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ARCHIV 2003 – 2017

70. Todestag: Die Angst vor Thälmann

Der Leiter des sogenannten „Forschungsverbundes SED-Staat“ an der Freien Universität, ein Herr Klaus Schroeder, hat sich im „Tagesspiegel“ darüber ausgelassen, „Warum wir Thälmann nicht ehren sollten“.

Das „wir“ im Titel dieses Werkes ist bemerkenswert, will sich Herr Schroeder mit diesem Wörtchen doch offensichtlich mit uns, mit allen Bürgern Deutschlands gemein machen. Nun schreibt der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker aber als Leiter des „Forschungsverbundes SED-Staat“, und da liegt es nun mal auch nahe, daß er einen engeren Kreis mit diesem „wir“ meint, nämlich sich und seinesgleichen, sowie die Auftrag- und Geldgeber dieser Forschungen. Zu diesen gehören z.B. Volkswagen, die Deutsche Bank und das Staatsfernsehen ARD. Erwähnenswert vielleicht auch noch die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“, die von Bund und Ländern – also mit unserer aller Steuergroschen – finanziert wird. Da der die Musik bestimmt, der sie zahlt, ist auch die Aufgabe des Schroederschen „Forschungsverbundes“ nicht unbedingt eine Überraschung. Er soll die „zweite deutschen Diktatur“ – also die DDR – untersuchen, wobei diese Formulierung den deutschen Faschismus mit dem DDR-Staat gleichsetzt. Das wiederum bedeutet eine Relativierung der faschistischen Verbrechen, womit sich der von uns allen bezahlte „Forschungsverbund“ von vornherein als Vertreter und Verteidiger der selbst in bürgerlichen Kreisen höchst umstrittenen weil unwissenschaftlichen „Totalitarismustheorie“ erweist.

Aber: „Trotz aller Widerstände aus der etablierten Geschichts- und Politikwissenschaft gelang es dem Forschungsverbund SED-Staat, sich als Institution zu profilieren und vielbeachtete wissenschaftliche Publikationen vorzulegen“, so man selbst über sich ganz stolz.

Ob Herrn Schoeders Werk, das der „Tagesspiegel“ unter „/meinung/andere-meinung/“ einordnet, so eine „vielbeachtete wissenschaftliche Publikation“ ist, das lasse ich mal dahingestellt. Allerdings habe ich da wenig Hoffnung, ist sein „Werk“ doch nicht einmal originell, reiht er sich damit doch nur in die Reihe so subalterner Männer wie dem CDU-Landtagsabgeordneten Peter Stein ein, der bereits im vergangenen Jahr darüber lamentierte, ob ausgerechnet Thälmann es verdiene, „häufiger genannt zu werden als beispielsweise Martin Luther“. Ein Fürstenknecht und ausgewiesener Antisemit, ein Ideologe der herrschenden Klasse – auch das war Martin Luther, den die heute herrschende Klasse natürlich nur allzugern an die Stelle des Hamburger Transport- und Hafenarbeiters, des Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft und des Deutschen Reichstages, des Präsidentschaftskandidaten, des politischen Gefangenen Hitlers, des Parteivorsitzenden der KPD Ernst Thälmann setzen würde.
Daß diese „Forschungs“einrichtung also auch dazu dient, generell linke Anliegen und Ansichten zu diskreditieren, das scheint mir mit diesem „Werk“ bewiesen zu sein. In medias res:

Thälmann war ein KPD-Funktionär der ersten Stunde; schon unmittelbar nach der Gründung der Partei wurde er in den Zentralausschuss gewählt. Knapp drei Jahre später beteiligte er sich – wenn auch nicht als Barrikadenkämpfer – am sogenannten Hamburger Aufstand, einem gewaltsamen Putschversuch der KPD gegen die junge Weimarer Republik.

Der Hamburger Aufstand von 1923 wurde „von der militanten Sektion der KPD in Hamburg, der KP Wasserkante“ durchgeführt, so Wikipedia. Warum sie dieses aussichtslose Unterfangen begannen, ist bis heute nicht vollkommen geklärt, denn die Führung der KPD war zu dieser Zeit gegen einen Aufstand. Formal hat Herr Schroeder natürlich recht, denn die politische Verantwortung trug zu diesem Zeitpunkt Thälmann.

1925 übernahm er den Vorsitz der KPD und kandidierte bei der Reichspräsidentenwahl. Mit seiner Kandidatur im zweiten Wahlgang verhinderte er einen Wahlsieg des demokratischen Zentrumpolitikers Wilhelm Marx und verhalf Hindenburg zum Sieg.

Nun, abgesehen vom bürgerlichen Gekungel zwischen den „Demokraten“ von SPD, DDP und Zentrum vor dem zweiten Wahlgang, und der offensichtlichen Aussichtslosigkeit der Kandidatur Thälmanns – weswegen sich das Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale auch dagegen aussprach -, entbehrte es nicht der Realität, wenn Thälmann damals erklärte: „Es ist nicht die Aufgabe des Proletariats, den geschicktesten Vertreter der Bourgeoisieinteressen auszusuchen, zwischen dem Zivildiktator Marx und dem Militärdiktator Hindenburg das kleinere Übel zu wählen. Wir rufen die Massen auf: Organisiert den Massenkampf gegen die Bourgeoisiediktatoren, gegen Hindenburg und Marx! … Jeder klassenbewußte Arbeiter stimmt gegen Hindenburg und Marx für Thälmann!“ (Rote Fahne vom 12. April 1925)
Formal hat Herr Schroeder jedoch recht. Mit den 1.931.151 Stimmen die auf Thälmann entfielen hätte der „Zivildiktator“ Marx die Wahl gewonnen. Doch Herr Schroeder „argumentiert“ wie die sozialdemokratischen Demagogen 1925: „Hindenburg von Thälmanns Gnaden“. Und 1932 riefen sie: „Hindenburg ist der Kandidat des Volkes.“

In den nachfolgenden Jahren bekämpften Thälmann und die KPD die Demokratie, wo immer sie eine Möglichkeit hierfür sahen.

Das Weglassen des Wörtchens „bürgerliche“ hat bei bürgerlichen Demokraten und „Forschern“ wie Schroeder natürlich Methode.

Dabei scheute Thälmann auch nicht die Zusammenarbeit mit den erstarkenden Nationalsozialisten. Im August 1931 versuchten NSDAP und KPD gemeinsam, durch einen Volksentscheid die sozialdemokratische Landesregierung Preußens zu stürzen.

Von einer „Zusammenarbeit“ von KPD und NSDAP weiß selbst Wikipedia nicht zu berichten. Initiiert hatte den Volksentscheid der „Stahlhelm“, unterstützt wurde er von DNVP und DVP, schließlich auch von der NSDAP. Am 22.07.1931 kündigte auch die KPD die Unterstützung des Volksbegehrens an. Das ZK der SED schätzte dies 1966 als folgenschweren Fehler ein.

Ein Jahr später organisierten die beiden antidemokratischen Parteien gemeinsam einen BVG-Streik. Thälmann sah kein Problem in der Zusammenarbeit von Kommunisten und Nationalsozialisten in Streikkomitees.

Der bewußt nicht differenzierende Begriff „antidemokratisch“ soll wohl im Gegensatz zu „demokratisch“, also „bürgerlich-demokratisch“ stehen (wobei Herrn Schroeder wohl die bürgerliche, großbürgerliche Grundlage der Politik der Faschisten entgangen ist). Es dürfte verständlich sein, daß die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO), die in der BVG etwa 1.200 Mitglieder hatte, als kämpferische proletarische Gewerkschaft den Streik gegen eine Lohnkürzung unterstützte. Daß es auch die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) tat, die ebenfalls rund 1.200 Mitglieder verzeichnete, lag in der taktischen Demagogie der NSDAP begründet. Gegen Hitler setzte sich Goebbels durch, der sich durch die Unterstützung des Streiks einen Einbruch in das Lager der Arbeiter versprach. In der zentralen Streikleitung dominierte schließlich die RGO neben Vertretern des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) und zwei Vertretern der NSBO. An diesen Fakten kommt auch Herr Schroeder nicht vorbei.
Die „Stiftung Deutsches Historisches Museum“ – wahrlich keine linke Einrichtung – beschreibt dieses „Zusammenwirken der zutiefst verfeindeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und Nationalsozialistischen Partei Deutschlands (NSDAP)“ als „einzigartig“, und begründet es als eine Gelegenheit für beide Parteien „unmittelbar vor der Reichstagswahl vom 6. November 1932 … neue Stimmen in der jeweiligen Wählerschicht des politischen Gegners zu erzielen“.

Für Thälmann waren nicht Nationalsozialisten die Hauptfeinde, sondern Sozialdemokraten, die er als Sozialfaschisten bezeichnete.

Auch die „Sozialfaschismustheorie“ war ein folgenschwerer historischer Fehler, die der VII. Weltkongress der Komintern 1935 verwarf. Dennoch hatte diese Theorie natürlich Ursachen. So schrieb z.B. der Herr Severing, einer der damaligen Führer der SPD im Parteiblatt „Vorwärts“ am 30.04.1932: „Ist es nicht begreiflich, wenn sich der lebhafte Wunsch regt, nunmehr den Nationalsozialisten Gelegenheit zu geben, ihre Worte mit den harten Tatsachen in Einklang zu bringen? Indes muß der Wunsch an eine Voraussetzung geknüpft bleiben: Der Schaden, der aus einem solchen Experiment erwächst, darf nicht irreparabel sein.“, nachdem der gleiche „Vorwärts“ fünf Tage zuvor geschrieben hatte: „Ohne Rücksicht auf staatsrechtliche Erwägungen kann es ein Gebot der politischen Klugheit sein, sie (die NSDAP) an, die Macht heranzulassen.“ Dagegen erklärte Thälmann auf dem Berliner antifaschistischen Einheitskongreß am 10. Juli 1932: „Es gibt keinen größeren und schamloseren Betrug an den Massen, als wenn man ihnen erzählt. Die Faschisten werden sich schon abwirtschaften, laßt sie nur regieren.“

Die KPD, die die von der NSDAP ausgehende Gefahr unterschätzte, wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten schnell zerschlagen …

Wie die Gewerkschaften, wie die SPD … In den Wahlkämpfen des Jahres 1932 trat die KPD hingegen mit der Parole auf: Wer Hitler wählt, wählt Krieg! Und bereits in einer Rede am 10. Juni 1929 erklärte Thälmann, unter Hinweis auf die Entwicklung in Jugoslawien, in Polen und in Österreich, daß die faschistische Gefahr noch nie so groß gewesen sei: „Wir sehen auch eine steigende faschistische Bewegung, in Deutschland, eine Entwicklung des Werkfaschismus, der faschistischen Wehrorganisationen, den Gewinn der Nationalsozialisten bei den sächsischen Wahlen. Verschieden sind die Formen und Methoden, wie der Faschismus in den verschiedenen Ländern zur Herrschaft zu gelangen sucht, aber überall tritt er nicht nur als stärkstes Mittel der Unterdrückung der Arbeiter, sondern als Wegbereiter für den Krieg gegen die Sowjetunion auf.“

Thälmanns Tod hätte freilich verhindert werden können. Wenn Stalin 1939 nach Abschluss seines Paktes mit Hitler auf der Freilassung des KPD-Führers bestanden hätte, wäre er vermutlich in die Sowjetunion entlassen worden. Doch die Kommunisten brauchten einen Märtyrer und verzichteten auf diese Forderung.

Ich hätte mich gewundert, wenn Herrn Schroeder nicht mit dem Finger auf Stalin gezeigt hätte, und diesen als Schuldigen am Tod Ernst Thälmanns darbietet. Nicht die deutschen Faschisten, die Thälmann noch 1933 einkerkerten, sind schuld an seinem Tod in der Nacht vom 17. zum 18. August 1944. Nicht die Faschisten sind schuld an seiner Ermordung in Buchenwald, und schon gar nicht der SS-Mann Wolfgang Otto. Schuld ist Stalin, auch wenn Herr Schroeder selbst an „wenn“ und „vielleicht“ nicht vorbeikommt. Zumindest eines hätte Schroeder aber bedenken können: Thälmann selbst hätte sein Leben retten können. Die Nazis boten ihm die Garantie für ein gutbürgerliches Leben, wenn er nur dem Kommunismus abgeschworen hätte. Er tat es nicht.

Thälmann war in seinem politischen Wirken in erster Linie nicht Antifaschist, sondern Antidemokrat. Mit der von ihm geführten kommunistischen Partei bemühte er sich nach Kräften, die Weimarer Republik zu zerstören und an ihrer Stelle eine kommunistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild zu errichten.

Ich denke solche Albernheiten gegenüber einem kommunistischen Parteiführer muß man nicht kommentieren. Die antikommunistische Voreingenommenheit springt einem aus jedem Wort ins Gesicht, und hat mit Wissenschaft und Forschung auch nicht das geringste zu tun.

Wer Thälmann durch Straßen, Plätze, Kindertagesstätten, Schulen und Denkmäler ehrt und in seinem Sinne „kämpft“, möchte die freiheitliche Demokratie in Deutschland abschaffen oder steht ihr gleichgültig gegenüber. Wer sich aber den Werten dieser Demokratie verpflichtet fühlt, kann nur fordern, den Namen „Thälmann“ aus dem Straßenbild deutscher Städte und Gemeinden zu tilgen.

Zur „freiheitlichen Demokratie“ gehört es offensichtlich, daß sich Wissenschaftler nicht nur als „Schilderstürmer“ sondern auch als Demagogen bezahlen lassen. Thälmann war wie jeder Mensch sicher nicht unfehlbar. Kritik gab und gibt es. Doch sie wird zur Demagogie, wenn sie nicht im historischen Kontext steht. Wer wie Schroeder „Kritik“ übt, ohne den Zusammenhang mit der historischen Situation herzustellen, handelt nicht redlich. Doch es liegt nun einmal in der Natur der Sache, daß dieselbe heute noch herrschende Klasse ihre „Wissenschaftler“ dafür bezahlt, daß sie die Verdienste z.B. Thälmanns zur Nebensache machen, und seine Fehler zum Wesentlichen hochstilisieren. Das nenne ich eine Fälschung, die sich nicht nur gegen Thälmann und die sicher nicht problemlose Geschichte der KPD richtet, sondern den Sozialismus/Kommunismus generell diskreditieren soll. Deshalb sollen wir Thälmann nicht mehr ehren.

Nun scheint es ja so, als seien deutsche Schriftsteller seit Grass‘ Gedicht nicht mehr respektabel genug, seien sie selbst Nobelpreisträger. Ich möchte dennoch zwei Schriftsteller – einen dänischen und einen deutschen – zitieren, die sich zu Thälmann geäußert haben. So schrieb der Dichter Martin Andersen Nexö schon 1936: „In dem heutigen Kampf zwischen Kultur und Barbarei, zwischen Mensch und Tier, Geist und Bestie … ist Ernst Thälmann das stärkste Symbol der menschlichen Kräfte geworden.“
Und der bürgerliche Schriftsteller Heinrich Mann schrieb anläßlich des 50. Geburtstages Thälmanns: „Die proletarische Jugend hat Helden und darf zu ihnen aufblicken … Der gefangene Ernst Thälmann ist sehr stark, viel stärker als seine Peiniger … Thälmann ist ein wirklicher Arbeiter mit Fäusten und einem gesunden Verstand. Der Feind, der ihn gefangen hält, stellt von allem das Gegenteil dar.“

Thälmanns Feinde scheinen noch immer zu existieren, doch selbst der tote Thälmann flößt ihnen noch immer Angst ein. Zu Recht.

Klaus Wallmann sen., 04.05.2012

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