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ARCHIV 2003 – 2017

Mit Schaum vor dem Mund

Josef Joffe ist der Herausgeber der ZEIT, also der Zeitung, die mit nahezu absoluter Kompetenz wirbt. Die diesbezügliche TV-Werbung wird mit dem Altbundeskanzler Schmidt garniert – und vielleicht hätte Herr Joffe ihn fragen sollen, bevor er seine „Kritik“ an der scharfe Kritik des Papstes am real existierenden Kapitalismus öffentlich machte.

Joffe stört sich daran, daß ausgerechnet der Papst ausgerechnet den Kapitalismus beschuldigt, daß dieser töte – und sich niemand über diese Feststellung aufrege. Sein Ärger ist verständlich, ist der Papst doch das Oberhaupt von Millionen Katholiken auf der ganzen Welt. (Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“)

Joffe begegnet der vollkommen richtigen Kritik mit dem demagogischen Verweis auf den „Sozialismus“, der in Verbindung mit den Präfixen „Real-„ oder „National-„ tatsächlich getötet habe. Joffe weiß natürlich, daß der „Realsozialismus“ spätestens seit den 1950er Jahren nur noch ein Etikett war, hinter dem sich alles, nur kein Sozialismus verbarg. Und er weiß auch, daß er mit dem Begriff „Nationalsozialismus“ die Demagogie der Faschisten weiterführt, die mit dem Sozialismus überhaupt nichts, mit dem Kapitalismus aber sehr viel am Hut hatten. Zum anderen beschreibt dieser Begriff keine Gesellschaftsordnung. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß Herr Joffe als Herausgeber einer bürgerlichen Zeitung „Stalin, Mao und Hitler“ in einem Topf wirft. Ist es doch auch seine Aufgabe, die Totalitarismustheorie in den Köpfen seiner Leser zu verankern, mag sie auch noch so unwissenschaftlich sein.

Und da es sich um eine Äußerung des Papstes handelt, ist es nach Herrn Joffe „nicht einmal falsch“ zu behaupten, daß „die Religion tötet“. Auch an dieser Stelle verwechselt er bewußt wieder das Etikett mit dem Inhalt. Denn wenn „Religionskriege“ unter dem „Namen des wahren Gottes“ geführt wurden und werden, so stecken dennoch immer handfeste machtpolitische und letztendlich ökonomische Interessen dahinter. Sie sind die Ursache für die Kriege der herrschenden Klasse, für die die unterdrückte und ausgebeutete Klasse jedesmal den Preis zahlt.

Den Kapitalismus als „Mordideologie, als Böses an sich zu stilisieren ist zu viel der Ehre“, meint Herr Joffe, und schon wieder verwechselt er Ideologie mit Gesellschaftsordnung. Gleichzeitig versucht er ausgerechnet Karl Marx zum Kronzeugen seines Qualitätsjournalismus zu machen, obwohl er ihn offensichtlich nicht verstanden hat. Ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, das den Kapitalismus als historische Triebkraft beschreibt, soll uns wohl davon überzeugen, wie toll doch der Kapitalismus ist. Herr Joffe vergißt nur zu erwähnen, daß der Kapitalismus diese positive Rolle vor allem während der Überwindung des Feudalismus gespielt hat. In seiner weiteren Entwicklung kam er zwangsläufig an einen Punkt, an dem die kapitalistischen Produktionsverhältnisse hinter der Entwicklung der Produktivkräfte zurückblieben – und also reaktionär wurden.

Unverständlich bleibt, warum Herr Joffe überhaupt eine positive Aussage über den Kapitalismus und ausgerechnet von Marx braucht, denn nach seiner Auffassung hat Marx den Begriff „Kapitalismus“ eh nur „als Kampfbegriff“ erfunden(!). Und den Begriff „Bourgeoisie“ hat Marx mit dem Begriff „Kapitalismus“ gleichgesetzt. Nun freilich. Überhaupt sollte man den (erfundenen) Kapitalismus – so Joffe – wie Marx mit „nüchternen Augen ansehen“. Dann erkenne man den „wirtschaftlichen und moralischen Fortschritt“ gegenüber dem Feudalismus oder dem „Realsozialismus“. Dort kannte man keinen Wohlstand, keine Gleichheit – dafür aber die Armut und „den Gulag“.

Der „frühe K.“ – Herr Joffe möchte den „Kampfbegriff“ offensichtlich nicht überstrapazieren – der „frühe K.“ der war schon schlimm, doch heute ist „der K.“ nur noch „ein Pappkamerad“. Ist er doch zum „modernen Wohlfahrtsstaat“ mutiert (diesmal verwechselt der Qualitätsjournalist die Gesellschaftsordnung mit dem Staat), der „ein Drittel des BIP als Transfers verteilt“, der „Mindestlöhne dekretiert“ und Kartelle „gnadenlos verfolgt“. Warum die Reichen dennoch immer reicher werden, während im führenden Industrieland BRD die Armut wächst, das erklärt uns Herr Joffe nicht. Und wenn die bürgerlichen Massenmedien, in diesem Fall der „Zeit“-Herausgeber, von einem „gnadenlosen“ Bundeskartellamt phantasieren, so machen sie damit nur deutlich, daß sie gern und immer dabei sind, wenn es gilt, das Volk für dumm zu verkaufen. Der Chef des Bundeskartellamt gab am 3. April 2012 im Staatsfernsehen ZDF zu Protokoll, daß seine Behörde z.B. gegenüber den Öl-Monopolen in Sachen Benzin-Preis völlig machtlos ist. Die Aktienkurse von BP, Conoco-Philips, Exxon-Mobil, Shell und Total belegen dies in der Praxis.

Den „Crash von 2008“ – der Herr meint die seit 2008 anhaltende Weltwirtschaftskrise – kann man selbstverständlich auch nicht auf den Kapitalismus zurückführen, denn nicht die kapitalistische Überproduktion der „Marktwirtschaft“ (eine weitere euphemistische Bezeichnung für den K.) ist daran schuld, sondern die „Gier“ und der „Exzess“ der „staatlichen“ Finanzinstitute in den USA und Deutschland.

Bis hierhin sind es der Peinlichkeiten schon mehr als genug, doch Herr Joffe setzt noch einen drauf. „Der demokratische K.“ (hier vermischt Joffe die Staatsform mit der Gesellschaftsordnung, und meint zudem natürlich nur die bürgerliche Demokratie) „glänzt … als beispiellose Wohlstandsmaschine“. Bleibt die Frage: Für wen?

Klaus Wallmann sen.

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