als Marx und das 19. Jahrhundert. Der Zukunft aber gehört er insofern an, als die Welt die nach uns kommt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, und die langsam ihre Umrisse zu enthüllen beginnt, schwerlich ohne kommunistische Züge vorzustellen ist, das heißt, ohne die Grundidee des gemeinsamen Besitz- und Genußrechts an den Gütern der Erde, ohne fortschreitende Einebnung der Klassenunterschiede, ohne des Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit für alle.
(Der Antibolschewismus – die Grundtorheit unserer Epoche (1946))